Informationen zur Palliativversorgung
Zigarette als „Therapeutikum“

Dr. Christoph Balzer, Dr. Christoph Seidl, Wally Meyer und Michael Bach (von rechts) sprachen beim Informationsabend zur Palliativversorgung von unheilbar Kranken. "Choosing wisely", also klug und weise zu entscheiden, lautet das Ziel. Bild: Hirsch
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Schwandorf
21.04.2016
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Wer als Arzt, Patient und Angehöriger in schwierigen Fällen klug entscheiden will, muss sich mit Fragen über Leben und Tod auseinandersetzen. Dr. Christoph Balzer und Kollegen gaben in einem Vortag zur Palliativversorgung Denkanstöße dazu.

Der Chefarzt am Krankenhaus St. Barbara ist Initiator und Sprecher des Netzwerkes zur Palliativversorgung unheilbar kranker Patienten im Landkreis Schwandorf. Die Palliativmedizin nehme heute einen wichtigen Stellenwert bei der Betreuung von Patienten und deren Angehörigen ein, betonte der Mediziner bei einem Info-Abend am Mittwoch im Krankenhaus-Saal.

Unbegründete Ängste


Nicht alles, was heute in der Medizin machbar sei, sei in der konkreten Situation notwendig und sinnvoll, so der Onkologe. Gewohnheiten und fehlendes Wissen über neue Entwicklungen seien häufig für ein "unkluges Entscheiden" verantwortlich. Hinzu komme die Angst vor dem Vorwurf, etwas unterlassen zu haben, verbunden mit juristischen Konsequenzen. "In aller Regel stellt sich die Angst als unbegründet heraus", sagte Dr. Balzer. Um als Arzt "klug" entscheiden zu können, sei es notwendig, sich persönlich mit den Fragen über Leben und Tod auseinanderzusetzen. Nur dann seien Empathie und Wertschätzung des Betroffenen wirklich möglich, machte der Chefarzt den Zuhörern im voll besetzten Saal deutlich. Auf Seiten des Patienten hält er es für wünschenswert, "dass er bei guter Symptomkontrolle zur Ruhe kommt, die Situation nüchtern betrachtet und den Ängsten möglichst sachlich begegnet". Auch das Gespräch mit den Familienangehörigen sei wesentlich und sollte "das gegenseitige Versteckspiel und das Schonenwollen" ersetzen.

"Lebensqualität geht immer vor Lebensquantität", betonte Dr. Balzer. Anhand von zwei Krankheitsverläufen schilderte der Mediziner, wie das Erleben der Erstkommunion oder des Abiturs eines Kindes zu einem wertvollen Lebensziel werden könne. Klug zu entscheiden, sei eine Lebenskunst, zu der alle Beteiligten (Betroffener, Familie, Mediziner, Pflege, Netzwerk von helfenden Berufen und Ehrenamtlichen) einen Beitrag leisten sollten. Abwechselnd referierten die leitenden Pflegekräfte der Palliativstation bei den Barmherzigen Brüdern in Regensburg, Walli Meyer und Michael Bach, über "kreative und phantasievolle Pflege am Lebensende". Da lasse sich ein "Naturmensch" auf eigenen Wunsch auch gerne mal mit eiskaltem Wasser baden, um die geliebte Natur am eigenen Leib noch einmal zu spüren.

Zeit und Empathie


Da werden ein Haustier oder eine Zigarette zum "Therapeutikum", obwohl es nach der Hausordnung verboten ist. Zeit und Empathie mit den Patienten und deren Angehörigen seien entscheidende Voraussetzungen, um in der verbleibenden kurzen Lebensspanne noch größtmögliche Lebensqualität zu erzielen, so die Pflegekräfte.

Ausgehend von der Bedeutung der "Weisheit" in der Antike und der biblischen Geschichte lenkte der Diözesanbeauftragte für die Hospizseelsorge, Dr. Christoph Seidl, den Blick der Zuhörenden darauf, dass es im Leben oft nötig sei, "etwas gut sein zu lassen", auch wenn es momentan die schlechtere Möglichkeit zu sein scheine. Eine weise Entscheidung versuche, vertrauensvoll von einem guten Ende her zu denken und zu urteilen. Der Wiener Arzt Viktor E. Frankl habe in seinem Gedankengut darauf hingewiesen: "Wo wir eine Situation nicht ändern können, gerade dort ist uns abverlangt, uns selbst zu ändern, nämlich zu reifen, zu wachsen, über uns selbst hinaus zu wachsen". Und das sei bis in den Tod möglich. Anhand von drei Beispielen aus der seelsorgerlichen Praxis erläuterte Seidl, "wie eine schwere Entscheidung durch das Zusammenwirken aller Beteiligten zu einer guten letzten Wegstrecke führen kann".
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