Günther Pirnke erzählt von Mission 7
Rettungskapitän im Mittelmeer

Bei dieser Rettungsaktion der M 7 leistet die "Sea-Eye"-Crew Erste Hilfe mit Schwimmwesten, Wasser und auch beruhigenden Gesten und Worten.. "Wenn wir da sind, sind die Leute in Sicherheit", sagt Kapitän Günther Pirnke. Das Kriegsschiff im Hintergrund nimmt die verzweifelten Menschen auf und bringt sie an Land. Bilder: hfz (2)/Sea-Eye
Vermischtes
Schwandorf
05.08.2016
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Schwimmwesten sind schon die halbe Miete. Die Helfer passen auch auf, dass keiner über Bord geht. Das Gros der Schiffbrüchigen kann nicht schwimmen.
 
Günther Pirnke ist begeisterter Segler. Den Grundsatz "in Seenot geratenen Menschen zu helfen", hat er verinnerlicht. Seine Einsätze auf der "Sea-Eye" sind für ihn Akte der Menschlichkeit. Bild: Held

Günther Pirnke ist fast nur noch auf See, ab Samstag wieder drei Wochen - privat. Seine zwei ehrenamtlichen Fahrten als Kapitän im Mittelmeer wirken noch nach - lange wahrscheinlich. Nicht etwa körperlich. Der 63-Jährige ist fit und trainiert. Die Bilder lassen ihn nicht los, haben sich eingebrannt. Abschalten fällt schwer.

Vor allem dann nicht, wenn er mit menschenverachtende Kommentaren angefeindet wird. Der Schwandorfer erzählt eine Episode vom vergangenen Wochenende. "Mein Freundeskreis aber sagt: 'Alle Achtung! Hut ab!'" Der pensionierte Polizeibeamte ist Kapitän auf der "Sea-Eye", dem Rettungsboot des Regensburgers Michael Buschheuer. Zweimal kreuzte Pirnke schon vor der libyschen Küste, fokussiert auf heillos überfüllte Flüchtlingsboote. Mission 7 (M 7) dauerte vom 6. bis 24. Juli.

Nach 18 Tagen wechselt die achtköpfige Besatzung jeweils im Hafen von La Valletta (Malta). M 8 beendet dieser Tage ihre Rettungsaktion. Die Zahl der Schiffbrüchigen steigt wieder an. Die Wetter- und Windverhältnisse sind gut für diese "Höllenfahrten", auf die skrupellose Menschenhändler alle jene schicken, "die in ihren Heimatländern keine Perspektive sehen", wie es Pirnke formuliert. Drei Dinge nennt er als Antriebsfeder: "Mein Helfersyndrom, meine Abenteuerlust und meine feste Überzeugung, in Seenot geratene Menschen müssen gerettet werden." Dieser Grundsatz ist für den Seemann Pirnke über jeden Zweifel erhaben. "Diese Menschen sind in höchster Not", betont er nochmals. Das hat er im Juli oft genug erlebt. "Die Flüchtlinge sind in absoluter Seenot und so dankbar, wenn sie gerettet werden. Das zeigen sie mit jeder Geste. Man sieht es an ihren Augen."

Junge Leute und Kinder sitzen meist in den Schlauchbooten, die alles andere als hochseetauglich sind. "Wir dürfen sie nicht ertrinken lassen." Der Polizist im Ruhestand signalisiert ein weiteres Mal, dass diese menschlichen Tragödien, die sich im Mittelmeer abspielen, völlig indiskutabel sind. "Ich hoffe, dass das aufhört. Daran sollten die Regierungen der wichtigen Länder arbeiten."

Pirnke lacht gern, ist offen, kein wortkarger "Seebär", wenn aber die Rede auf die Schlepperorganisationen kommt, wird er ernst, sehr ernst. Für den IS ist der Handel mit diesen Menschen seines Wissens nach eine sprudelnde Geldquelle. Die Flüchtlinge, meist Afrikaner, aber zunehmend auch Inder und Bangladeshi werden in der Nähe der libyschen Küste irgendwo zusammen gepfercht, dann in Lastwagen verladen - "wer sich wehrt, wird gefesselt" - und zu den Booten gebracht. "Oft werden sie einfach vom Lastwagen gekippt. Das zeigen zum Beispiel Verletzungen, wie gebrochene Handgelenke." Die Boote, die keine Berechtigung haben, auf die offene See hinauszufahren, werden immer nachts los geschickt. "Die meisten Flüchtlinge haben noch nie ein Meer gesehen und können nicht schwimmen."

Eine Chance, die italienische Küste zu erreichen, haben sie laut Pirnke nicht, eine Überlebenschance, wenn sie ins Wasser fallen auch nicht. "Sie haben eine realistische Chance gerettet zu werden. Wenn wir sie gesehen haben, sind sie in Sicherheit." Die "Sea-Eye" nimmt die Schiffbrüchigen aber nur im äußersten Notfall auf. Das Boot fährt 20 Seemeilen (etwa 40 Kilometer) vor der libyschen Küste auf einer Länge von 50 Seemeilen auf und ab. Entdeckt es eine "schwimmende Nussschale", nimmt es Kurs auf dieses Schlauchboot. Die "Sea-Eye" lässt ihr Beiboot mit drei Mann Besatzung zu Wasser. Diese verteilt Rettungswesten und Wasser, spricht die Leute an, beruhigt sie auch. Hilfe wird von den Kriegsschiffen oder über das Rescue-Zentrum in Rom angefordert.

Achtung vor Italien


Diese holen die Schiffbrüchigen an Bord. Die Kriegsschiffe versenken auch die verlassenen Schlauchboote. Pirnke nennt den Grund: "Schleuser tarnen sich als Fischer in Sichtweite des Flüchtlingsbootes und versuchen nach der Rettung der Menschen durch uns, den Motor des Schlauchbootes zu retten." 90 Prozent der in Seenot Geratenen werden von Italien aus wieder in ihre Herkunftsländer geflogen. Untergebracht werden sie derweil unter anderem in Reggio di Calabria oder auf Lampedusa. "Alle Achtung vor den Italienern. Sie werden damit ziemlich allein gelassen," sagt der "Sea-Eye"-Kapitän auf der Terrasse sein Einfamilienhauses sitzend.

Unsere Pflicht


Mit der räumlichen und emotionalen Distanz wird ihm immer mehr bewusst, wie paradox die Situation ist. "Der IS schickt die Leute und wir nehmen sie ab. Je mehr wir retten, desto mehr kommen. Aber es ist unsere Pflicht." Er beginnt wieder zu erzählen. Von einem voll besetzten Schlauchboot, auf dem die Menschen mit bloßen Händen, das Wasser schöpften. "Es hätte nicht mehr lange gedauert und es wäre untergegangen und alle wären ertrunken." Er gibt das Erlebnis von Kapitän Markus Neumann aus Kümmersbruck weiter. Drei Männer saßen auf einer noch prall gefüllten Kammer eines Schlauchboots, Sieben weitere versuchten das Boot über Wasser zu halten und die Drei, vielleicht Stammeshäuptlinge, fällten das Todesurteil dahingehend, dass sie entschieden, war als nächstes über Bord gehen musste.

Über 600 Menschen hat Kapitän Pirnke mit seiner Crew das Leben gerettet. Wie viele jämmerlich im Mittelmeer ertrunken sind, weiß keiner. Bis zum November setzt "Sea-Eye" die Missionen fort. Der Schwandorfer ist erst wieder im nächsten Frühjahr vorgesehen. Aber: "Wenn ein Kapitän ausfällt, werden sie mich nicht lange betteln müssen." Der pensionierte Polizeibeamte berichtet im Internet ausführlich über seine Mission und hat ein Logbuch verfasst. Nachzulesen ist es unter http://sea-eye.org/guenther-pirnke-kapitaen-der-mission-7-gedanken-zum-einsatz-vor-libyen

Diese Menschen sind in absoluter Seenot und so dankbar, wenn sie gerettet werden.Günther Pirnke


Sea-EyeDie Hilfsorganisation "Sea-Eye" wurde im vergangenen Herbst vom Regensburger Michael Buschheuer gegründet. Der ehemalige Fischkutter aus Sassnitz ist rund 60 Jahre alt. Er ist 26 Meter lang. Das hochseetaugliche Schiff wurde für die Seenotrettung in Rostock umgerüstet und ging dann auf Fahrt vor die afrikanische Küste. Es fährt unter niederländischer Flagge, weil es in Deutschland keine Anerkennung als Sportboot erhielt. Dies ist laut Pirnke notwendig, denn sonst darf er und dürfen auch die anderen Rettungskapitäne das Schiff nicht steuern.

Der Schwandorfer Günther Pirnke hat ein Segelboot in Kroatien liegen. Er bildet seit mehr als 20 Jahren Segler aus und ist seit über zehn Jahren Hochseeprüfer des deutschen Seglerverbandes. Pirnke war einer der ersten, der sich im Herbst 2015 "Sea-Eye" anschloss. Ihn und Buschheuers Vater verbindet die Leidenschaft fürs Segeln. Sie pflegen seit längerem eine Bekanntschaft. "Dann habe ich auch den Sohn kennengelernt", erzählt der Schwandorfer, der nach der Überführung der "Sea-Eye" ins Mittelmeer, die erste Seenotrettung gefahren hat.

Inzwischen sind seinen Angaben nach sechs private Unternehmen vor der libyschen Küste als Seenotretter aktiv. In der Nähe sind auch mehrere Kriegsschiffe. "Sea-Eye"-Mitglieder treffen sich jeden 1. und 3. Donnerstag im Monat im Ristorante St. Erhard in Regensburg. Am 4. August berichtete Günther Pirnke über M 7. "Sea-Eye" aktualisiert ständig auf der Homepage die Zahl der Geretteten. Stand Freitagnachmittag: 3883. (ihl)

Weitere Informationen:

www.seaeye.org


Wir dürfen sie nicht ertrinken lassen.Günther Pirnke


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