Fast vergessener Nationalheld

Surab Awalischwilis Grab auf dem Tiflisser Ehrenfriedhof Didube. Bild: Schatz
Lokales
Schwarzenfeld
29.05.2015
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Auf dem Tiflisser Ehrenfriedhof Didube (Georgien) findet sich ganz unscheinbar ein Grab eines georgischen Intellektuellen, dessen von harten Brüchen geprägter Lebensweg nach dem Zweiten Weltkrieg in der Oberpfalz endete - in Schwarzenfeld.

Im russischen Zarenreich im Jahr 1874 als Spross einer adeligen georgischen Familie in Tiflis geboren, machte Surab Awalischwili als begabter Jurist nach dem Studium in St. Petersburg schnell Karriere und wurde 1909 Juraprofessor und schließlich 1917 Senator des russischen Senates. 1918 sollte sich Awalischwilis Lebensweg jedoch gänzlich ändern, da er dem Ruf der sich konstituierenden Regierung des gerade unabhängig werdenden Georgiens folgte. Als anerkannter Verfassungsrechtler sollte er seine Kenntnisse in die Tat umsetzen, denn juristische Probleme gab es für das junge Georgien mehr als genug. Als Autor der Unabhängigkeitserklärung, als georgischer Vertreter an den Pariser Vorortverträgen und schließlich als außenpolitischer Berater vertrat er einen europaorientierten und deutschfreundlichen Kurs und wurde einer der wichtigsten Charaktere der politischen Elite der ersten georgischen Republik.

Als Vertreter dieser Linie geriet er in Lebensgefahr, als die Rote Armee 1921 Georgien besetzte und die bisherige Regierung zu verfolgen begann. Doch ihm sollte noch über das Schwarze Meer die Flucht gelingen. Anschließend lebte er von 1921 bis 1943 relativ zurückgezogen in Paris, wo er als Übersetzer und Historiker georgischer Literatur und Geschichte seinen Broterwerb suchte.

Eine zunehmend belastende Herzerkrankung sowie Armut verschlugen Awalischwili im Jahr 1943 schließlich in die Oberpfalz - denn dort hatten sich in Schwarzenfeld die Kaukasus-Experten des nationalsozialistischen Deutschlands konzentriert. In der 1943 aus Berlin auf dem Miesberg ausgelagerten "Forschungsstelle Kontinentaleuropäische Forschung des Einsatzstabs Rosenberg" unter der Leitung des Physikers Alexander Nikuradse sollte die deutsche Herrschaft über den Kaukasus nach dem sogenannten "Endsieg" zumindest theoretisch vorbereitet werden. Bereits von Krankheit gekennzeichnet, wurde Awalischwili in Alexander Nikuradses Wohnung aufgenommen. Kränklich und schwach verstarb Awalischwili am 21. Mai 1944 und wurde in Schwarzenfeld begraben.

In Schwarzenfeld bestattet

Über 40 Jahre später, als Georgien 1991 erneut unabhängig wurde, rückten auch die Vertreter der ersten georgischen Republik wieder zurück in das Bewusstsein der georgischen Öffentlichkeit. 1991 machte der Historiker David Paitschadse das Grab von Awalischwili mehr oder weniger zufällig in Schwarzenfeld ausfindig und warb in der Heimat um seine Rückführung nach Georgien. 1993 genehmigte der damalige Präsident Eduard Schewardnadse schließlich inmitten des georgischen Bürgerkrieges seine Umbettung nach Tiflis. Mit höchsten Ehren wurden dessen sterblichen Überreste am Tiflisser Flughafen in Empfang genommen und auf dem Ehrenfriedhof Didube beigesetzt. Dort befindet sich recht verwahrlost sein Grab bis heute - doch ganz vergessen ist er nicht. So widmete ihm ein georgischer Fernsehsender zu seinem 70. Todestag im letzten Jahr eine ausführliche Dokumentation.

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Anmerkung: Der Artikel basiert auf einem Text des gebürtigen Stullners Stefan Johann Schatz (28); er ist am Goethe-Institut Tiflis Experte für Unterricht in Georgien und Aserbaidschan.
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