Die Fakultät Abfallwirtschaft

Vermischtes
Schwandorf
24.10.2014
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In Schwandorf steht eines der modernsten Müllkraftwerke der Welt. Aus dem Unrat wird hier Strom und Prozessdampf gewonnen.

17 bayerische Kommunen - von Hof bis Landshut, von Neumarkt bis Cham - sind froh, dass es einen Ort gibt, an dem sie ihren Müll loswerden können. Ein Ort, an dem man sich nicht nur über die Abfälle der Nachbarn freut. Dort kann man gar nicht genug davon bekommen: in Schwandorf. Hier steht eines der modernsten Müllkraftwerke der Welt. Jährlich verbrennt es in seinen vier Ofenlinien 450 000 Tonnen Abfall. Nicht allein, um sich der vermeintlich unliebsamen Reststoffe ein für alle Mal zu entledigen. Schwandorf dient nicht nur der Beseitigung, es ist ein Kraftwerk. Aus Müll wird hier Strom und Prozessdampf für benachbarte Industriebetriebe und Wärme für die Wohnhäuser, Geschäfte und öffentlichen Gebäude der Großen Kreisstadt gewonnen.

Prozessdampf und Strom

"Ohne uns könnten Unternehmen wie Nabaltec nicht existieren", gibt sich Thomas Knoll, Direktor des Zweckverbandes Müllverwertung Schwandorf (ZMS), selbstbewusst. Die Herstellung funktionaler Füllstoffe - das Kerngeschäft der Nabaltec AG - ist energieintensiv. Große Mengen Prozessdampf und Strom werden benötigt. 468 000 Tonnen Hoch- und Niederdruckdampf hat das Kraftwerk 2013 an seinen energiehungrigen Nachbarn geliefert.

Damit erschöpft sich die Bedeutung der Anlage aber längst nicht. Sie ist der Kern eines verzweigten Industrie-, Wirtschafts- und Wissenschaftsgeflechts. 20 bis 30 Millionen Euro werden vom Verband jedes Jahr in die Instandhaltung der High-Tech-Einrichtung investiert und tragen so im Bereich der Kraftwerkstechnik und der chemischen Industrie zur Existenz von mehr als 100 vor- und nachgelagerter Firmen von Pfreimd bis Regensburg bei. So ist der ZMS beispielsweise auch Großkunde des Kalkwerks in Regensburg. Der Kalk wird zur Abgasreinigung verwendet.

Bevor aber Abgase entstehen und die Öfen auf ihre 1000 Grad Celsius Betriebstemperatur gebracht werden, muss der Müll nach Schwandorf gelangen. Das geschieht über die Schiene. Der Verband betreibt neun Umladestationen. Hier werden die Müllmengen gesammelt, gepresst und auf Züge verladen. "Wir sind der größte Bahnspediteur in Ostbayern", sagt Knoll. 80 Prozent des im Verbandsgebiet anfallenden Abfalls kommen auf diesem Weg in die Schwandorfer Müllbunker.

"Sind auch Schrotthändler"

Dorthin gelangt ohnehin nur der Müll, der unter normalen Umständen stofflich nicht weiter verwertbar ist. Dafür haben zahlreiche Entsorgungsunternehmen im Vorfeld gesorgt. Auch sie brauchen das Kraftwerk. "Kein Unternehmen ist reststofffrei", erklärt Knoll. "Die Entsorger müssen ihren Kunden die Frage beantworten, was mit den Reststoffen passiert." Die thermische Verwertung im ZMS ist eine Antwort, die gerade Unternehmen wie Siemens oder BMW sehr zufriedenstellt. Denn Konzerne dieser Größe müssen Ökobilanzen veröffentlichen und darauf wirkt sich die Verbrennung im High-Tech-Kraftwerk positiv aus.

Aber selbst nach dem Bad in den Flammen finden die Magnete im Rest vom Restmüll - der Schlacke - noch Verwertbares. "Wir sind auch Schrotthändler", so Knoll. 12 000 Tonnen Metalle gehen jährlich an Stahlwerke.

Die vermeintlich vollständig ausgebeuteten Überbleibsel schickt der ZMS dann an einen weiteren Nachbarn. Die MG Metallgewinnung hat die technischen Möglichkeiten, auch daraus noch einen Nutzen zu ziehen. Das zur Krefelder C.C. Gruppe gehörende Unternehmen extrahiert das Restaluminium und andere Nichteisenmetalle und verkauft es an Stahlwerke und Aluminiumhütten.

Erst danach landet die "leere" Schlacke auf der Deponie bei Haslbach unter der Erde , wo viel Technik und Know-how zum Einsatz kommen, um eine Kontamination der Umwelt auszuschließen.

Überhaupt besteht zwischen Wissenschaft und ZMS ein dichtes Netz an Verknüpfungen. Zusammen mit dem Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik in Sulzbach-Rosenberg, den Technischen Hochschulen in Amberg, Weiden und Regensburg sowie der Ludwig-Maximilians-Universität München wird eng zusammengearbeitet und geforscht. Die Einrichtungen sind ein wichtiges Arbeitskräftereservoir.

Wichtige Praxiseinblicke

Im Gegenzug erhalten die Studierenden Praxiseinblicke in modernste Kraftwerkstechnik. Knoll liebäugelt mit dem Bau eines Besuchergebäudes mit Hörsaal. "Wir wären für den Aufbau eines Masterstudiengangs Abfallwirtschaft sofort zu haben. Zusammen mit den OTHs und dem Fraunhofer-Institut könnten wir örtliche Kompetenz aufbauen."
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