Mit heiligen Namen fluchen
„Gruzinesn“, „Sàcksndi“, „Sàckara

Den Teufel nennt keiner gern beim Namen. In der Mundart finden sich dafür wohlfeile Umschreibungen wie "Herlbäider" und "Herlbàle". Bild: NT-Archiv
Vermischtes
Schwandorf
15.10.2016
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  Wenn jemand - aus welchen Gründen auch immer - das Wort "Wahnsinn" vermeiden möchte, dann spricht er von "geistiger Umnachtung". Will er das Wort "Gesäß" nicht in den Mund nehmen, dann wird daraus ein "Hinterteil" oder (scherzhaft) "der Allerwerteste". In dieselbe Richtung gehen "die vier Buchstaben" (= Popo). Übergewichtige Personen werden nicht immer als "dick", sondern als "beleibt", "vollschlank" bzw. "stark" bezeichnet, und wenn jemand gestorben ist, dann heißt es in Traueranzeigen, der oder die Betreffende sei "entschlafen, heimgegangen, abberufen worden" oder gar "entschlummert".

Euphemismus

Das Phänomen, von dem hier die Rede ist, sind die sogenannten Euphemismen, das heißt beschönigende, mildernde, verhüllende Umschreibungen für anstößige oder unangenehme Ausdrücke. Das Wort "Euphemismus" geht auf das griechische Wort euphemein in der Bedeutung "Worte von guter Vorbedeutung gebrauchen, Unangenehmes angenehm sagen" zurück. Sie finden sich nicht nur in der Standardsprache in großer Zahl, sondern ebenso im Dialekt, wenn auch hier wohl weniger häufig, da Letzterer von Haus aus zu einer deutlicheren Diktion neigt.

Von daher sind Euphemismen in der Mundart auf bestimmte Bereiche beschränkt, die allgemein den Charakter von Tabuthemen haben. So ist es beispielsweise bezeichnend, dass das Hinterteil eines Menschen sehr oft geradeheraus ohne Umschweife in der derben Variante ohne Verbrämung beim Namen genannt wird, nämlich "Oasch", während das Eigenschaftswort "wampert" (= dick) nicht selten durch "stoag" (= stark) ersetzt wird, wohl um sich nicht dem Vorwurf eines beleidigenden Tons auszusetzen.

Von Euphemismen im Dialekt sind in erster Linie religiöse Themen betroffen, also Tod, Teufel und heilige Namen, denn sie neigen am ehesten dazu, als sakrosankt, also unantastbar, angesehen zu werden. Traditionellerweise ist demnach auf diesem Gebiet die Abneigung, die Dinge im wahrsten Sinne des Wortes beim Namen zu nennen, mit am größten. So kursiert zum Beispiels die Anekdote einer sehr betagten Frau, die sich ein schwarzes Kostüm mit folgender Begründung kauft: "Wenn ãmal wos wà." (= "Wenn einmal etwas wäre.") Damit spielt sie auf ihr Ableben und ihre Einsargung an, für die sie sich ein neues Gewand anschaffen möchte, um entsprechend gekleidet zu sein, aber diese Tatsache nicht entsprechend artikulieren möchte.

Bezeichnung umgehen

Wie der Tod ist auch der Teufel seit jeher ein Bereich, mit dem die Menschen nicht gerne konfrontiert werden. Demzufolge tauchen im Dialekt eine Reihe von Wörtern auf, die eine direkte Bezeichnung umgehen, wie etwa "Herlbäider" und "Herlbàle". Beide sind sie Komposita aus den Komponenten "Horn" sowie den Vornamen "Peter" und "Paul".

Die größte Gruppe bilden jedoch diejenigen Wörter, die heilige Namen als Fluch zum Gegenstand haben. Der Klassiker unter den diesbezüglichen Euphemismen ist "Sàckl-Zement", eine rein äußerlich nicht mehr zu erkennende Verballhornung beziehungsweise Entschärfung von "Sakrament". Etwas weniger "exotisch" klingen da schon "Sàckara, Sàppradi, Sàcksndi". Ein ähnlicher Fall liegt bei "Gruzinesn" vor, eine Anspielung auf "Kruzifix". Wer sich in diese Materie vertiefen möchte, dem sei das Werk "Bayrisch-Österreichisches Schimpfwörterbuch" von Reinhold Aman empfohlen.
Weitere Beiträge zu den Themen: Dialekt (69)Mundart (50)Euphemismus (1)
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