Gegen Pflichten verstoßen
Fatale Fehler von Arzt und Hebamme

Symbolbild: dpa
Vermischtes
Schwandorf
27.02.2016
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Es könnte teuer werden für einen Arzt und eine Hebamme aus dem Kreis Schwandorf. Das Landgericht Amberg hat in einem sogenannten Grundurteil entschieden, dass beide gegen ihre Pflichten verstießen, als es in einer Klinik zur Geburt eines schwer behinderten Jungen kam.

Schwandorf/Amberg. Der Fall beschäftigt seit über zwei Jahren das Amberger Landgericht. Er führte die drei Berufsrichter der 2. Zivilkammer unter Vorsitz von Dr. Stefan Täschner tief hinein in gynäkologische Abläufe und medizinische Verfahrensweisen. In dieser Woche haben sie nun in Form eines sogenannten Grundurteils entschieden: Als es zu Ostern 2008 zur dramatisch endenden Geburt eines Buben kam, haben ein an dem Krankenhaus tätiger Belegarzt und eine Hebamme gegen ihre Pflichten verstoßen.

Schwerste Hirnschäden


Der kleine Leon, dessen Eltern im Kreis Regensburg leben, wurde nur sieben Jahre alt. Er starb 2015 und war Zeit seines kurzen Lebens rund um die Uhr auf Pflege angewiesen. Er kam mit schwersten Hirnschäden zur Welt. Hätten sie vermieden werden können? Der Weidener Anwalt Dr. Burkhard Schulze bejahte diese Frage und reichte Klage zum Landgericht Amberg ein. Sie richtete sich gegen den gynäkologischen Belegarzt, eine Hebamme und auch gegen die Klinik. Schulzes Forderung: 1,85 Millionen Euro für Pflegekosten und Schmerzensgeld.

Leons Eltern hatten mehrere Gutachten erarbeiten lassen und sie den Richtern vorgelegt. Doch die Zivilkammer ließ sie nicht gelten und beauftragte von sich aus einen Experten. Er hieß Dr. Andreas Müller, schrieb 49 Seiten und kam im November letzten Jahres persönlich nach Amberg, um seine Erkenntnisse zu referieren. Sie waren niederschmetternd: Professor Müller sprach von "fehlender Aufklärung und Beratung", und kritisierte "Fehlverhalten in jedem Abschnitt des Behandlungsverlaufs." Als der Geburtsvorgang bei der Risikopatientin begann, waren weder der Gynäkologe noch die Hebamme im Krankenhaus. Der Arzt weilte beim Mittagessen, die Hebamme kaufte gerade ein.

Eine Entscheidung über den weiteren Fortgang der Auseinandersetzung hatten die Richter für Januar angekündigt. Sie verlängerten ihre Beratungsfrist und trafen am Donnerstag dieser Woche eine Entscheidung. In einem sogenannten Grundurteil stellten die Juristen fest, dass es zu Pflichtverletzungen durch Arzt und Hebamme kam. Abgegrenzt davon gelangten sie in einem sogenannten Endurteil zu der Auffassung, dass die Klage im Hinblick auf das Krankenhaus abzuweisen sei.

1,85 Millionen Euro


Wie geht es jetzt weiter? Der Mediziner und die Hebamme haben nun die Möglichkeit, sich an das Oberlandesgericht in Nürnberg zu wenden. Sollte dort die Ansicht der Amberger Richter bestätigt werden, kann über die Höhe von Pflegegelderstattung und Schmerzensgeld ausführlich debattiert werden. Im Raum stehen 1,85 Millionen Euro, die Anwalt Schulze nach dem Tod des kleinen Leon addiert hatte. Während der Geburt hatte sich bei der Frau ein Riss in der Gebärmutter eingestellt. Das Gehirn ihres kleinen Sohns war über einen längeren Zeitraum hinweg nicht mit Sauerstoff versorgt worden.
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