Warten auf die Mutter

Helga Meier am Familiengrab auf dem Friedhof in Schwarzenfeld. Hier soll die Urne mit der Asche ihrer Mutter beigesetzt werden. Aber seit drei Wochen ist das Paket mit dem Gefäß verschollen. Bild: Götz
Archiv
Schwarzenfeld
30.06.2015
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Helga Meier ist mit den Nerven am Ende. Schlimm genug, dass ihre Mutter gestorben ist. Aber dass sie sie nicht einmal beerdigen kann, macht die Sache noch schlimmer. Und Schuld an allem ist nur der Poststreik.

Helga Meiers Mutter Karin Kerscher starb am 6. Juni in Schwandorf an den Folgen eines Schlaganfalls - sie wurde 71 Jahre alt. Das Bestattungsunternehmen Zwack aus Wernberg-Köblitz brachte sie zur Aussegnung nach Schwarzenfeld (Kreis Schwandorf), dann zur Einäscherung ins Krematorium nach Regensburg. Von dort kam die Urne am 11. Juni in den Postversand. Seitdem wartet die 47-jährige Schwarzenfelderin darauf, ihre Mutter beisetzen zu können. Wegen des seit Wochen andauernden Streiks hat die Urne das Paketzentrum Regensburg offenbar bis heute nicht verlassen.

Tabletten für die Nerven

"Nach zehn Tagen wurde ich langsam nervös", sagt Helga Meier im Gespräch mit unserer Zeitung. "Neun bis zehn Tage Versandzeit waren vom Bestatter ja angekündigt, wenn man den Postversand wählt." Einen Termin für die Beisetzung im Familiengrab auf dem Schwarzenfelder Friedhof wollte sie erst vereinbaren, wenn das Gefäß mit der Asche ihrer Mutter eintrifft. Und jetzt treibt sie das Warten zur Verzweiflung: "Ich sitze da und kann gar nichts machen", sagt sie, "seit Wochen nehme ich Tabletten für meine Nerven."

Auf ihre Nachfrage hin hat das Bestattungsunternehmen sich beim Krematorium und bei der Post erkundigt. Vergebens. "Ich darf mir das gar nicht vorstellen, dass meine Mutter irgendwo da liegt, zwischen all den anderen Paketen", sagt die besorgte Tochter. Auch einen Anwalt hat sie um Hilfe gebeten, aber auch der hat bisher keinen Weg gefunden, das Urnen-Paket aus dem Strudel des Streiks zu retten.

"Das ist das erste Mal, dass uns so etwas passiert", sagt Bestattungsmeister Harald Zwack, "aber ich denke nicht, dass das ein Einzelfall ist." Der Versand einer Urne per Post sei nichts Ungewöhnliches, etwa die Hälfte der Kunden wählten diesen Weg - "die andere Hälfte lässt die Urne vom Bestatter abholen, vor allem, wenn ein bestimmter Termin eingehalten werden soll."

Während des Streiks scheidet der Postversand ohnehin aus, meint Armin Walling, Leiter der Abteilung Bestattungswesen der Stadt Regensburg und zuständig für das Krematorium. "Die meisten Bestatter holen die Urnen derzeit selbst ab, auch wenn DHL garantiert, dass Pakete trotz des Streiks innerhalb von drei Tagen ihr Ziel erreichen, auf jeden Fall bei Expressversand." Für Helga Meier ist das freilich kein Trost.

Streik "voll am Toben"

Erwin Nier, Pressesprecher der Deutsche Post DHL Group für den Bereich Oberpfalz, weist darauf hin, dass der Poststreik am 11. Juni, dem Tag des Versands, bereits "voll am Toben" war. "Wer dann noch ein Paket losschickt, tut das schon sehr in dem guten Glauben, dass die Post das schon irgendwie noch richtet." Er betont, dass grundsätzlich der Absender für die Versendung von A nach B verantwortlich sei. Die Post übernehme laut ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen bei "unverhältnismäßigen Schwierigkeiten", also etwa im Streikfall, keine Haftung.

Aber Nier sieht eine kleine Chance: "Wenn wir das Paket innerhalb des Paketzentrums Regensburg ausfindig machen, könnten wir es der Empfängerin übergeben." Auf dem kurzen Dienstweg. Was er für die Suche braucht, ist die DHL-Paketnummer der Sendung. Die zwölfstellige Ziffer liefert Bestatter Zwack. Vielleicht findet Helga Meiers Mutter nun endlich ihren Frieden.
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