Prozess gegen "Sekunden-Sepp"
Angst vor einem Unberechenbaren

Als die Sprengstoffladung im Ofen explodierte, verbog sich das massive Metallrohr in eine bizarre Form. Die Bombe war vom Täter an einem Ende mit einer Schraube und auf der anderen Seite mit zwei Beilagenscheiben verschweißt worden. Damit wurde sie verdämmt und hochexplosiv. Bild: hou
Vermischtes
Schwandorf
12.10.2016
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Sie hatten Angst vor ihm im Dorf. Wenn sich der Mann aus Steinberg am See ärgerte, neigte er zu versteckten Fouls. Das beschäftigte immer wieder die Polizei. "Doch wenn wir ermittelten, war da eine Mauer des Schweigens", sagte ein Beamter als Zeuge vor dem Amberger Schwurgericht.

Amberg/Steinberg am See. "Das kann nur er gewesen sein", mutmaßten die Steinberger, wenn wieder einmal Autoschlösser mit Sekundenkleber verschmiert wurden. Eine Katze erlitt tödliche Schussverletzungen, etliche andere Merkwürdigkeiten ereigneten sich. Dass dieser 68-jährige Rentner, der nun wegen Mordversuchs vor dem Schwurgericht sitzt (wir berichteten), eine Bombe bauen würde, traute ihm aber keiner zu. Am 14. Januar dieses Jahres explodierte der Sprengsatz, vorher sorgsam versteckt in einem Holzscheit, im Schwedenofen eines Ehepaars. Dabei kann vermutet werden: Beide sollten eigentlich gar nicht zur Zielscheibe werden. Der Anschlag galt wohl dem im gleichen Haus wohnenden Senior (79) der Familie.

Nur wegen Gerede


Als später die Kripo ermittelte, wurden zwei KK-Gewehre und über 1000 Schuss Munition bei dem 68-Jährigen gefunden. Stammte das für die Rohrbombe verwendete Cellulosenitratpulver, eine hochbrisante Substanz, aus der bei ihm beschlagnahmten Munition? Am zweiten Verhandlungstag zeigte sich der des Mordversuchs beschuldigte ehemalige Schlosser moderat, beantwortete Fragen des Gerichts und begann damit, einen Mann zu belasten, der nicht mehr reden kann. Als Faktum konnte dabei gelten: Auch er hatte Waffen und Munition.

Der 53-Jährige, erst Monate nach Beginn der Ermittlungen inhaftiert, nahm sich in der JVA Weiden das Leben. Von daher bleibt unwidersprochen, was der 68-Jährige ihm anlastet. Er soll die Idee zum Rohrbombenbau gehabt haben. Ihm wird zugeschrieben, dass er ein Metallrohr in brauchbare Stücke sägte, später auch ein Holzscheit per geschickter Bohrung mit einem Einschubkanal präparierte. Und vor allem: "Er hat mir das Pulver in einem Essiggurkenglas mitgegeben."

In einem Abschiedsbrief soll der 53-Jährige mitgeteilt haben, er sei unschuldig. "Das", sagte am Mittwoch ein Zeuge, "hätte der nie getan." Über alledem schwebt nun die Frage: Weshalb auch?

Warum griff der Angeklagte zu einer solch hochkriminellen Vorgehensweise? "Ich wollte, dass das Gerede über mich aufhört." Doch welches Gerede? Die vom Anschlag heimgesuchte Familie soll lediglich Missfallen darüber geäußert haben, dass der Rentner aus ihrer Nachbarschaft seinen eingeschläferten Hund nicht daheim bei sich begrub. Mehr nicht. Kam hinzu: Man kannte sich lange.

Ofen zum Glück zu


Die Folgen einer solch explosiven Attacke seien schwer einschätzbar, sagte der Chemiker Dr. Mark Wende vom Bayerischen Landeskriminalamt vor dem Schwurgericht. Er beschrieb, dass vermutlich die Füllung von vier Gewehrpatronen verwendet wurde. Dann fragte ihn die Kammervorsitzende Roswitha Stöber: "Hätte das tödlich sein können?" Wende bejahte. Allerdings hätte dazu jemand die Ofentüre gerade öffnen müssen, als die Detonation mit lautem Knall vor sich ging. So aber zerbarst die Scheibe, blieben die in ihrem Wohnzimmer sitzenden Eheleute unverletzt.

In dem Prozess tritt jetzt eine längere Pause ein. Er wird erst am Montag, 24. Oktober, fortgesetzt.
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