Ein Wasserad, ein Müller und ihre Geschichte
Viel mehr als nur Maschine

Müller Karl Schmid aus Veringenstadt an der Lauchert (rechts) vor "seinem" Mühlrad: 1992 war er zu Gast in Schwandorf, wurde von Oberbürgermeister Hans Kraus (links) am Hubmannwöhrl empfangen. Das große Mühlrad am Stadtpark stammt aus Schmids Mühle. Archiv-Bilder: Götz (2)
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Schwandorf
19.08.2016
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Müller Karl Schmid freute sich sehr über das Wiedersehen mit dem Mühlrad. Obwohl es ihm Jahrzehnte vorher übel mitgespielt hatte.

Der alte Müller sähe es sicher mit wenig Wohlgefallen, wie das Wasserrad,das einst ihm gehörte, am Hubmannwöhrl vor sich hin rostet. Im stolzen Alter von 82 Jahren noch hatte Karl Schmid einen weiten Weg auf sich genommen, um "sein Rad" nochmal zu sehen. Obwohl es ihm einst übel mitgespielt hatte.

Was auf dem Schild neben den Wasserrädern an der Naabuferstraße steht - dass sich die Räder einst in der "Tivoli" oder Stettnermühle gedreht hätten - ist nur die halbe Wahrheit. Das große "Zuppinger Rad", wie es in Fachkreisen heißt, hatte nämlich einige Umwege hinter sich, bis es ins Wasser der Naab tauchte. Diese Umwege führten den ehemaligen Müller Karl Schmid 1992 aus Veringenstadt an der Lauchert (Baden-Württemberg) nach Schwandorf. NT-Fotograf Gerhard Götz und der ehemalige Ressortleiter Wolfgang Houschka hatten hier ein Treffen Schmids mit dem damaligen Oberbürgermeister Hans Kraus arrangiert. "Es ischt", sagte der Müller damals im Dialekt, "vieles noch einmal wach geworden".

Das Mühlrad ist fast auf den Tag genau so alt wie der Müller. Karl Schmid wuchs heran, wurde Geselle im elterlichen Betrieb, übernahm später die Mühle an der Lauchert. Das Rad, das die Mühlsteine drehte, hatte für ihn immer einen besonderen Wert. "Ja", sagte er 1992 bei seinem Besuch in Schwandorf, "auf das Rad bin ich stolz gewesen." Konnte Schmid auch sein, weit und breit gab es kein größeres rund um das 1600-Einwohner-Städtchen an der Lauchert im Kreis Sigmaringen.

Die erste Reise


Dann aber, am 20. April 1963, wurde das Wasserrad dem Müller zum Schicksal. Es zerschlug dem damals 53-Jährigen einen Fuß. Die Verletzung war so schwer, dass Karl Schmid seinen Beruf nicht mehr ausüben konnte. Der Müller hätte sein Mühlrad gerne in Veringenstadt gelassen, als Erinnerungsstück. Die Stadt zeigte nur wenig Interesse, also schrieb der durchaus verärgerte Schmid das Mühlrad zum Verkauf aus. Interesse zeigte das Nittenauer Mühlenunternehmen Weiß. So trat der tonnenschwere Koloss seine Reise in die Oberpfalz an.

In den 1970er-Jahren stand dann auch die Weiß-Mühle in Nittenau still, und das Rad wechselte erneut den Besitzer. Im Zuge der Stadtsanierung und dem Neubau der Naabuferstraße kamen die Schwandorfer Stadtväter auf die Idee, am Übergang zum Hubmannwöhrl zur Erinnerung Mühlräder laufen zu lassen. Dort drehte sich das Rad jahrelang, ohne dass Karl Schmid von der neuen Verwendung wusste. Erst über einen Briefwechsel erfuhr er davon, wandte sich ans Schwandorfer Rathaus und bat um ein Foto. Das gab's dann von NT-Fotograf Gerhard Götz, ebenfalls aus Baden-Württemberg, der den Müller Schmid besuchte und ihm das Bild brachte. So schloss sich der Kreis - und Müller Schmid wurde nach Schwandorf eingeladen, weil der "sein" Rad gerne noch einmal sehen wollte. Im Oktober 1992 reiste er mit seinen Töchtern an, wurde von OB Hans Kraus am Wasserrad empfangen. "Sie haben mir eine große Freude gemacht," sagte Schmid damals am Hubmannwöhrl.

Heute wäre diese Freude wohl getrübt. Sein Rad und das daneben stehen nämlich still, seit weit über einem Jahr, wegen eines Lagerschadens. Nun soll möglicherweise eine Turbine hier eingebaut werden, um für eine rentierliche Stromproduktion zu sorgen. Dabei sind doch die Räder viel mehr ein Wahrzeichen, ein Stück Industriegeschichte, als schnöde Maschine, um einen Generator anzutreiben.

Disput um die Pflichten


Dazu kommt, dass die Wasserrechte für dieses Wehr, ebenso wie für das Schuierer- und das Krondorfer Wehr jetzt in die Mühlen der Juristen geraten sind. Wer das Wasserrecht hat, muss sich um den Stausee kümmern. Weil die Innere Naab schon lange für viel Geld ausgebaggert werden müsste - die Nester der Schwäne unter der inneren Naabbrücke sind nur ein sichtbares Symptom - ist ein Disput darüber entbrannt, wem welches Stück Naab bis wohin gehört.

Eine erste Beschlussvorlage zu dem Thema hat der Stadtrat schon abgelehnt, zu verwirrend sei die Lage. Nun soll der neue Rechtsrat im Rathaus, Andreas Vockrodt, Klarheit in die trüben Wässer bringen. Dazu wird es ausgiebige Verhandlungen mit dem Wasserwirtschaftsamt und den anderen "Müllern" an der Naab geben müssen. Vor November, so ist aus dem Rathaus zu hören, wird es da nichts Neues geben.

Die Wasserräder, beliebtes Fotomotiv, werden also wohl auch über den nächsten Winter still stehen. Was Müller Karl Schmid dazu sagen würde, werden wir nicht mehr erfahren. Er ist im Jahr 2001 verstorben.

Es ischt vieles noch einmal wach geworden.Karl Schmid bei seinem Besuch 1992


Zuppinger RadDie Mühlräder in Schwandorf sind "Zuppinger Räder", benannt nach ihrem Erfinder Walter Zuppinger (1814-1889). Durch die spezielle Form ihrer Schaufeln nutzen die Räder die Wasserkraft besser aus als andere. Technisch ist das Rad ein Übergang zwischen dem klassischen Mühlrad und der modernen Wasserturbine. Weil es mit wenig Gefälle und ohne große Regelung auskommt, findet es auch heute noch Verwendung (Quelle: Wikipedia) (ch)
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