Sprachforschung
Af Amerika iwe und in d' Wain ei

Vermischtes
Schwandorf
22.01.2016
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Das Beispiel Oberviechtach zeigt, wie genau der Dialektsprecher differenziert, wenn ihm die Frage nach dem Wohin gestellt wird. Jeder kann sich von seinem Ort aus auf die Reise machen und wird staunen über die Vielfalt der Richtungsadverbien. Bild: Tietz


Innerhalb der Gruppe der dialektalen Lokaladverbien (Umstandswörter des Ortes) stellen die Richtungsadverbien einen der interessantesten Bereiche dar. Sie geben Auskunft auf die Fragen "Wohin?" und "Woher?". Ihre Formen und ihre Verwendung sind so vielfältig und komplex, dass eine Beschränkung auf die hauptsächlichsten ausreicht beziehungsweise es einer solchen Eingrenzung bedarf, um die wesentlichen Merkmale prägnant und aussagekräftig darzustellen. Deshalb erfolgt an dieser Stelle die Beschränkung auf die Richtungsadverbien, die auf die Frage "Wohin?" antworten. Grundsätzlich sind sie unter anderem abhängig vom geografischen Standort, der Himmelsrichtung, der Geländebeschaffenheit, zum Beispiel Höhenlage, sowie der Nähe zum Bezugsort und dessen Sozialprestige.

Um Letzteres aufzugreifen, sagt man in Oberviechtach - dem Wohnort des Verfassers - àf Micha (München) àffe, jedoch àf Rengschburch (Regensburg) oi, obwohl die beiden Städte im Süden liegen. Bei München spielt jedoch die Tatsache eine Rolle, dass es sich um die Landeshauptstadt handelt, auf die man sozusagen "aufschaut". Bezieht man sich jedoch auf den Norden, wird die Richtung stets durch àffe wiedergegeben. Das dafür herangezogene Beispiel àf Wain (Weiden) àffe ist noch unter weiteren Gesichtspunkten interessant, nämlich zum einen durch die Verwendung des Artikels "die" beim Namen der Stadt Weiden und zum anderen durch die Änderung des Umstandsworts, wenn sich der Bezugsort weiter nördlich befindet. Dann heißt es nämlich: in d' Wain ei.

Ist der Referenzpunkt ein Ort im Osten, lautet das Adverb "hinte", etwa in dem Hinweis: àf Schensäi (Schönsee) hinte. Hier scheint die langjährige Grenznähe zur Tschechischen Republik ausschlaggebend zu sein. Umgekehrt sagt man: àf Vejchta (Oberviechtach) vire. Für den Westen bzw. Südwesten ist die Sachlage nicht so eindeutig, wie die Beispiele àf Nabburch (Nabburg) àsse, und àf Schwoazhof (Schwarzhofen) iwe zeigen. Für iwe findet sich mitunter auch umme. Beide implizieren die Überwindung eines Hindernisses, zum Beispiel eines Höhenzuges.

Das Gesagte gilt auch für Länder, was sich ebenfalls mit der Tschechischen Republik illustrieren lässt, wenn es heißt: in Tschechai iwe/ei. Selbst vor Amerika macht der Dialekt in seiner für ihn typischen Expressivität nicht Halt, denn man begibt sich àf Amerika iwe/umme, wobei hier der dazwischen liegende Atlantik für die Wahl der entsprechenden Richtungsadverbien eine Rolle spielt. Die Fülle der Wörter auf diesem Gebiet ist sehr groß, denn sie ergeben sich zum einen aus der Perspektive hinsichtlich eines Bezugspunkts und zum anderen aus der in der jeweiligen Gegend vorherrschenden Mundartausprägung. Ein Beleg für Letzteres ist die Variante oiche für oi. Die Differenzierung, die der Dialekt bei den Umstandswörtern des Ortes aufweist, ist weitaus facettenreicher als in der Standardsprache, in der es nur ein einheitliches Pendant gibt, nämlich "nach". Jetzt kann jeder Dialektsprecher versuchen, für seinen Ort, Nachbarorte, größere Städte und Länder seine eigene Systematik zu erstellen. Er wird überrascht sein!

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