Gespräch mit Wiedereinstiegsberaterin
"Ich bin für die Massen da, nicht für die DAX-Quote"

Kommen Kinder mit zur Beratung, hat Nicole Janisch Spielzeug parat. Für die Mütter liegt ergänzend zu einem Beratungsgespräch "Vitamin B für den Wiedereinstieg" bereit. Unter dieser Folie verbergen sich schmackhafte Fruchtbonbons. Bild: Hartl
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Schwandorf
14.05.2016
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Der Wiedereinstieg in den Beruf ist reine Frauensache. Männer arbeiten durch. Dies ist durchaus auch der höheren Entlohnung geschuldet. Für Beraterin Nicole Janisch, an der Schwandorfer Agentur für Arbeit tätig, braucht es ein gesellschaftliches Umdenken und familienfreundliche Leitplanken der politisch Verantwortlichen.

Das sind für sie zum Beispiel Anreize für die Unternehmen, Stellen zu teilen. "Wir müssen weg von der Vorstellung, 40 Stunden, eine Person." Wenn sich die Gelegenheit biete, spreche sie Politiker darauf an, bisher ohne greifbares Ergebnis, bedauert die Wiedereinstiegsberaterin. Die bereits eingetretene Verbesserung der Kinderbetreuung hält sie für unabdingbar, allerdings wenig davon, die Kinder weg zu organisieren. Das ist ihre Beschreibung für Kita von 8 bis 18 Uhr, 365 Tage im Jahr. Dies entspreche, weiß sie aus Erfahrung, den Vorstellungen der wenigsten Mütter. "Das ist auch nicht die Vereinbarkeit von Familie und Beruf."

Kampf gegen Vorurteile


Probleme nach der Babypause wieder in den Beruf zurückzukehren, haben Janisch zufolge alle gesellschaftlichen und beruflichen Schichten. Da holt sich die Urologin oder promovierte Chemikerin genauso Rat bei Janisch wie die Bäckereifachverkäuferin. "Ich bin für die Massen da und nicht für die DAX-Quote", beschreibt die Wiedereinstiegsberaterin ihre Aufgabe. Und genau für diese Frauen hängt sie sich rein, weil sie Vorurteile wie zum Beispiel, dass Teilzeitkräfte öfters krank seien oder viel Arbeitszeit mit Kaffeetrinken vergeuden würden, als ungerecht empfindet. Genau das Gegenteil sei oft der Fall. "Die hauen rein, wenn die Kinder in der Schule sind und sind oft motivierter als die Vollzeitkräfte." Janisch spricht da durchaus aus eigener Erfahrung. Früher war sie 40 Stunden im Marketing tätig und jetzt sind es 20 Stunden als Beraterin. Sie kommt zu dem Ergebnis: "Ich bin effektiver und schneller." Es sei doch kein Kriterium, wie lange jemand arbeite, sondern wie viel er schaffe.

Mit einem Auge schielt sie bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf die Politik, mit dem anderen auf die Gesellschaft: "Die Wertschätzung der Familie fehlt in den Unternehmen und der Gesellschaft." Mütter werden ihrer Auffassung nach nicht bevorzugt, wenn sie nur vormittags arbeiten, "sie können nicht anders. "Ist es Gleichberechtigung, wenn ich Mütter mit Kindern benachteilige?"

Flexibilität, Kreativität und guter Willen mit dem Ziel des Machbaren fordert sie von Arbeitnehmern und Arbeitgebern ein. Ihren Job sieht sie auch darin, Frauen zu ermutigen oder zu bestärken, dem Unternehmer oder Personalchef Vorschläge zu machen und für einen Teilzeitjob zu kämpfen. "Und wenn es dann eine Lösung gibt, freue ich mich besonders." Einerseits sei es beispielsweise leichter medizinische Fachangestellte oder Einzelhandelskauffrauen zu vermitteln als Akademikerinnen. Andererseits seien jene schneller ersetzbar, wenn sie einmal Nein sagen und würden weniger wertgeschätzt.

Frappierend ist für Janisch, dass die IHK mit der Plattform "Erfolgsfaktor Familie" werbe, selbst aber keine Teilzeitstellen anbiete. Durchaus Praxis sei es auch bei manchen Arbeitgebern durch Umstrukturierungen Schwangeren schon frühzeitig die Rückkehr nach der Elternzeit zu verbauen.

Der MidijobEine Lanze bricht die Wiedereinstiegsberaterin Nicole Janisch für das Stiefkind Midijob. Sie hat sich mit dieser Form besonders deshalb befasst, weil viele Minijobberinnen zu ihren Kundinnen zählen. Ein Großteil würde gerne ein bisschen mehr arbeiten. Der Midijob beginnt bei 450,10 Euro monatlich und endet bei 850. Das Argument "zu teuer für den Arbeitgeber" lässt Janisch pauschal nicht gelten. Bei einem Minijob mit 450 Euro Entgelt - legt sie eine Berechnung vor - liegt die Beitragsbelastung für den Arbeitgeber bei 126 Euro, beim Midijob in Höhe von 451 Euro bei 86,93 Euro. Janisch spricht von einer Gleitzone zwischen 500 und 550 Euro. Erst dann übersteige der Arbeitgeberanteil beim Midijob den des Minijobs. Sie empfiehlt über den Online-Rechner Midijob, den genauen Betrag zu ermitteln. (ihl)
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