Flucht durch Garten in ein Wohnhaus am Kreuzberg
Keine Leiche im Keller

Der Fluchtweg von der Gartenmauer ins Haus. Sechs Polizeibeamten und einem Diensthund gelang hier die Festnahme eines 29-jährigen Oberpfälzers auf der Flucht. Bilder: Herda (3)
Vermischtes
Schwandorf
01.09.2016
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In diesen Kellerräumen versteckte sich der Flüchtige.

Wie im falschen Film: Katharina G. mit ihren Mädels (zwei und vier Jahre) in ihrem Garten. Nächste Szene: Ein Mann springt über die Mauer beim Nussbaum, blutende Schienbeine unter der zerrissenen Hose, humpelt er auf den Eingang zu: "Darf ich rein?", fragt der Kerl im desolaten Zustand, "ich bin auf der Flucht - unschuldig."

Unschuld ist ein großes Wort. "Der 29-Jährige muss eine Reststrafe von 18 Monaten absitzen", sagt Walter Bruckner, Verfügungsgruppenleiter bei der PI Schwandorf. Als der Schwandorfer nach mehrfacher Aufforderung seine Haftstrafe nicht freiwillig antrat, wurde ein Haftbefehl erlassen und eine Streife versuchte, den Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Amberg zu vollziehen. "Der Mann ist dann über ein Dach geflüchtet und fünf Meter hinuntergesprungen." Dabei habe er sich offensichtlich die Schienbeine verletzt. Eine Nacht und den folgenden Tag irrte er wohl durch die Kreisstadt. Dann bemerkte ihn eine Streife in der Nähe des Kreuzbergs.

"Soll ich diskutieren?"


Welche Optionen hat eine junge Mutter mit zwei Kleinkindern, wenn ein offensichtlich nicht zum Kirschenessen geladener Gast "wie ein Zombie" auf die offene Haustür zuwankt? "Was hätte ich tun sollen?", fragt Katharina (Name von der Redaktion geändert) rhetorisch. "Soll ich mit den Kindern an der Hand mit ihm diskutieren? Ist er bewaffnet?" Und dann sei da ja auch nicht auszuschließen: "Ist ihm die Polizei auf der Spur, oder sind Kriminelle hinter ihm her?"

Die 31-jährige Schwandorferin stellt sich dem Mann nicht in den Weg. Der Flüchtige verschwindet im Keller - allein und ohne Geiseln. Und Katharina ist geistesgegenwärtig: "Ich habe hinter ihm die Tür verschlossen, die Kinder auf den Arm und an die Hand genommen, und wir sind raus auf die Straße, schnell weg." Tatort Straße: Katharina sieht schon Blaulicht blitzen, hört aufgeregt brüllende Polizisten. Sie weist ihnen den Weg: "Im Keller!" Mutter und Töchter beobachten die Szenerie vom nahen Spielplatz aus.

"Kommen Sie raus, oder wir machen von unseren Schusswaffen Gebrauch", hören die drei den formelhaften Appell. "Wir umstellen das Haus und warten, bis die mit den Hunden da sind", verständigen sich die Beamten. "Wenn Sie nicht raus kommen, stürmen wir", droht ein Polizist. Katharina G. befürchtet das Schlimmste: "Ein Schusswechsel bei uns im Haus? Vielleicht sogar ein Mensch, der bei uns im Keller stirbt?" Wie sich die Prioritäten verschieben: Hier geht um Sein oder Nichtsein, einem Busfahrer ums Durchkommen - er kommt nicht an den quergeparkten Einsatzwagen vorbei.

Den Schrecken vertrieben


"Wir haben alles gut gemacht", beruhigt sie die Kinder. "Uns wird nichts passieren. Wir warten ab und stellen unsere Fragen später." Endlich ist auch der Polizeihund einsatzbereit: "Jetzt kommen Sie rauf, sonst lasse ich den Hund runter und der ist echt rabiat", warnt der Hundeführer. Gebrüll. Plötzliche Stille. Eine kleine Flamme. Ein Polizist zündet sich eine Zigarette an. Die Bewohner nähern sich vorsichtig dem besetzten Haus.

In der Einfahrt sitzt ein Mann in Handschellen - ein Häufchen Elend. Katharina will nicht gesehen werden: "Ich will nicht, dass wir ihm in Erinnerung bleiben." Der Notarzt trifft ein. Wie verschieden die Prioritäten doch sind: Dem Gefangenen geht es um die Freiheit. Ein Radfahrer motzt, weil die Straße versperrt ist. Das nervt die Beamten. Jetzt dauert's noch länger, er muss seine Personalien zu Protokoll geben. "Wir wollen keine Anzeige erstatten", verneint Katharina die Frage eines Beamten. Eine Nachbarin schimpft mit starkem Akzent über den Islamischen Staat. Nicht so gut ins Bild passt, dass der Mann Oberpfälzer ist.

Katharina, Hannah und Josefine pflanzen nach dem Abendessen Erdbeeren: "Wir haben den Garten wieder in Besitz genommen", sagt die Mutter. "Und dann eine Fackel angezündet, um den Schrecken zu vertreiben." Das gelingt ganz gut. Obwohl die Fragen der Mädchen in den nächsten Tagen zunehmen. Und im Keller immer wieder neue Blutflecken auftauchen. Und Geräusche von tief unten. Es ist nur die Katze.

Ich habe hinter ihm die Tür verschlossen, die Kinder auf den Arm und an die Hand genommen, und wir sind raus auf die Straße, schnell weg.Katharina G. über die Begegnung mit dem Flüchtigen
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