Drei Serviceclubs ziehen an einem Strang
50500 Euro im Spendentopf

Hüseyin Cakir (Lions-Integrationsbeauftragter, von links), Axel Jakobitz (Round-Table-Präsident), Joao Neisinger (Bewerber für die Stelle des "Integrations- und Qualifikationsberaters"), Reinhard Proske (Lions-Präsident) und Michael Horsch (Rotary-Präsident) ziehen beim Projekt "Integration - fördern und fordern" an einem Strang. Bild: Hirsch
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Schwandorf
27.11.2016
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Diskutierten über die Herausforderung, Flüchtlinge einzugliedern (von links): Landrat Thomas Ebeling, Unternehmer Thomas Hanauer, Ministerin Emilia Müller, Moderator David Neufeld, THW-Beauftragter Martin Liebl, Entwicklungshelfer Dr. Reinhard Erös und Unternehmer Philipp Horsch. Bilder: Hirsch (2)

Für Dr. Reinhard Erös ist die Entwicklungshilfe der Bundesregierung kontraproduktiv. "Das meiste Geld verschwindet in den Taschen der Reichen", sagte der Gründer der "Kinderhilfe Afghanistan" bei der Benefiz-Veranstaltung am Samstag bei der Firma Horsch (weiterer Bericht auf dieser Seite). Der pensionierte Bundeswehrarzt hat andere Lösungsvorschläge.

Weil westliches Militär an der 4000 Jahre alten Kultur am Hindukusch nichts ändern werde, müsse man das Problem an der Wurzel packen. "Nicht mit Gewehren, sondern mit den Waffen den Wissens". Wer die Menschen vor Ort bilde, mache sie fähig, die Dinge später in die eigene Hand zu nehmen. Deshalb baut Dr. Reinhard Erös Schulen und Universitäten und ermöglicht auch den Mädchen den Zugang zur Bildung.

"Die Spendengelder fließen reichlich", freut sich der Entwicklungshelfer. Zu seinen Unterstützern gehört auch das Unternehmen Horsch. Die Fluchtursachen vor Ort zu bekämpfen, darin sieht der Mediziner den einzigen vernünftigen Lösungsansatz. Die Menschen flüchten aus ihrem Land, "weil sie dort keine Zukunftsperspektive haben". Deshalb schicken die Familien ihre Kinder in den Westen, "ins Sozialparadies, wo Recht und Ordnung herrscht". Dr. Erös spricht von "Perspektivlosigkeits-Flüchtlingen".

"Räuberische Elite"


Afghanistan sei zum gewalttätigsten Land der Erde geworden, stellt Dr. Reinhard Erös fest. Mit Hilfe des Westens sei eine "räuberische Elite" entstanden, "die die Entwicklungsgelder in Korruption und horrende Gehälter verschwinden lässt". Der Entwicklungshelfer zeichnet ein Horrorszenario, wenn er den Professor an der Oxford-Universität, Norman Meyers, zitiert: "100 Millionen Klima- und Hungerflüchtlinge werden sich in den nächsten Jahrzehnten auf den Weg nach Norden machen". Allein in Afghanistan sitze eine Million junger Menschen "auf gepackten Koffern".

Den Diskussionsteilnehmern auf dem Podium ging es aber zunächst um die Eingliederung derjenigen, die hier sind. "Integration braucht einen langen Atem", sagt Bayerns Sozialministerin Emilia Müller. Die jungen Leute mit Bleibeperspektive zu integrieren, sei "eine knochenharte Aufgabe". Der Freistaat gebe in diesem Jahr 632 Millionen Euro allein für unbegleitete Jugendliche aus. Die bayerische Wirtschaft wolle in den nächsten drei Jahren 60 000 Praktikums- und Ausbildungsplätze schaffen.

Kulturelle Offenheit


Im Landkreis befinden sich momentan noch 1100 Menschen im Asylverfahren, so die Information von Landrat Thomas Ebeling. Wer hier bleibe, müsse alphabetisiert und qualifiziert werden. Unternehmer Thomas Hanauer (EMZ, Nabburg) sieht sich als internationale Firma in der Pflicht und lässt zwei jugendliche Flüchtlinge zu Fachkräften für Metalltechnik ausbilden. Um fünf junge Leute aus dem Iran und dem Irak kümmert sich der Ortsbeauftragte des Technischen Hilfswerkes, Martin Liebl. Und Philipp Horsch hat seine gesamte Belegschaft zu "kultureller Offenheit" aufgerufen, um die zehn Auszubildenden im Betrieb beruflich und sozial integrieren zu können.

Der Landkreis und das bayerische Sozialministerium schaffen gemeinsam mit den Serviceclubs Rotary, Lions und Round Table die Stelle eines "Integrations- und Qualifikationsberaters" zur Betreuung jugendlicher Flüchtlinge. Im Januar soll der "Kümmerer" seine Arbeit aufnehmen.

Weil öffentliche Gelder im Spiel sind, muss die Stelle des "IQB" ausgeschrieben werden. Beim Benefiz-Abend am Samstag bei der Firma Horsch stellten die Projektträger aber bereits ihren Favoriten vor. Es ist der 27-jährige Joao Neisinger aus Alteglofsheim. Der Kultur- und Sozialanthropologe mit Zusatzstudium "Ostasienwissenschaften" soll im Landkreis ein Netzwerk zur Flüchtlingsbetreuung entwickeln und den jugendlichen Zukunftsperspektiven aufzeigen. Stichwort: "Bildungsexport". Der Integrationsberater will die Jugendlichen auf die Rückkehr in ihre Heimat vorbereiten. Darin sieht Dr. Reinhard Erös aber ein großes Problem.

Auch Muttersprache


Der ehemalige deutsche Militärarzt engagiert sich seit 18 Jahren in Afghanistan und befürchtet: "Die Menschen werden sich in ihrer Heimat nicht mehr zurechtfinden". Wer die Jugendlichen auf eine Rückkehr vorbereiten will, müsse ihnen deshalb nicht nur Deutsch, sondern auch deren "Muttersprache" beibringen. "Denn viele von ihnen sind Analphabeten", weiß der Gründer der "Kinderhilfe Afghanistan" (siehe Artikel unten). Die Jugendlichen seien hier, "weil sie in ihrem Land keine Perspektive haben". Drei Serviceclubs ziehen erstmals an einem Strang: Initiatorin Cornelia Horsch freute am Samstag sich mit den Präsidenten von Rotary, Lions und Round Table über die Premiere und bat die 260 Gäste um Unterstützung des gemeinsamen Projekts.

"Handeln statt reden"


Ihr Appell fiel auf fruchtbaren Boden. Am Ende kam der stattliche Betrag von 50 500 Euro zur Finanzierung der Stelle eines Integrationsberaters zusammen. Der Gastgeber, die Familie Horsch, revanchierte sich mit einem Drei-Gänge-Menü, musikalischer Unterhaltung und jeder Menge Information. Rotary-Präsident Michael Horsch stellte die humanitäre Unterstützung seines Clubs vor, die unter dem Motto stehe: "Wir wollen jenen Menschen helfen, die sich nicht selbst helfen können". Den Grundsatz "Handeln statt reden" beherzigt auch Round-Table-Präsident Axel Jakobitz. Stellvertretend nannte er das Projekt "Bananenflanke", bei dem behinderte Menschen in einer eigenen Liga Fußball spielen. Unterstützt vom Service-Club "Round Table". Im Projekt "Integration - fördern und fordern" sieht Jakobitz "die beste Entwicklungshilfe, die wir uns vorstellen können".

Persönliches Engagement


Lions-Präsident Reinhard Proske erinnerte an die 100-jährige Geschichte des Verbandes mit weltweit 52 000 Clubs und 1,4 Millionen Mitgliedern, der in den Entwicklungsländern gegen Kinderlähmung ankämpfe und Augenoperationen finanziere. Reinhard Proske betonte auch das persönliche Engagement der Mitglieder vor Ort.
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