Knapp 17 Stunden ohne Essen und Trinken
Ramadan: Fasten bis zum Sonnenuntergang

In Mekka war Ali schon. Allerdings hat er noch keine große Pilgerreise (Hadsch) unternommen, sondern lediglich eine kleine (Umra). Erstere ist einmal im Leben Pflicht für einen Muslim. (Foto: hfz)
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Schwandorf
01.07.2016
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Über 16 Stunden kein Essen und kein Trinken. Dafür genießt Ali das Fastenbrechen nach Sonnenuntergang.
 
Ali reiste zum Opferfest nach Gambia. Die afrikanischen Kinder waren vom Gast sichtlich begeistert. (Foto: hfz)

Weil sich Ramadan nach dem Mondkalender richtet, haben es die Muslime heuer besonders schwer. Der Fastenmonat fällt in die Zeit, in der die Tage am längsten sind. Die Hitze erschwert die Aufgabe, bis Sonnenuntergang weder zu essen noch zu trinken. Es könnte aber noch erheblich härter für die Gläubigen sein.

Der türkische Stadtrat Ferdi Eraslan hat Freunde und Verwandte zu sich nach Hause zum Fastenbrechen eingeladen. Die Männer sitzen auf den orientalischen Sesseln und der Couch im Wohnzimmer. Obwohl der Fernseher nicht läuft und die türkische Nationalmannschaft schon längst aus der EM ausgeschieden ist, erinnert die Situation an einen gemeinsamen Fußballabend. Den Sonnenuntergang erwarten die Männer so sehnlich, wie Fans den Abpfiff des Schiedsrichters, wenn ihre Mannschaft kurz vor dem Ende knapp führt.

Eraslans Gäste blicken auf ihre Smartphones. Sie haben eine App geöffnet, die ihnen anzeigt, wann die Sonne auf- und untergeht. An diesem Tag ist Letzteres um 21.28 Uhr der Fall. Es ist einer der längsten Tage des Jahres. Die Muslime haben seit über sechzehneinhalb Stunden nichts gegessen und getrunken.

Einer von ihnen ist der 19-jährige Ali Kellecioglu aus Schwandorf. Ali ist in Deutschland geboren, sein Vater und seine Mutter sind Türken. Der Student spricht fließend die Sprache seiner Eltern und seines Geburtslandes. Seit er sechs Jahre alt ist, beschäftige er sich mit dem Islam, sagt Ali. Er habe das arabische noch vor dem deutschen Alphabet beherrscht und früh aus dem Koran gelesen.

Vorteil im Winter


Ans Fasten müssen sich Muslime halten, sobald sie die Pubertät erreicht haben. Befreit davon sind nur diejenigen, die nicht dazu in der Lage sind. Also etwa Kranke, Altersschwache und Schwangere. "Ich mache das schon seit der achten Klasse", verrät Ali. Seit zwei Jahren ist er während des Fastenmonats konsequent. Vorher habe er so lange nichts gegessen und getrunken, wie er es eben ausgehalten hat.

Nun also 30 Tage ohne Ausnahme. Wie schwer mag das sein? "Für mich eigentlich überhaupt nicht", sagt Ali. Er sei ohnehin jemand, der nicht viel trinkt. Vor allem nichts zu trinken, ist für viele aber eine Herausforderung. Denn das Verbot gilt auch, wenn jemand Sport treibt oder am Bau arbeitet. Ali rät deshalb, sich die Kraft bis zum Sonnenuntergang einzuteilen. Die Tage zwischen Ramadan-Beginn am 6. Juni und -Ende am 4. Juli können sehr lange sein.

Weil sich Ramadan nach dem islamischen Mondkalender richtet, verschiebt er sich jedes Jahr um zehn oder elf Tage Richtung Jahresanfang unseres Kalenders. Im Winter haben Muslime einen Vorteil, weil die Sonne früher untergeht. Allerdings könnte es für die Gläubigen noch härter sein, als den Ramadan im Juni in Deutschland zu begehen. In Skandinavien gibt es Tage, die länger als 23 Stunden sind. Gelehrte streiten deshalb darüber, ob sich Muslime in Ländern wie Norwegen und Finnland nach den Zeiten der Heiligen Städte Mekka oder Medina richten dürfen, oder sich strikt an das halten müssen, was Allah laut Koran sagt: "Und esset und trinkt, bis der weiße Faden von dem schwarzen Faden der Morgendämmerung für euch erkennbar wird. Danach vollendet das Fasten bis zur Nacht."

Wie ernst die Muslime ihren Fastenmonat nehmen, zeigt die Tatsache, dass einige Staaten Verstöße sogar unter Strafe stellen. Das Auswärtige Amt schreibt in seinen Reisetipps für die Vereinigten Arabischen Emirate: "Öffentliches Essen, Trinken, Rauchen, auch in Fahrzeugen, - selbst das Kauen von Kaugummi - ist von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auch für Nichtmuslime bei Strafe verboten."

"Du musst doch trinken"


Im christlich geprägten Deutschland steht Ali vor einer anderen Herausforderung. Er muss zwei Kulturen miteinander in Einklang bringen. Er hat sowohl türkische Freunde, von denen sich der Großteil ans Fasten hält, als auch deutsche. "Aus dem Studium sagen einige: Das ist doch verrückt, du musst doch trinken." Trotzdem erfahre Ali vorwiegend Akzeptanz. Er betont zudem: "Jeder, der mich kennt, weiß dass ich auch gute Leistungen bringe, wenn ich nichts esse und trinke. Das hat nichts damit zu tun, ob ich gute Noten schreibe." Jetzt sind es nur noch wenige Tage, bis der Fastenmonat endet. Am 5. Juli startet ein dreitägiges Ramadan-Fest. Das Fasten ist an diesen Tagen streng verboten.

Öffentliches Essen, Trinken, Rauchen, auch in Fahrzeugen, - selbst das Kauen von Kaugummi - ist von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auch für Nichtmuslime bei Strafe verboten.Das Auswärtige Amt in seinen Reisetipps für die Vereinigten Arabischen Emirate


Die fünf Säulen des IslamAli Kellecioglu hält sich nach eigenen Aussagen an die Regeln seines Glaubens. Dazu zählen die fünf Säulen des Islam. Sie bilden den Rahmen des Lebens eines Muslims. Eine der Säulen ist das Fasten im Monat Ramadan. Es gibt noch vier weitere:

Glaubensbekenntnis: Es muss mit Überzeugung gesagt werden und lautet übersetzt: "Es ist kein wahrer Gott außer Gott, und Muhammad ist der Gesandte Gottes." Es ist eine Art geflügeltes Wort, das Muslime bei vielen Gelegenheiten aussprechen. "Wenn einem etwas Gutes passiert, oder etwas Schlechtes. Oft natürlich in der Moschee", verrät Ali.

Gebet: Wie andere Muslime auch, betet Ali fünfmal am Tag. Nach dem Abitur habe er begonnen, die Gebete konsequent einzuhalten: morgens, mittags, nachmittags, abends und nachts. Mittags nutzt er meist einen Gebetsraum an der Uni in Regensburg, wo Ali studiert. Die meisten Leute hätten Verständnis, erklärt der 19-Jährige. "Ich habe noch niemanden erlebt, der gefragt hat: Warum machst du das?"

Zakat: Zum Leben eines Muslims gehört auch die Unterstützung von Bedürftigen, auch Zakat genannt. Ein Vierzigstel des Vermögens sollten Gläubige abgeben. "Als Student ist das natürlich schwierig", sagt Ali. Allerdings engagiert er sich anderweitig. Im Herbst 2015 ist er für zehn Tage mit einer Hilfsorganisation ins afrikanische Gambia geflogen. Zum Opferfest, dem höchsten islamischen Fest, hatte der Student in Deutschland Spenden gesammelt und in Afrika beim Schlachten geholfen.

Pilgerreise nach Mekka: Ali war zwar schon in Mekka. Allerdings hat er "nur" die kleine Pilgerfahrt (Umra) und nicht die große (Hadsch) unternommen, die einmal im Leben für alle Moslems Pflicht ist, die finanziell und körperlich dazu in der Lage sind. Den Hadsch möchte der Student machen, sobald er genügend Geld dafür hat.

Angemerkt: Leidvolle Durststrecke


Selbstversuch: Ich habe mich einen Tag an das Fastengebot der Muslime gehalten. Fast 17 Stunden kein Wasser, kein Cola, kein Obst, keine belegten Brötchen - nichts. Wer das durchzieht, steht morgens mit ein bisschen mehr Demut auf als sonst. Es ist der Respekt vor der Herausforderung.

Im Nachhinein lässt sich sagen, dass die Sache mit dem Verzicht auf das Essen ganz okay war. Hin und wieder machte sich der Magen knurrend und blubbernd bemerkbar. Aber der Hunger war verkraftbar. Schließlich bin ich nicht aus Zucker. Zum Glück: Sonst wäre die Versuchung wohl zu groß gewesen, an mir selbst herumzuschlecken.

Darüber scherze ich noch. Mit weniger Humor sehe ich hingegen die Enthaltsamkeit beim Trinken. Es war mitunter eine richtige Qual. Jetzt weiß ich, was es heißt, eine Durststrecke zu durchleiden. Dabei arbeite ich im Büro, muss mich also körperlich nicht verausgaben. Viel heftiger muss es für all die Mauerer, Dachdecker, Pflasterer und Fabrikarbeiter muslimischen Glaubens sein - zumal, wenn es im Sommer brütend heiß wird. Ich frage mich, ob das noch gesund sein kann. Trotzdem ziehe ich den Hut vor allen Muslimen, die das Fastengebot einhalten.

Wer letztlich bis Sonnenuntergang abstinent bleibt, den erwartet eine gewaltige Belohnung. Zum Fastenbrechen war ich bei einer türkischen Familie eingeladen, die mir gefüllte Weinbergblätter, duftenden Reis, warmes Fladenbrot und saftige Wassermelonen reichte. Ein Fest für meinen Magen. Und: Unglaublich, wie gut ein Glas Wasser schmecken kann.

Viel wichtiger ist aber, dass sich während meiner Reportage das Bewusstsein für Konsum und Verschwendung geschärft hat. Wer jeden Tag ohne zu überlegen in einen vollen Kühlschrank greift, weiß seinen Wohlstand und sein Glück erst wieder zu schätzen, wenn er für eine gewisse Zeit Verzicht übt.

Auch Rauchen und Lügen verboten Im Fastenmonat Ramadan sind nach Sonnenaufgang und vor Sonnenuntergang nicht nur Essen und Trinken verboten, sondern auch Rauchen und Geschlechtsverkehr. Hinzu kommen moralische Aspekte, die Muslime während des Ramadans befolgen sollten. Dazu gehört es etwa, nicht zu Lügen oder jemanden zu beleidigen. Wer kurzzeitig nicht fasten kann, sollte es nachholen.
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