Stadtmuseum Schwandorf präsentiert in neuem Naturinfozentrum Ökosysteme der Oberpfalz
Wo sich Hecht und Hamster treffen

Eine alltägliche Szene aus Oberpfälzer Gewässern. Der Barsch ist chancenlos gegen den ihm überlegenen Hecht. Präperiert wurden die Tiere von einem Experten, der sich auf die Rekonstruktion von Fischen spezialisiert hat. Bilder: Götz (8)
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Schwandorf
18.11.2016
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Die Baumbibliothek ist der große Stolz von Museumsleiterin Eva-Maria Keil. Besucher können neben der Struktur des Holzes die unterschiedlichen Rinden-Arten der Bäume erfühlen.
 
Fast wirkt es, als würde Gernot, der präparierte Schwan, die Besucher mit seinen weit ausgebreiteten Flügeln im Infozentrum begrüßen.

Vogelgezwitscher, leises, monotones Rauschen eines Baches. Am Ufer steht ein Bieber, daneben tummeln sich grün-schimmernde Enten, manche von ihnen blicken auf einen kleinen Fluss voll Fische. Doch der Schauplatz ist nicht etwa in der Natur, sondern im Stadtmuseum Schwandorf.

Eva-Maria Keil blickt auf "Gernot", den großen präparierten Schwan, der am Eingang des Naturinfozentrums platziert ist. "Er ist einer unserer Besucher-Lieblinge. Wann sieht man schon mal einen Schwan von dieser Nähe", sagt die Leiterin des Stadtmuseums Schwandorf und lächelt.

Das Naturinfozentrum wurde 2013 eröffnet - anlässlich des 100. Jubiläums des Museums. Die Idee entstand viel früher. Seit Jahren habe es eine riesige Sammlung an Naturpräparaten gegeben. Doch diese waren nur "lieblos" auf einem grünen Teppich platziert." Kinder aber reagierten begeistert auf die Stücke, zeigten Interesse an der Natur. "Das griffen wir auf - wir wollten damit eine Art Zugpferd schaffen, damit Familien wieder gerne ins Museum gehen", erinnert sich Keil.

Die Vorlaufzeit war lang, der Aufwand groß. Keil arbeitete mit zahlreichen Experten - darunter Innenarchitekten und Präparatoren - zusammen, um die Naturräume der Oberpfalz in der Ausstellung so authentisch wie möglich nachzubauen. "Ein Museum ist das Gedächtnis einer Stadt. Besonders in unserer schnelllebigen Zeit ist Kultur wichtig. Es soll ein Haus für alle sein - dieses Ziel behielten wir immer vor Augen."

Das Ergebnis ist beeindruckend. Auf zwei Etagen präsentiert sich das Naturinfozentrum auf einer Ausstellungsfläche von rund 450 Quadratmetern. 500 Exponate, darunter über 100 Tierpräparate, veranschaulichen den Besuchern die Naturvielfalt in der Oberpfalz. Doch bevor es an die "Oberfläche" geht, betritt man den Raum "Erde". Das Zimmer ist dunkel gehalten, "so, wie es eben im Boden ist".

Original-Exponate


Beleuchtete Schautafeln informieren über die Bedeutung der Erde für unsere Region und die Bevölkerung. "Bergbau, Tonbau, Kiesabbau - die Oberpfalz ist sehr bodenschatzreich, was vor allem damals für viele Menschen einen sicheren Arbeitsplatz bedeutete." Auch Braunkohlebergbau wurde betrieben. Schwarz-weiß-Bilder von Arbeitern und Fabriken veranschaulichen die Informationen - ebenso Original-Exponate wie Teekannen und Tassen, etwa aus der Tonwarenfabrik in Schwandorf und dem Eisenwerk in Fronberg.

Wie vielfältig die Erde ist, wird an einem Bohrkörper deutlich, der in der Mitte des Raumes empor ragt. In Kanülen lagern verschiedenste Bodenarten. Dann geht es weiter an die "Oberfläche", erklärt Keil und steigt die Treppe in das Dachgeschoss hoch - das Herzstück des Naturinfozentrums. Es ist optisch und inhaltlich aufgeteilt in fünf Bereiche, die die regionalen Landschaftsformen und ihrer Flora und Fauna detailgetreu darstellen.

Die erste Station - Jura - zeigt Reptilien, Fledermäuse und einen mächtigen Uhu. "In unserer damaligen Sammlung hatten wir einen Steinadler, der ist hier nicht mehr zu finden. Wir zeigen wirklich nur Tiere, die es bei uns auch gibt." Auch Fossilien und Steine liegen bereit, über deren Struktur die Besucher fühlen können.

Daneben breitet sich das Themengebiet Flusslandschaften aus. Ein Fischotter steht am Ufer des mit Glasplatten nachgebildeten Flusses, im "Wasser" ist ein Hecht auf Beutejagd. Auf den ersten Blick wirken die Tiere lebendig, fast so, als würden sie jeden Moment in Aktion treten. "Wir haben mit sehr guten Präparatoren zusammengearbeitet. Vor allem bei den Fischen war das eine große Herausforderung." Weiter geht es in die Moor- Weiher- und Seenlandschaften. Störche und Frösche beherrschen dieses Ökosystem. Auch hier ist ein Gewässer nachgebildet, das von einem grünen, lebendigen Ufer umschlossen wird - stellvertretend für zahlreiche Naturschutzgebiete.

ServiceDas Naturinfozentrum im Stadtmuseum Schwandorf (Rathausstraße 1) ist jeden Mittwoch, Freitag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr geöffnet sowie Donnerstag, 12 bis 18 Uhr. Für Kindergärten, Schulklassen oder andere Besuchergruppen sind Führungen außerhalb der Öffnungszeiten nach Vereinbarung möglich.

Zudem bietet das Stadtmuseum eine Museums-Aktiv-Werkstatt an, in der Workshops und Vorträge abgehalten werden können. "Oftmals sammeln wir mit den Kindern auch Dinge in der Natur, beispielsweise Pilze und Pflanzen, die wir uns dort genauer anschauen. Die Verbindung zwischen Theorie und der praktischen Anwendung ist uns wichtig", erklärt Museumsleiterin Eva-Maria Keil. (juh)
Die Region zeichnet sich jedoch nicht nur durch eine vielfältige Tierwelt aus, auch zahlreichen Pflanzen und Gewächsen bietet sie eine Heimat. Das stellte Keil und ihr Team vor ein großes Problem. "Tiere kann man präparieren, Pflanzen nicht. Wir haben lange überlegt, was wir tun können." Die Lösung - ein Pflanzenbuch, das in jedem Themenbereich mit Ökosystem-typischen Blumen und Sträuchern aufgelegt ist. "Wir haben Gewächse getrocknet und sie in Folie getan. Es ist zwar nicht das gleiche wie frische Pflanzen, aber die Besucher können sie sich anschauen."

In der vierten Landschaftsform, dem Wald, erwartet die Besucher eine Überraschung - auf die auch Keil besonders stolz ist. Eine Baumbibliothek. An viereckigen Exponaten können Besucher die Beschaffenheit von Bäumen sehen und erfühlen. Hinter einer Glasscheibe sind zudem die Besonderheiten wie Blätter und Früchte zu bestaunen. "Es ist wichtig, dass die Besucher auch etwas anfassen, richtig erleben können."

Optisch ist dieser Bereich einem richtigen Wald nachempfunden - braune, senkrechte Balken symbolisieren Bäume, grünes Holz die Baumkronen. An Infotafeln erfahren Besucher, welche Tiere - beispielsweise der Specht und der Siebenschläfer - sich in der Natur gerne einen Lebensraum teilen. Dahinter versteckt sich eine Sammlung aller heimischen Pilze, die bis ins kleinste Detail nachgebaut wurden. Schilder informieren, welche essbar, schmackhaft und giftig sind.

Theorie und Praxis


"Ganz nach dem Motto ,rein ins Museum, raus in die Natur' bieten wir Schulklassen an, selbst gesammelte Pilze mitzubringen, die wir uns hier genauer anschauen", erklärt Keil die Verbindung zwischen Theorie und Praxis. Felder, Äcker und Wiesen bilden den Schwerpunkt im Bereich "Kulturland". Neben präparierten Tieren können sich die Besucher im Multimediabereich - wie in den anderen Anschnitten auch - informieren und ihr Wissen bei einem Quiz testen.

Eine Medienstation bildet den Schlusspunkt. Acht Menschen aus der Region, darunter Fotografen, Naturschützer, Künstler und Züchter, erzählen in kurzen Filmen von ihrer Arbeit und ihrer Motivation. "Es ist ein Rundumschlag durch den ganzen Landkreis. Und es sollen noch viel mehr werden."

"Ein Museum ist etwas dynamisches, es muss mit der Zeit gehen. Deshalb wird es in den kommenden Jahren unsere Aufgabe sein, unsere multimediale Präsenz weiterzuentwickeln - etwa mit QR-Codes." Mit dem Projekt Naturinfozentrum will das Team um Keil vor allem eines bewirken. Menschen ein Gefühl für die Natur vermitteln, ihnen zeigen, dass es sich lohnt, sie zu schützen und respektvoll mit den Lebewesen umzugehen.

Ein Museum ist etwas dynamisches, es muss mit der Zeit gehen. Deshalb wird es unsere Aufgabe sein, unsere multimediale Präsenz weiterzuentwickeln - etwa mit dem Anbringen von QR-Codes.Eva-Maria Keil, Leiterin des Stadtmuseums Schwandorf


Sonderausstellung: EnergiewendeDas Stadtmuseum Schwandorf präsentiert gemeinsam mit dem Bund Naturschutz von Freitag, 28. Oktober, bis zum 5. Februar die Sonderausstellung "Hier geht allen ein Licht auf - Energiewende ist machbar!?". Das Landesamt für Umwelt entwickelte das Ausstellungskonzept, das Tipps für Jung und Alt zum Thema Energiesparen bereithält.

An verschiedenen Mitmachstationen können sich Besucher informieren und ihr Wissen testen, etwa anhand eines Leuchtkoffers, der die Farben und Helligkeit diverser Lampen vermittelt. Drehscheiben geben Auskunft, welche Einsparpotentiale sich im Haushalt verbergen. Auch ein Heizungspumpenmodell wird zu sehen sein, an dem der Unterschied zwischen alten und modernen Umwälzpumpen gezeigt wird.

Das Thema "Windkraft und Natur" bildet einen weiteren Ausstellungsschwerpunkt. Wie leben Vögel im Umfeld einer Windkraftanlage? Auch das erfahren Besucher an einer der zahlreichen Mitmachstationen im Stadtmuseum Schwandorf. (juh)

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