Stimme aus dem Weltkrieg

Offizierstellvertreter Georg Kiener fungierte im 1. Weltkrieg an der Ostfront als Zugführer, ihm waren zahlreiche Soldaten unterstellt. Bilder: privat
Vermischtes
Schwarzenfeld
09.07.2016
96
0
 
Georg Kiener hatte in Schwarzenfeld am Hammer Nr. 8 (heute Hammer 17) einen "Kolonialwarenladen" und ein landwirtschaftliches Lagerhaus.

100 Jahre ist es her, dass ein Mann aus Schwarzenfeld mit seinem Kriegs-Tagebuch den Schrecken und die Banalität der "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" festgehalten hat, so wie er sie erlebte. Sein Enkel macht den Text nun zugänglich.

Dieser Enkel heißt Eckhard Bauer, ist 65 Jahre alt und wohnt in Ortenburg unweit von Passau. Die ersten 30 Jahre seines Lebens hat Bauer in Schwarzenfeld gelebt und gearbeitet, ist als Sohn vom "Kohlenbauer" heute noch dort bekannt. Auch sein Großvater Georg Kiener war ein Schwarzenfelder (siehe Infokasten). Verwandtschaftliche Beziehungen gibt es zum früheren Bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Edmund Stoiber.

Das Tagebuch ist rötlich eingebunden und hat Georg Kiener an die Ostfront in Galizien begleitet. Galizien ist eine Landschaft in der Westukraine (Ostgalizien) und in Südpolen (Westgalizien) und gehörte damals zu Österreich-Ungarn. Das Kaiserreich war im 1. Weltkrieg mit Deutschland verbündet. Hauptgegner an dieser Front, der sogenannten Ostfront, war Russland.

Der Offizier und Zugführer Georg Kiener, Jahrgang 1877, wurde in Weiden rekrutiert und war bei Kriegsbeginn 37 Jahre alt. Kiener überlebte den 1. Weltkrieg - und den Zweiten - und starb mit 76 Jahren.

"Bisher habe ich etwa ein Drittel des Kriegs-Tagebuchs abgearbeitet und bin bis zum 25. Oktober 1916 gekommen. Das Tagebuch geht aber bis zum September 1917", informierte Kieners Enkel Eckhard Bauer. Wie anschaulich Kiener formulieren konnte, zeigen folgende Ausschnitte, die Eckhard Bauer bereits ins Reine geschrieben hat:

"Als wir in Podhayce ausstiegen, ging das richtige Kriegsleben los", heißt es im Tagebuch. Podhayce ist heute eine Stadt in der westlichen Ukraine. "Auf einer großen Wiese wurde alles zusammen gestellt, wo auch die Gewehre zusammengesetzt und Rüstung abgenommen wurde." Nebenan hatten die Österreicher Zelte aufgeschlagen "und weideten ihre Pferde, auf der vorbeiführenden Straße verkehrten die ganze Zeit Fuhrparkkolonnen... Es wurde dann im Laufe des Nachmittags abmarschiert, es herrschte eine ungewöhnliche Hitze und es dauerte keine Stunde, so lagen schon mehrere Leute im Straßengraben...

Ich habe den Marsch ohne große Ermüdung mitgemacht, nachts 9 Uhr kamen wir in Taskarze an. Es war ein kleines recht schmutziges Dorf. Wir quartierten die Leute so gut es ging, in Ställen und offenen Scheunen ein, zuletzt fiel ich noch ganz in den Dreck hinein, klaubte mich aber wieder zusammen und legte mich zu meinen Leuten in einen halboffenen Stall, es gab weder etwas zu essen noch zu trinken und wir schliefen vor Übermüdung bald ein. Morgens... wurden wir nach einem einstündigen Marsch dem General Bothmer vorgestellt. Bothmer musterte die Leute genau und ich denke er war von den alten Kerlen nicht besonders erbaut. Nach Beendigung der Besichtigung ließ er die Offiziere kommen und... sagte uns zugleich, dass wir noch in die vorderen Reihen kommen werden. Nach einem Tag Rast haben wir in der 3. Linie Stellungen und Drahtverhaue gemacht, wo wir öfters durch die feindliche Artillerie beschossen wurden, ohne uns jedoch Verluste beizubringen."

Georg KienerGeorg Kiener, geboren 1877 in Schwarzenfeld, war Kaufmann Am Hammer. Neben einem Kolonialwarenladen betrieb er ein Landwirtschaftliches Lagerhaus und eine Landwirtschaft mit zwei Pferden. Mit seiner Ehefrau Anna hatte er sieben Kinder. Er war für seine Zeit ein sehr fortschrittlicher Mann, besuchte überregionale Messen und brachte von dort allerlei Neuerungen mit, etwa moderne Nähmaschinen für seine Töchter. Er besaß eines der ersten Telefone in Schwarzenfeld, mit der Telefonnummer 3. Sein Feldtagebuch hat er 1916 schon in heute üblicher Schrift geschrieben, obwohl zu der Zeit die Sütterlin-Schrift normal war. Seine Schwester war die Großmutter von Dr. Edmund Stoiber. Er ist in Schwarzenfeld 1953 gestorben.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.