Milchbauern bei der "Grünen Woche" in Berlin
Mit Vollgas an die Wand“

Die BDM-Spitze im Landkreis Schwandorf - Johannes Hösl (links) und Mathias Irlbacher (rechts) - gibt nicht auf. Die Milchbauern brauchen ein neues Konzept, in dem nicht ins Blaue hinein produziert wird. Bild: Völkl
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Schwandorf
24.01.2016
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Überproduktion auf dem Rücken der Tiere muss nicht sein. Bild: Hartl

Die Größe des Busses zeigt den Grad der Resignation: Fuhren die BDM-Leute früher mit zwei Bussen zur "Grünen Woche" nach Berlin, so war es diesmal ein Kleinbus. Aufmerksam machen auf den desolaten Milchmarkt: "Die Kraft dazu haben viele nicht mehr", sagen die Kreisvorsitzenden Johannes Hösl und Matthias Irlbacher, "dabei fahren wir mit Vollgas an die Wand".

Im Landkreis hat der BDM (Bundesverband deutscher Milchviehhalter) rund 280 Mitglieder. Matthias Irlbacher bewirtschaftet seinen Hof in Unteraich, hält 55 Milchkühe. Schnell zählt er an einer Hand ab, wer alleine in der Gemeinde daran denkt, aufzugeben. "Wir haben die dritte große Milchkrise innerhalb von sechs Jahren", berichtet der zweite Kreisvorsitzende. Als die Quote 2014 fiel, wurde der Markt mit Milch überschwemmt. "2014 eine Steigerung um vier Prozent, 2015 um zwei Prozent". Das hört sich nicht so dramatisch an, doch Europa ist weltweit der größte Milcherzeuger. 2014 wurden 159 Millionen Tonnen produziert, so die BDM-Kreisspitze. Die Milchbauern im Landkreis denken schon längst in gemeinsamen Binnenmarkt-Kategorien. Exportländer sind China und Russland. Doch in Russland "ist der Rubel im Keller" und die Chinesen kommen auch nicht in dem Umfang auf den Milchgeschmack, wie erwartet. In der großen Politik werde aber ausschließlich die Exportschiene gefahren.

Preis sinkt weiter


Doch die Rechnung geht nicht auf. Die Preise sind im Keller. Es gibt 30 Cent pro Liter. Hösl und Irlbacher gehen davon aus, das der Molkereipreis in Kürze noch um einen Cent sinken wird. "Der Wertschöpfungsverlust im Landkreis betrug im Vorjahr 12 Millionen Euro", so Matthias Irlbacher. Landhändler und Landmaschinenhersteller spüren die finanzielle "Zurückhaltung" der Milchbauern ebenso wie der Schwandorfer Viehmarkt.

Trotzdem: Johannes Hösl und Mathias Irlbacher resignieren nicht. Ziel müsse es sein, aus der Schiene des reinen Rohstofflieferanten rauszukommen. Derzeit werde produziert, was möglich sei, um die Verluste über die Menge zu kompensieren. Für die Kreisvorsitzenden gibt es nur eine Lösung: "Wir müssen professionell auf Nachfragedellen reagieren." Kein anderer Betriebszweig produziere, was er nicht absetzen könne. Hinzu komme, dass in einer alternden europäischen Gesellschaft der Milchverbrauch zurückgehe.

Wir sind die einzige Branche, die ins Blaue produziert.BDM-Kreisvorsitzender Johannes Hösl

Der BDM habe ein ausgefeiltes Marktverantwortungsprogramm vorgelegt. Das einzige, das auf dem Markt sei - außer dem Export-Credo. Der Grundtenor: In Zeiten mit rückläufigem Absatz die Produktion verantwortlich begrenzen: "Wir sind die einzige Branche, die ins Blaue produziert", betont Hösl. Es müsse einen Umlagetopf geben, in den diejenigen einzahlen, die zu viel produzieren und aus dem diejenigen bedacht werden, die sich beschränken. Dafür müssen politische Regelungen auf den Tisch. Nur mit dieser Variante komme man weg von Überproduktion und überquellenden Lägern der Molkereien. Die Situation ermöglicht Handelsketten derzeit Dumpingpreise. Da habe kein Verbraucher etwas dagegen, doch er würde auch einige Cent mehr akzeptieren, sind Hösl und Irlbacher überzeugt. Durch den Verbraucher sehen sich die Milchbauern eher noch gestärkt. Bei Sternfahrten und Schlepperdemos in Brüssel oder München gebe es oft aufmunternde Worte und ein anerkennendes "Daumen hoch". Viele hätten verstanden, dass Tiere nicht grenzenlos ausgeplündert werden dürfen und Bauern einen Sonderstatus haben, da sie die Landschaft, in der jeder gerne seine Freizeit verbringt, pflegen.

Weltpolitische Konkurrenz


Doch die Botschaft ist oben nicht angekommen. Vom Bundeslandwirtschaftsminister ist man herb enttäuscht. Johannes Hösl und Mathias Irlbacher geben trotzdem nicht auf. Bei der "Grünen Woche" in Berlin waren sie zum Faktencheck, besuchten Symposien. Ihnen ist vor allem der Vortrag von Professor Dr. Thomas Roeb in Erinnerung geblieben. Die Milchbauern müssten stärker aufzeigen, welche Folgen ihr "Aus" habe. Nur so könne man in Konkurrenz zu den vielen weltpolitischen Problemen überhaupt durchdringen.
Weitere Beiträge zu den Themen: Milchbauern (31)Marktverantwortungsprogramm (1)
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