Nachtschicht
Mit Taxi zum Blumen pflücken

Vermischtes
Schwandorf
15.10.2016
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Taxifahrerin Nicole Dirscherl sitzt am Wochenende hinter dem Lenkrad und ist Spezialistin für Nachtfahrten. Zehn Stunden dauert so eine Nachtschicht bei ihr. Bild: Götz

"Vollpfosten" steigen schon auch einmal ein. Aber eigentlich hat Nicole Dirscherl einen anderen Eindruck von ihren Fahrgästen. "Die in Schwandorf sind zivilisiert." Aber nicht immer nüchtern. Denn die 43-Jährige fährt nur nachts. Da kann man schon 'was erleben als Taxlerin.

"Nachtschicht" ist für die freundliche, aber durchsetzungsfähige Frau ganz normales Berufsleben. "Ich fahre immer am Wochenende und ich fahre nur nachts", erzählt sie bei einem Gespräch in der Zentrale ihres Unternehmens, das sich im Schwandorfer Stadtteil Büchelkühn befindet. 29 Kollegen hat Nicole Dirscherl, die sich acht Taxis teilen. Damit ist sie bei der größten Taxifirma des Landkreises angestellt.

Zehn Jahre ist die 43-Jährige schon als Fahrerin im Dienst; in Kontakt gekommen ist sie mit dem Unternehmen während ihrer Arbeit an einer Tankstelle. Und obwohl sie immer geglaubt hat, ihre Heimatstadt Schwandorf recht gut zu kennen, erlebte sie eine Überraschung, nachdem sie sich um den "Personenbeförderungsschein" bemüht hatte. Man braucht ihn, um Menschen im öffentlichen Personennahverkehr chauffieren zu dürfen. "Da gibt es dann die Ortskenntnis-Prüfung mit 20 Fragen, die eigentlich gar nicht so schwer waren", erinnert sich Nicole Dirscherl. "Aber wenn du dann mal fährst, merkst du, dass du dich gar nicht so gut auskennst." Der Grund dafür: "Diese Stadt hat so viele Gassen und Straßen - und es gibt immer ein Gasserl, das du nicht kennst."

Nachts bis 600 Kilometer


Ein Chevrolet Nubira war ihr erstes Taxi, das weiß sie noch ganz genau. Natürlich war er in der berühmten Taxifarbe lackiert, die ein Taxler auch definieren kann: RAL 1015 Hellelfenbein. An diese Farbe hat sie sich gleich gewöhnt, ebenso an das Krächzen des Funkverkehrs, "auch wenn die Gäste oft nicht verstehen, was durchgesagt wird".

Das Taxiunternehmen Merl, bei dem Nicole Dirscherl arbeitet, fährt seit zwölf Jahren "rund um die Uhr", wie Chef Thomas Merl berichtet. Stehzeiten gibt es wenige. "Tagsüber haben wir eine Auslastung von 99 Prozent, da sind viele Stammkunden dabei - und 85 Prozent der Fahrten werden länger vorher vorbestellt."

Auch oder gerade nachts ist fahren, fahren, fahren angesagt. "In so einer Nacht bekomme ich 300 bis 600 Kilometer zusammen", weiß Nicole Dirscherl, die nur am Wochenende hinter dem Steuer sitzt und gegen 20 Uhr ihre Zehn-Stunden-Schicht anfängt. Gerade während des Oktoberfestes gebe es zum Beispiel viele, die sich früh zum Bahnhof bringen lassen und von dort wieder nach Hause, wenn sie aus München zurück sind.

"Oft schicken uns auch Eltern um 1 Uhr nachts zum Musikpark, um die Kinder abzuholen, oder es geht zum Junggesellenabschied nach Regensburg." Und wenn in der Nacht in einer Schwandorfer Firma, die im Schichtsystem arbeitet, ein Unfall passiert, "dann rufen die uns an, dass wir den betroffenen Mitarbeiter ins Krankenhaus fahren".

Grundsätzlich gilt: Ab 1 bis 2 Uhr bis in die Früh herrscht Hochbetrieb. Die Menschen seien nämlich "vorsichtiger geworden, wenn sie etwas getrunken haben," wissen die Taxler. Was nicht heißt, dass die Gäste immer freundlich sind, wenn sie einsteigen. "Einmal habe ich ein älteres Paar befördert und der Mann hat dauernd seine Frau angestänkert. Ich habe nichts gesagt, aber als er auch noch mich angemacht hat, weil ich angeblich zu langsam fahre, habe ich angehalten und eine Ansage gemacht." Dann war Frieden im Taxi.

Blumen für die Liebste


Gern erinnert sich Nicole Dirscherl hingegen an die "Blumenpflück-Aktion": "Da bin ich mit einem Kunden, der eine Frau kennen gelernt hat, herumgefahren, um Blumen zu sammeln, die er dann über ihr Auto gestreut hat."

Egal was passiert, die 43-Jährige fürchtet sich nicht, wenn sie in der Dunkelheit unterwegs ist. Für die erfahrene Taxifahrerin aber ist klar: "So eine Nachtschicht muss dir liegen, das kann nicht jeder."

Diese Stadt hat so viele Gassen und Straßen - und es gibt immer ein Gasserl, das du nicht kennst.Taxifahrerin Nicole Dirscherl
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