Ein Spaziergang über die Erotik-Messe in Schwandorf
Wie erotisch ist die Oberpfalz?

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Schwandorf
30.11.2015
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In München, Köln und in anderen Städten drängeln sich die Menschen, wenn eine Erotik-Messe vor der Tür steht. In der Oberpfalz auch? Ein Spaziergang durch die Oberpfalzhalle in Schwandorf am späten Sonntagnachmittag.

Die Frau nimmt ihn in die Hand, fühlt darüber. Sie drückt die Knöpfe und fühlt das Vibrieren. Sie schaltet ihn aus, legt ihn weg, nimmt sich einen anderen. Der ist größer, blau. Sie sucht nach dem Knopf, schaltet ihn ein, nimmt die Vibration wahr, schaltet wieder aus, schaut über die Auslage. Es sind alles Vibratoren. Mal mehr grell gefärbt. Es gibt noch immer die fleischfarbenen, nahezu nachgebildet. Die nimmt sie nicht in die Hand. Und schlendert weiter.

Grob geschätzt sind am früheren Sonntagabend etwa 150 Menschen in der Schwandorfer Oberpfalzhalle. Drei Tage Erotik-Messe. Kurz durch die Gänge geschaut, es sind um diese Uhrzeit mehr als 80 Prozent Männer. Nur vereinzelt sind Paare unterwegs. “Warum ist hier ein Wein-Stand?”, fragt mich die etwa 35-jährige Frau, als ich mit ihr ins Gespräch komme. Sie schmunzelt. Warum sie hier ist, frage ich. “Ich will mich nur umschauen”, antwortet sie. Sie ist mit einigen Kollegen hier. Es ist mehr ein Spaß.

Die Oberpfalzhalle ist gerade so mit Ständen gefüllt. Neben Sex-Spielzeug gibt es eine Reihe von Ständen mit Dessous. Ein Stand bietet Porno-Filme. An einigen Ständen werden Düfte verkauft. Man kann sich im sexy Outfit fotografieren lassen. Da habe ich mich gar nicht umgesehen. Es waren auch nur wenige Besucher dort. Es gibt Sado-Maso-Zubehör, Peitschen, Seile, Klemmen.

“Spüren sie das?”, fragt die Frau, die mich am Messestand angesprochen hat. Sie hat ein kleines Gerät am Finger, das die Vibrationen auf den Finger überträgt. Sie berührt mich an der Hand. Das ist gut. Sie berührt mit dem vibrierenden Finger meinen Nacken. Das ist noch besser. Das fühlt sich richtig gut an. Dann zeigt sie mir das kleine Gerät an einem Holzpenis. Es kann dort umgeschnallt werden.

“Die ersten beiden Tage waren nur sehr wenig Besucher”, erzählt sie mir. Heute seien es etwas mehr. Und die Erotik-Messe in Schwandorf hat nach ihrer Meinung ein gutes Publikum. “Hier läuft schon mal einer nackt durch die Halle”, plaudert sie. “Die Exibitionisten, wissen sie.“ Um dann auch andere Erfahrungen zu berichten. “Die ‚Venus‘ in Berlin war schlimm, ich bin noch nie mehr begrapscht worden”, erzählt sie. Ihr Mann, er steht gerade zwei Meter weiter und erklärt das Produkt, sei wütend geworden. Eigentlich seien sie aus dem Gesundheitsbereich, erst seit wenigen Jahren auch auf Erotik-Messen.

Ob ich mich mal mit ihr unterhalten kann, frage ich Samira Summer, als sie gerade von der Bühne kommt. Sie ist nackt, tritt sicher auf ihren unglaublichen hohen High-Heels vor sich her. “Ach, komm’ mit”, sagt sie, während sie auf dem Weg noch einige Männer vertröstet, die gern ein Foto mit ihr machen möchten. “Nicht nackt”, sagt sie. Ich folge ihr. Mit dabei ein junger athletischer Mann, freier Oberkörper, bunte Tätowierungen. Nach wenigen Minuten verlässt er wortlos den Raum.

Dort, wo sich sonst vermutlich Mannschaften ins Spielertrikot werfen, liegen offene Kosmetikkoffer auf den wenigen Tischen. Die belegten Brötchen sind schon nicht mehr ganz frisch. An der Fußbank schläft eine Bulldogge tief und fest. Samira sucht in ihrer Tasche, die ganz am Ende der Umkleidekabine steht. In aller Ruhe reden wir. Selbst im fahlen Neonlicht blitzt das Schamlippen-Piercing ein wenig. Dann hat sie ihren Slip gefunden.

Noch vor wenigen Minuten hat Samira auf der Bühne getanzt. Im Weihnachtsmann-Kostüm verteilt sie zunächst Süßigkeiten an die, die ganz vorn stehen. Viele Handykameras sind auf sie gerichtet, etliche machen Fotos. Zur Musik zieht sie sich aus, zeigt ihre festen Brüste demonstrativ und lasziv, am Ende zieht sie ihren Slip aus. Sie räkelt sich auf der Bühne, zeigt den Fotografen ihre Brüste und ihren Hintern. Dann spreizt sie die Beine ganz weit, es gibt ein Blitzlichtgewitter.

“Die Branche ist durch”, erzählt sie mir, während sie das Weihnachtsmann-Kostüm ordnet. Sie ist noch immer nackt, steht vor mir, erzählt. “Seit dem man alles im Internet sehen kann, ist alles schon normal”, sagt sie. Es muss schon mehr sein, dass sich die Menschen aufregen. Samira, ich denke, sie heißt anders, ist schon lange im Geschäft. Mit 16 Jahren sei sie durch das Tanzen dazu gekommen. Sie kann Pole-Dance, sie tanze überhaupt nur noch, sei für eine unpässliche Kollegin eingesprungen.

Am liebsten tritt sie in anspruchsvollen Clubs auf, mittlerweile hat sie zwei Unternehmen. Die “Dirty-Showgirls” treten auf aller Art von Veranstaltungen auf. Samira gibt auch Abnehm- und Fitness-Kurse. Mir ist aufgefallen, dass sie sehr kräftige Muskeln hat, während sie ein T-Shirt anzieht, dann die lange Sporthose. Sie ist fit. An den Spagat auf der Bühne erinnere ich mich. Im Vorraum der Oberpfalzhalle hat sie heute einen Stand aufbauen können, wo wie für ihr Unternehmen werben kann. Sorgfältig bürstet sie ihr langes blondes Haar, streicht Lip-Gloss auf ihre Lippen, tupft hier und da. Dann steigt sie wieder in ihre High-Heels und geht zum Stand. Viel ist dort nicht los.

Auf der Bühne tanzen zwei Männer. Beide im Blaumann, einer von ihnen ist farbig. Sie wedeln Putzlappen, führen einen Staubsauger. Dann ziehen sie sich aus. Zunächst bis auf den Slip. Dann fällt auch der. Einige Frauen filmen das mit ihren Handys. Die beiden sehr muskulösen Männer kommen ganz nach vorn, schwingen ihren Penis, die Frauen filmen.

“Das ist abartig”, sagt die etwa 25-jährige Frau, eng an ihren Freund gelehnt. Auf der kleinen Bühne ist eine etwa 40-jährige Frau an vielen Seilen gefesselt. An einer Vorrichtung ist sie etwas hochgezogen, sie kann nicht mehr richtig stehen. Sie trägt eine schwarze Gymnastikhose. Das durchsichtige Oberteil lässt ihre Brüste sehen. An den Brustwarzen sind Klemmen aus Metall befestigt. Ein gut beleibter Mann kniet vor ihr, korrigiert dann mit geübten Griffen den Vibrator, der vor ihrer Scheide befestigt ist. Sie zuckt heftiger. Das junge Paar sagt wenig beim Zuschauen. Die Augen der jungen Frau sind etwas geweitet, man spürt das Unbehagen. “Jeder so, wie er will”, sagt er. Sie sind aus Neugier auf die Messe gegangen.

Dennis Riegel hat Zeit für meine Fragen. Der 33-jährige Geschäftsmann aus Baden-Württemberg verkauft Zubehör für Sado-Maso-Fans. Und macht an diesem Sonntagabend nur wenig Umsatz. Was man schnell spüren kann: Der freundliche junge Mann versteht sehr viel von diesem Thema. Er beschäftigt sich damit, seit er 14 Jahre alt ist. Zum Thema Sex hat er deutliche Worte: “Die deutsche Gesellschaft wird immer prüder”, sagt er. Daran ist nach seiner Meinung auch das Internet schuld.

“Viele junge Frauen haben noch nie einen Orgasmus gespürt”, sagt er. Sie hätten schon alles gesehen, aber noch nicht viel erfahren. “Eine junge Frau war erschüttert, nachdem sie einen Vibrator ausprobiert hatte”, berichtet Riegel. Der Mann in der schwarzen Hose und im schwarzen Hemd sagt deutlich: “Die Gesellschaft in Deutschland versteht BDSM nicht”. “Der Begriff BDSM, der sich aus den Anfangsbuchstaben der englischen Bezeichnungen ‚Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism‘ zusammensetzt, beschreibt eine sehr vielgestaltige Gruppe von meist sexuellen Verhaltensweisen, die unter anderem mit Dominanz und Unterwerfung, spielerischer Bestrafung sowie Lustschmerz oder Fesselungsspielen in Zusammenhang stehen können” heißt es in Wikipedia.

“Sie versteht nicht, dass ich als dominanter Partner die devote Frau nicht unterdrücke”, sagt er, der gemeinsam mit seiner Partnerin Kurse und Schulungen gibt. “Es ist eine klare Vereinbarung zwischen den Partnern”, ergänzt er. Aus seiner Erfahrung gibt es viele Menschen, die dazu neigen. “Sie spüren das, trauen sich aber in ihrem gesellschaftlichen Umfeld nicht, das zu äußern, oft auch nicht ihren Partnern gegenüber”, so Dennis Riegel.

Viele von ihnen tauchen häufiger als sonst an seinem Stand auf, betrachten die Bilder, die er dort mit einem Tablet-Computer zeigt. Die Initiative, doch darüber zu reden, komme zu etwa 70 Prozent von Frauen, sagt er nach kurzem Nachdenken.

Rieger vermisst die Phantasie in der Gesellschaft zum Thema Sex. “Viele fürchten als pervers bezeichnet zu werden, wenn sie ihre Neigungen ausleben möchten”, weiß er aus seiner Erfahrung. Die Leserinnen und Leser des Buches “50 Shades of Grey” der Autorin E. L. James kommen nach seiner Einschätzung erst in drei Jahren zu ihm. “Das braucht einige Zeit, bis das durchsickert”, vermutet er. Das schlechte Geschäft in Schwandorf trägt er mit Fassung. Vermutlich sei er etwa gegen 3 Uhr in der Nacht wieder zurück in Baden-Württemberg.

Als Frau sei es nicht mehr kompliziert und schwierig, eine Erotik-Messe zu besuchen, sagt die Frau, mit der ich mich schon zu Beginn unterhalten habe. Sie ist aus der Nähe von Schwandorf. “Wir reden ganz normal darüber”, sagt sie. Gegen 20 Uhr kommen noch eine Reihe von Menschen. Meist junge Leute in Gruppen. Die jungen Frauen nehmen die sehr großen Vibratoren in die Hand, sie lachen.

Ein Mann Mitte 50 fällt mir beim Herausgehen kurz auf. Er begutachtet einige Vibratoren, tippt auf den und dann einige weitere. Sechs Stück verpackt der Verkäufer, während der Mann seine Kreditkarte zückt.
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