Diskussion bei der Agentur für Arbeit über die digitale Revolution
Die Zukunft ist schon Realität

Agentur-Chef Joachim Ossmann (am Quertisch, rechts) leitete die Diskussion zum Thema " Arbeitswelt 4.0" an der Agentur für Arbeit, Schwandorf. Rund 20 Gäste aus Kammern, Unternehmen und dem Schulbereich hörten dazu einen Vortrag von Dr. Ronald Deinzer (am Quertisch, links) von der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. Bilder: Götz (2)
Wirtschaft
Schwandorf
08.06.2015
78
0

Werkstücke kommunizieren mit Maschinen, Maschinen sagen Menschen, was sie mit dem Werkstück zu tun haben: Keine Zukunftsvision, sondern "Industrie 4.0". Die digitale Revolution krempelt die Arbeitswelt um. Wie sehr, das deutete am Montag eine Diskussion bei der Agentur für Arbeit an.

Dienstleistungsaufträge, die weltweit über das Internet vergeben und viertelstündlich kündbar sind. Smartphone-Apps, die messen, wie hoch der Stress-Level in einer Abteilung ist. Ist er zu hoch, hat der Abteilungsleiter schlechte Karten. Sind die Mitarbeiter zu entspannt, übrigens auch: Dann hat er sie zu wenig gefordert. Nächstes Beispiel: Arbeitnehmer, die (privat) an einer Spielekonsole lernen, wie sie eine Maschine zu bedienen oder eine Autotüre einbauen müssen. "Nicht, dass mir das alles gefällt. Aber das gibt es alles schon," sagte Dr. Roland Deinzer, der Leiter der Unternehmensentwicklung bei der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg.

Auch positive Zeichen

Der Volkswirt referierte vor rund 20 Vertretern Gästen aus Unternehmen, Kammern, (Hoch-) Schulen und der Agentur über die Chancen und Gefahren, die die "Arbeitswelt 4.0" mit sich bringt. Der Leiter der Schwandorfer Agentur, Joachim Ossmann, hatte das Arbeitsmarktgespräch angestoßen. Das Thema betrifft die mittlere Oberpfalz besonders: Mit rund 50 Prozent ist der Anteil des produzierenden Gewerbes in der Region deutlich höher als im Bundesdurchschnitt, wo er etwa bei einem Drittel liegt.

Die Digitalisierung wird Arbeitsplätze kosten - aber auch neue schaffen. Nur: Wie viele? Siemens-Personalleiter Peter Rihm konnte da zumindest etwas Hoffnung verbreiten: Das Elektronik -Werk, Vorzeigeobjekt für die "Industrie 4.0", zähle seit rund 25 Jahren immer etwa 1200 Mitarbeiter. Gleichzeitig habe sich der Umsatz des Werks aber verachtfacht. Für die enorme Produktivitätssteigerung macht er auch ungemein kreative Mitarbeiter verantwortlich: Tausende Verbesserungsvorschläge bringen Vorteile für das Unternehmen. Permanente Fortbildung und höhere Verantwortung für den einzelnen Mitarbeiter sind für Rihm Pflichtaufgaben: "Wir müssen die Menschen mitnehmen".

Kein Allheilmittel

Der Volkswirt Dr. Deinzer glaubt eines nicht: Dass die digitale Revolution den demografisch bedingten Fachkräftemangel löst. "Rechnerisch mag das aufgehen. Aber bekommen wir die Fachkräfte, die wir brauchen?" Die Bildungslandschaft und auch Berufsbilder müssen neu zugeschnitten werden, um (nicht nur) junge Menschen auf die neue Arbeitswelt vorzubereiten. Prof. Dr.-Ing. Josef Weber (Technologie-Campus Cham) setzt darauf, dass die Mitarbeiter den Prozess kennen müssen, in dem sie arbeiten und die Probleme lösen, die die Technik nicht lösen kann. Generalisten also, die möglichst vieles können. Unternehmen wie die ZBG Bruck setzen dagegen in der Ausbildung für die Produktion wieder eher auf Spezialisten, also den Spezial-Elektroniker statt des Mechatronikers, erläuterte Unternehmensvertreter Markus Forster.

Große Herausforderungen wird die sich rasend entwickelnde Arbeitswelt auch an den Gesetzgeber und Tarifpartner stellen. Wenn Arbeits- und Freizeit immer mehr verschwimmen, wie werden dann Löhne bemessen? Was ist mit den Arbeitsschutzgesetzen? Ist der Dienstleister, der den viertelstündlich kündbaren Internetaufträge angenommen hat, noch in den Sozialversicherungen verankert? Fragen, die auch Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles in einem "Grünbuch Arbeiten 4.0" stellt. Darin geht es um nichts weniger als ein neues Leitbild für die Arbeitswelt von Morgen. Dieses Morgen ist aber teils schon Realität, wie Dr. Deinzers Vortrag zeigte.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.