Wie das Jugendamt auf das veränderte Familienbild reagiert
Wenn Mama arbeiten geht

Familie und Beruf unter einen Hut bringen, dazu gehört auch der Ausbau der Krippenplätze. Laut einer Erhebung vom 31. März konnten im Landkreis 815 Krippenkinder untergebracht werden. Bild: Hartl
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Schwandorf
21.05.2016
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Regina Hildwein, Leiterin des Kreisjugendamtes. Bild: Götz

Mama bleibt bei den Kindern, Papa sorgt fürs Familienbudget: Das war einmal. Frauen müssen häufig dazuverdienen. Scheidungen und Patchworkfamilien nehmen zu. Auch eine Herausforderung für die Jugendämter, die nicht nur Reparaturbetrieb sein wollen, sondern aktive Hilfen anbieten.

Regina Hildwein leitet das Kreisjugendamt. Tag für Tag haben sie und ihre Mitarbeiter einen prall gefüllten Terminkalender. Die "Woche der Familie" ist ausgerufen: Regina Hildwein hat jeden Tag "Familienwoche". Mit einem Blick zurück stellt sie fest, dass sich "das übliche Bild von Familie erweitert hat. Traditionelle Orientierungen geraten ins Wanken." Die Ursache sieht sie in gravierenden gesellschaftlichen Veränderungen: veränderte Altersstruktur, steigende Trennungsraten, mobile und flexible Erwerbsarbeit, risikoreiche Arbeitsverhältnisse.

Eine Fürsorgelücke


Für Regina Hildwein stellt die Erziehung von Kindern heute Anforderungen, "die Eltern ohne gesellschaftlichen Rückhalt kaum bewältigen können". Bei vielfältigen Fürsorgeaufgaben sei angesichts der steigenden Erwerbstätigkeit von Frauen eine Lücke entstanden. Ein Spagat zwischen den Anforderungen des Berufslebens, den Erwartungen an die Erziehung und der Pflege eines Freundeskreises sei zu bewältigen. Lange Ausbildungszeiten und schwierige Berufseinstiege hätten außerdem zur Folge, "dass die Familiengründung im Lebenslauf immer weiter hinausgeschoben wird". Das Durchschnittsalter der Frauen bei der Geburt des ersten Kindes liegt gegenwärtig in Bayern bei 29,9 Jahren.

Und die Vielfalt des Familienlebens nimmt zu: Zwar sind in Bayern 75,7 Prozent der Familien Ehepaare mit Kindern, doch angesichts anhaltend hoher Scheidungsraten sind Ehepaar-Familien auch zunehmend Patchworkkonstellationen mit komplexeren Lebensführungen. Ebenfalls angestiegen ist die Anzahl der Alleinerziehenden und nichtehelichen Lebensgemeinschaften. Hinzu kommt, dass sich die sozialen Milieus zwischen Ein- und Zweiverdiener-Haushalten auseinander entwickeln.

"Seit Mitte der 1990er Jahre haben sich fast alle Leistungsfelder der Kinder- und Jugendhilfe stark ausgeweitet", betont Regina Hildwein. Die Kindertagesbetreuung sei das mit Abstand größte Aufgabengebiet. Seit August 2013 gibt es bekanntlich den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ab dem vollendeten ersten Lebensjahr. Das hatte enorme Auswirkungen. Die Jugendamtsleiterin nennt Zahlen zu den Krippenplätzen im Landkreis: Im Jahr 2005 waren es 24 Plätze, 2006 mit 36 kaum mehr. 2007 stiegen sie auf 62 und 2008 auf 103 Plätze. 2009 gab es 169 und im Jahr darauf 253 Plätze. Inzwischen wurde aufgeholt. Im Vorjahr gab es 615 Krippenplätze, heuer sind es 815.

"Frühe Hilfen"


Parallel dazu lief laut Hildwein ein Qualifizierungsschub, wird doch der frühkindlichen Bildung immer größerer Stellenwert eingeräumt. Das Jugendamt setzt auch auf "frühe Hilfen" für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern, sensibilisiert Fachkräfte und Netzwerkpartner, um Risikofamilien möglichst frühzeitig zu unterstützen. Da gibt es beispielsweise das "Mamma-Café" oder die "Windelrocker", wo sich junge oder minderjährige Mütter Rat holen können.

"Der Unterstützungsbedarf hat sich in den vergangenen 20 Jahren deutlich erhöht", betont die erfahrene Jugendamtsleiterin. Und die Gesellschaft sei, ausgelöst durch Fälle von zu Tode gekommenen Kindern, viel sensibler gegenüber Vernachlässigungen oder Misshandlungen geworden. Durch gesetzliche Veränderungen sei der Kontroll- und Schutzauftrag des Jugendamtes stärker ins Blickfeld gerückt. Erfolgreiche Jugendhilfe - darunter versteht Hildwein Prävention, vielfältige und passgenaue Angebote für Familien. Das kostet Geld. Im letzten Jahr wurden die Kreisräte zu einer Klausurtagung eingeladen. Wohnortnahe Hilfs- und Unterstützungsangebote, das knüpfen neuer Netzwerke soll dafür sorgen, dass Kinder- und Jugendhilfe "nicht ausschließlich als Kostentreiber im kommunalen Haushalt wahrgenommen wird".

815 Krippenplätze im LandkreisInteressant ist ein Blick auf die Kindergarten- und Krippensituation im Landkreis. Vor 20 Jahren gab es 48 Kindertagesstätten (ohne Horte). Ihre Zahl ist auf 77 angestiegen. Wurden vor 20 Jahren 3800 Kinder betreut, sind es jetzt 4455 Kinder. Ganz enorm ist dabei der Zuwachs an Krippenkindern unter drei Jahren: Waren es von 20 Jahren 13, so sind es derzeit 815. Die Schulkindbetreuung stieg von 0 auf 101. Gesunken ist hingegen die Zahl der Kindergartenkinder von drei Jahren bis zur Einschulung: von 3787 auf 3539. (cv)
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