Landwirtschaft in Zeiten des Klimawandels
Manche mögen's heiß: Kühe nicht

Kühe erzeugen Methangas, sorgen aber dafür, dass Co2-bindende Grünlandflächen erhalten bleiben. Landwirt Johannes Hösl (Zweiter von rechts) erläutert Reinhold Witt, Chef des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Schwandorf, sowie seinen Kollegen Regina Härtl, Bernhard Meier und Annika Schilling (von links) seinen geschlossenen Produktionskreislauf aus Außenklimastall, Biogasanlage, Düngung und Nutzung der Abwärme. Bilder: Völkl (3)
Wirtschaft
Schwandorf
20.08.2016
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Bernhard Prem (rechts) setzt auf Zwischenfruchtanbau. Mehr Humusgehalt im Boden bedeutet besseres Pflanzenwachstum. Und der Atmosphäre wird auf Dauer Co2 entzogen.

Der Stall hat keine Fenster mehr, dafür Ventilator und Kuhdusche. Rinder mögen keine Hitze. Mit neuen Bauweisen reagieren die Milchviehhalter, mit Waldumbau die Forstwirte, mit veränderten Saat-Terminen die Pflanzenbauer auf die unumstößliche Tatsache: Das Wetter ändert sich.

Reinhold Witt, Chef des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Schwandorf, seine Kollegen Bernhard Meier (Beratung Pflanzenbau), Annika Schilling (Tierhaltung) und Regina Härtl (Forst) legen in der Nabburger Dienststelle die Auswertung der Wetterstation in Söllitz (Gemeinde Trausnitz) auf den Tisch. Demnach stieg die jährliche Durchschnittstemperatur von 2001 bis 2015 um 1,6 Grad. Die Veränderungen in der Natur sind sichtbar: Die Hasel blüht früher. Optimale Saattermine verschieben sich bei Winterraps von 20. auf 25. August, bei Wintergerste vom 20. auf 25. September. Die Vegetationstage verlängern sich. Mais wird schon Anfang April gesät. "Früher hieß es "Nie vor dem 25. April", so Reinhold Witt.

Das veränderte Wetter hat zwei Seiten: ertragreichere Maissorten können angebaut werden, ebenso Wärme liebende Pflanzen wie Sojabohnen: Vor zehn Jahren waren sie kein Thema. "Heuer wurden im Landkreis 55 Hektar angebaut", so der Amtsleiter. Die Kehrseite: Seit drei Jahren tritt Gelbrost intensiv im Winterweizen auf. "Er bevorzugt milde Winter". Und die Vorsommertrockenheit schadet den Sommergetreidearten. Zu schaffen macht auch das gehäufte Auftreten von lokalen Starkregenereignissen wie heuer in Oberviechtach, Altendorf oder Neunburg. Wertvoller Boden geht verloren.

Wie reagiert wird


Der Wald ist Regina Härtls Revier. Sie denkt im 100-Jahre-Rhythmus und sprich bei 1,5 Grad Erwärmung von einem Klimawandel mit erheblichen Veränderungen. Die Hitze im Vorjahr brachte den Borkenkäfer auf den Vormarsch. Inzwischen gedeiht der Kiefernprachtkäfer prächtig.

Reagiert wird an allen Fronten. Für Regina Härtl geht "am Waldumbau für die nächsten Generationen" mit Laubbäumen, aber auch robusten Nadelbäumen wie der Douglasie kein Weg vorbei. Wald ist wertvoll: "Ein Co2-Senker".

Der Pflanzenbau ist Bernhard Meiers Metier. Im Forschungsbereich laufen Versuchsreihen, werden dürre-resistente, wenig krankheitsanfällige Sorten getestet. In Kombination mit Wetterstationen gibt es Prognosemodelle - mit und ohne Pflanzenschutzmittel. So wird der Krankheitsdruck bei bestimmten Witterungsverhältnissen analysiert. Die Landwirte erhalten dann ein Beratungsfax oder holen sich die Info übers Smartphone. Heuer hatte man mit Mehltau in Winterweizen, Blattflecken bei Gerste, Kraut- und Knollenfäule bei Kartoffeln zu tun.

Für Reinhold Witt heißt es im Pflanzenbau "zurück zu den Wurzeln. Man muss Humus in den Boden bringen". Er ist Nährstoff- und Wasserspeicher, gibt dem Boden halt. Bernhard Prem zeigt, wie es geht: Mit Zwischenfruchtanbau. Bernhard Meier sticht mit dem Spaten in die Erde und freut sich: Über Durchwurzelung und viele Regenwürmer.

Hitze im Stall vermeiden


Umdenken heißt es auch in der Tierhaltung. Wenn es Kühen zu heiß ist, geben sie etwa zehn Prozent weniger Milch: Ein Wirtschaftsfaktor. Johannes Hösl bewirtschaftet gemeinsam mit seinem Vater das Anwesen in Hof bei Oberviechtach und hält 75 Kühe. Im alten Stall wurden die Fenster rausgenommen, eine Querbelüftung eingebaut. Der neue Außenklimastall ist offen, hat Rollos gegen die Hitze, Ventilatoren gegen Fliegen.

Kombi mit Biogas


Das Amt für Landwirtschaft hat seit 2013 insgesamt 43 Investitionsfördermaßnahmen bewilligt. Kleine Milchviehbetriebe, die hier nicht mehr mithalten können oder die Landwirtschaft im Nebenerwerb betreiben, werden wohl über kurz oder lang aufhören. "Milchviehhaltung ist ein Geschäft für absolute Profis geworden", so Reinhold Witt. Johannes Hösl ist einer davon. Mist, Gülle und Silage wandern in die Biogasanlage. Der Gär-Rest ersetzt einen Großteil des Mineraldüngers. Die Abwärme geht in eine Heutrocknungsanlage und versorgt außerdem den Großteil der Häuser im Dorf. Hösl nennt einen schönen Nebeneffekt: "Einmal im Jahr gibt es ein Wärmefest".

Der Landwirt muss sich anpassen.Leitender Landwirtschaftsdirektor Reinhold Witt


Wandel in ZahlenAn den Wetterstationen der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft in Söllitz, Irrenlohe und Kitzenried werden Wind, Temperatur in 2 Meter und 20 Zentimeter Höhe, Bodentemperatur, Sonnenscheindauer und -strahlung, Luftfeuchte und Niederschläge erfasst. Hier ein interessanter Vergleich des Jahreswetters von 2001 und 2015.

Jahreswetter 2015:

Lufttemperatur (Mittelwert in zwei Meter Höhe): 9,1 Grad

Sommertage : 42

Heiße Tage: 18

Vegetationstage: 239

Frosttage: 88

Eistage: 24.

Niederschläge: 503,8 mm

Regentage: 145

Sonnenschein: 1722 Stunden.

Jahreswetter 2001

Lufttemperatur: 7,5 Grad

Sommertage: 21

Heiße Tage: 1

Vegetationstage: 223

Frosttage: 113

Eistage: 49

Niederschläge : 811,3 mm

Regentage: 202

Sonnenschein: 1083 Stunden.
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