Fahrdienst als Schleuser

Vermischtes
Schwandorf
30.07.2016
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Der Mann aus Afrika stand vor einem Hotel in Budapest und befahl: "You drive". Daraufhin begann eine Schleusertour, die 800 Kilometer weit von der ungarischen Donau an die oberpfälzische Naab führte.

Amberg/Schwandorf. Die Reise durch drei Länder begann im April 2015. In seiner Heimatstadt Budapest hatte ein 52-Jähriger, seinerzeit auf der Suche nach Jobs, von einer Bekannten den Hinweis auf eine Internetanzeige erhalten. Dort stand: "Fahrer gesucht". Er rief an, wurde auf eine Interessentenliste gesetzt und bekam nach eigenen Angaben ein paar Tage später die Order: "Wir haben Arbeit für dich." Also fuhr er zu einem Hotel in der ungarischen Hauptstadt, sah sich einem Mann aus Afrika gegenüber und erhielt den Auftrag, vier in das Auto steigende Männer möglichst zügig zum Bahnhof im oberpfälzischen Weiden zu bringen.

Die aus dem arabischen Raum stammenden Fahrgäste kamen - doch das stellte sich erst später heraus - aus Syrien und dem Irak. "Gepflegte Erscheinungen", wie der nun wegen Einschleusung vor dem Amberger Schöffengericht sitzende Ungar berichtete und weiter erzählte, dass die Herren "Gepäck für eine weite Reise" bei sich trugen. Aus Ahnungslosigkeit habe er sie transportiert, beteuerte der 52-Jährige.

Fast ans Ziel


Doch das nahm ihm der Schöffengerichtsvorsitzende Markus Sand nicht ab: "Was haben Sie gedacht, wo die hin wollten?" Der Ungar bekam angeblich 800 Euro von den ihm unbekannten Leuten und zahlte später einen größeren Teil davon auf ein Konto ein, das den Drahtziehern der Schleusung gehörte. Doch auch das wollte er nicht gewusst haben. Die weite Fahrt nach Weiden wäre an jenem April-Tag 2015 fast beendet gewesen. Doch auf dem Rastplatz Schlossberg neben der A 93 bei Pfreimd (Kreis Schwandorf) musste, weil menschliche Bedürfnisse dazu zwangen, ein Stopp eingelegt werden. Ausgerechnet dort standen Zivilfahnder der Polizei und setzten zur Kontrolle an.

Die Schleusung flog auf. 30 Kilometer vor dem Weidener Bahnhof. Die Insassen des Wagens wurden festgenommen. Der mutmaßliche Schleuser kam zur Kripo, wurde vernommen und dann auf freien Fuß gesetzt. Erst längere Zeit darauf entschloss sich die Staatsanwaltschaft Amberg, einen Haftbefehl gegen ihn zu beantragen. Da war er längst fort. Doch der Mann reiste wieder nach Deutschland ein und kam hinter Gitter. Das passierte heuer im März.

War er wirklich, wie ihm jetzt die Staatsanwaltschaft im Prozess vorhielt, Mitglied einer ungarischen Schleuserbande? Wie sich bei der Verhandlung herausstellte, konnte davon nicht ausgegangen werden. Allerdings hatte der 52-Jährige Hinweise auf zwei Drahtzieher gegeben. Die beiden Ungarn wurden, weil ebenfalls den Behörden ins Netz gegangen, vor wenigen Wochen in Weiden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Aus der U-Haft vorgeführt, konnte der Mann aus Budapest nach der Verhandlung gehen. Er bekam ein Jahr zur Bewährung. Mit diesem Urteil honorierte ihm das Amberger Schöffengericht seine Hinweise hinsichtlich der Drahtzieher. Die Staatsanwaltschaft hatte ein Jahr und drei Monate zur Bewährung gefordert. Noch am gleichen Tag kehrte der Ungar nach fünfmonatiger U-Haft mit seiner aus Budapest angereisten Familie in die Heimat zurück.
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