Immer mehr Flüchtlinge als Auszubildende in Ostbayern:
Leberkäs und Fladenbrot

Vermischtes
Schwandorf
16.03.2016
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Stefanie Graf in Schwandorf und Angela Sedlmaier in Passau (von links) sind für das Handwerk in Ostbayern quasi die Anlaufstellen bei der Vermittlung von Asylbewerbern und Flüchtlingen für Lehrstellen. Bilder: cf (2)

200 junge Asylbewerber lernen derzeit in Ostbayern Heizungsbauer, Kfz-Mechaniker, Elektriker, Bäcker oder Maler. "Knapp 20 Prozent" der meist minderjährigen Syrer, Iraker oder Afghanen geben als Azubi wieder auf. Ihre "Abbrecher-Quote" liegt über dem normalen Schnitt von 11 Prozent, ist aber von den kursierenden Horror-Meldungen weit entfernt.

Schwandorf/Weiden. "Die von der oberbayerischen Handwerkskammer genannten 75 Prozent Abbrecher können wir jedenfalls nicht bestätigen", meint Hans Schmidt, Vize-Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz. Bei der Besetzung von leeren Lehrstellen mit Flüchtlingen verfolgt das ostbayerische Handwerk eine andere - offenbar erfolgreiche - Strategie: nämlich die viel persönlichere Betreuung in kleinen Handwerksbetrieben im ländlichen Raum. "Wir machen sehr positive Erfahrungen und sind hier im bayernweiten Vergleich sehr gut unterwegs", betont Schmidt. "In ihren Rückmeldungen berichten uns die Betriebe von hoch motivierten Auszubildenden", bestätigt Angela Sedlmaier, die seit 1. Dezember 2015 die zentrale Rolle einer Art "Flüchtlings-Azubi-Managerin" für Ostbayern inne hat.

Ohne verklärende Romantik sprechen Schmidt und Sedlmaier von einem "Lernprozess für alle Beteiligten". Als Gründe für den vorzeitigen Ausstieg aus der Ausbildung nennen sie "den Druck aus der Heimat, Geld zu schicken, Überforderung, Wegzug in die Ballungsräume" und nicht zuletzt die Abschiebung von Asylbewerbern - während der Ausbildung (!) - in sichere Herkunftsländer. Sedlmaier: "Solche Abschiebungen verärgern und verunsichern die Betriebe. Die Verlängerung des Aufenthalts um jeweils ein Jahr stellt immer noch eine Ermessens-Duldung der Ausländerbehörde dar."

Viele Analphabeten


Eine Herausforderung bedeutet die wachsende Zahl von Analphabeten. "16-Jährige haben noch nie eine Schule gesehen", erzählt Schmidt. Diese Beobachtung deckt sich mit Recherchen unserer Zeitung, dass etwa 20 bis 25 Prozent der minderjährigen Asylbewerber "zwar mit der Kalaschnikow umgehen können, aber das Schreiben und Lesen nicht beherrschen", wie es der Leiter einer großen Schule drastisch formuliert.

Es gilt als offenes Geheimnis, dass anfangs die "Gebildeten und Vermögenden" die große Mehrheit der Flüchtlinge (vor allem aus Syrien) ausmachten und heute zahlreiche Analphabeten (besonders aus Afghanistan und Eritrea) die sogenannten Berufsintegrationsklassen füllen. "Weniger als zehn Prozent der Schüler" gelten nach zwei Jahren Schule als "ausbildungsreif" (wir berichteten). Verschiedene Förderprogramme des Freistaats sollen die verbleibenden 90 Prozent auffangen, ihnen "fachsprachliche Qualifizierung" und in Praxis-Lernwerkstätten "berufliche Orientierung" vermitteln.

"Flüchtlinge sind eine heterogene Gruppe mit schnell und langsam Lernenden sowie einer höchst unterschiedlichen Bildung", betont Angela Sedlmaier. Sie verhehlt nicht die Sorge, wenn die jugendlichen Asylbewerber mit 18 Jahren die geschützten Heime mit den Gemeinschaftsunterkünften tauschen. "Alleine schaffen sie es dann nicht." Darum sei die Lehre in kleinen Betrieben auf dem Land mit sozialer Integration um so wichtiger: "Wo in den Brotzeitpausen Fladenbrot und Leberkäs-Semmel beieinander sind, wo ein familiäres Klima gegeben ist. Die soziale Integration ist das A und O." Sedlmaier erinnert daran, dass die Flüchtlinge mit einer "fremden Denke und fremden Kultur" konfrontiert werden. "Ihnen wird von uns eine gewaltige Leistung abverlangt."

"Sprach-Optimierung"


Hans Schmidt rechnet heuer in den ostbayerischen Berufsschulen mit 2500 Schülern in den Berufsintegrationsklassen (Vorjahr 1500). Die ersten sechs Monate dienen der Alphabetisierung: "Da geht's los wie in der Grundschule." Entschieden spricht sich der Vize-Hauptgeschäftsführer gegen einen "Gesellenbrief light" aus. Dieser würde mittelfristig den sozialen Frieden gefährden und den gestiegenen Ansprüchen an Kundenorientierung und Digitalisierung widersprechen. Derzeit erfolgt für die Sommer-Gesellenprüfung eine "Sprach-Optimierung" - mit dem Ziel, die Aufgaben in verständlicher, einfacher Sprache, in kurzen Sätzen zu formulieren. Schmidt: "Dies kommt allen Prüflingen zugute, auch den schwächeren deutschen Azubis."

Nach der Einschätzung Schmidts ist der akute Fachkräftemangels "kurzfristig keinesfalls" mit den Asylbewerbern zu lösen: "Aber es bringt nichts, zu jammern."
Ohne deutsche Sprache geht überhaupt nichts.Hans Schmidt, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer
Alleine schaffen es die jungen Flüchtlinge nicht.Angela Sedlmaier, "Ausbildungs-Akquisiteurin" der Handwerkskammer
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