Zungenkuss wird zur Straftat

Vermischtes
Schwandorf
23.08.2016
96
0

Ein Zungenkuss brachte einen 25 Jahre alten Mann vor Gericht. Die von ihm ausgehende "Sympathiebekundung", die eine 14-Jährige unfreiwillig über sich ergehen lassen musste, stellt im juristischen Sinne eine sexuelle Nötigung dar. Daran führte für den Angeklagten kein Weg vorbei.

Amberg/Schwandorf. Im Februar diesen Jahres war ein 25-Jähriger am Amtsgericht in Schwandorf zu neun Monaten Freiheitsstrafe, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung, wegen sexueller Nötigung verurteilt worden (wir berichteten). Gegen dieses Urteil haben sowohl der Angeklagte, der erst gut einen Monat vorher nach Deutschland gekommen war, aber auch die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt. Deswegen kam es vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts Amberg unter Vorsitz von Landgerichts-Vizepräsidentin Roswitha Stöber zu einer nochmaligen Verhandlung.

Der 25-Jährige war im Mai 2015 zusammen mit einem Freund auf einer Parkbank im östlichen Landkreis gesessen. Als zwei minderjährige Mädchen vorbei kamen, baten die jungen Männer sie, sich zu ihnen zu setzen. Weil die beiden Freunde nur über geringe Deutsch-Kenntnisse verfügten, verständigten sie sich über einen "Handy-Übersetzer" mit den Mädchen, wobei eine der Schülerinnen sogar ihre Telefonnummer ins Handy des nun Angeklagten tippte. Das hatte der junge Mann wohl als Sympathiekundgebung verstanden: Er umarmte sie und gab ihr - obwohl sich das Mädchen wehrte - einen etwa fünf Sekunden dauernden Zungenkuss. Damit war laut Erstrichter der Tatbestand der sexuellen Nötigung erfüllt.

An Tat nicht zu rütteln


Gleich am Beginn der Verhandlung am Landgericht Amberg machte die Vorsitzende deutlich, dass vor diesem Prozess kein Rechtsgespräch stattgefunden habe. Es gehe nicht mehr um die Klärung dieser einwandfrei erwiesenen Straftat, sondern - da der Angeklagte die Tat mittlerweile auch eingestanden habe - nur noch um die Höhe des Strafmaßes. Schließlich zog der Verurteilte seine Berufung zurück, nicht aber die Anklagevertreterin.

Nach der Schilderung seiner jetzigen Familienverhältnisse sahen sowohl Vizepräsidentin Stöber als auch Staatsanwältin Michaela Frauendorfer die Zukunftsprognose für den Angeklagten recht positiv, da der in Neunburg vorm Wald wohnende Mann seit Mai als Friseur in Regensburg arbeitet und während der Woche dort bei seinem älteren Bruder wohnt. Außerdem habe er seit ein paar Monaten eine Freundin, deren Eltern arabischer Herkunft sind, die aber in Deutschland geboren sei. Mit ihr könne er sich sowohl in deutscher als auch in arabischer Sprache verständigen. Wie er vor Gericht aussagte, beabsichtigt er, dieses Mädchen zu heiraten.

Für die Straftat hielt Staatsanwältin Frauendorfer in ihrem Plädoyer eher ein Strafmaß von einem Jahr und sechs Monaten und eine Bewährungsauflage von 1000 Euro als tat- und schuldangemessen, ging jedoch nach längerer Abwägung auch von einem "minderschweren Fall" der sexuellen Nötigung aus. Erschwerend komme aber hinzu, das der Angeklagte bei dem Vorfall erst einen Monat in Deutschland gewesen sei und sich habe zu dieser Tat hinreißen lassen.

Wie in der Erstinstanz


Das Urteil des Landgerichts lautete nun auch auf neun Monate Freiheitsstrafe, ausgesetzt auf eine Bewährungszeit von drei Jahren. Weil der Angeklagte im Monat über eine Nettoeinkommen von etwa 1000 Euro verfüge, muss er eine Bewährungsauflage in Höhe von 1000 Euro zu entrichten, die er in Raten von zehnmal 100 Euro an die Schwandorfer Organisation "Frauen helfen Frauen" zu zahlen hat.

Eindringlich belehrte die vorsitzende Richterin den Angeklagten, dass er bei einer erneuten Straftat innerhalb der Bewährungszeit oder bei einem Verstoß gegen die Bewährungsauflagen damit zu rechnen hat, die Freiheitsstrafe absitzen zu müssen.
Weitere Beiträge zu den Themen: Landgericht Amberg (83)sexuelle Nötigung (5)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.