"Souffleuse" mit Biss

Simone Solga, vor wenigen Wochen mit dem Deutschen Kabarett-Preis ausgezeichnet, sezierte in Speichersdorf den politischen Betrieb. Bild: stg
Kultur
Speichersdorf
02.02.2015
17
0

Es ist schon einige Zeit her, als es in der bayerischen Politik einmal ein "blondes Fallbeil" gab. Zwar wird Edmund Stoiber am Freitag in Speichersdorf nicht erwähnt, mit Simone Solga gastiert allerdings eine Kabarettistin, die diesen Spitznamen verdient hat,

Messerscharf, pointiert, bissig: Schonungslos reitet Solga knapp zweieinhalb Stunden in ihrem Programm "Im Auftrag Ihrer Kanzlerin" durch die deutsche, europäische und Weltpolitik, spricht Klartext und berichtet von ihrer Tätigkeit als "Souffleuse" der Kanzlerin. Vernichtend fällt ihr Gesamturteil über die Bundesregierung aus ("Das sind keine Leuchten, sondern trübe Energiesparlampen der 1. Generation), wo die Posten offensichtlich "gewichtelt" werden. Man könne ja mittlerweile wählen, was man wolle, aber Schäuble sei immer mit dabei. Bei einer Verteidigungsministerin wie Ursula von der Leyen vergehe einem ja die Lust, Deutschland anzugreifen, und bei Alexander Dobrindt müsse man festhalten, dass dessen Brille lüge: "Er ist kein Intellektueller!"

Sehnsucht nach Trittin

Keinen Deut besser kommt die Opposition weg: Die Grünen - die "Ex-Revoluzzer" - seien schon so tief gesunken, dass man sich einen Jürgen Trittin zurücksehne. Und Cem Özdemir, erklärt Solga, werde wohl auch mit 85 Jahren noch als politisches Nachwuchstalent gelten. Wenig überzeugend sei für Solga auch die Performance von Gysi, Wagenknecht und der übrigen Linken: "Das ist wie mit der Erde: Wer sich immer weiter nach links bewegt, der kommt irgendwann rechts wieder raus!" Deswegen erläutert Solga Politik und ihre Gesten: Zumindest in Speichersdorf weiß man jetzt, wie die legendäre "Merkel-Raute" zustande gekommen ist, was Putins Anatomie damit zu tun hat und warum die Erklärung in einer Zeitung nicht druckfähig ist.

Seit wenigen Wochen ist Solga die Trägerin des Deutschen Kabarett-Preises, der von der Stadt Nürnberg verliehen wird. Vorgänger waren beispielsweise Matthias Beltz, Jörg Hube, Richard Rogler oder Georg Schramm. Fußstapfen, die groß sind, aber nicht zu groß: Denn Solga spielt in der "Männerdomäne" Kabarett-Bundesliga ganz vorne mit. Eben keine gefällige Mainstream-Comedy, sondern tiefsinnig und gelegentlich auch mal radikal.

Teil der Kultur

Sie redet über Geburtsraten, Bildung, das Lehrerdasein, Talkshows und das Fernsehprogramm ganz allgemein ("Wenn die Bundeskanzlerin durchschaltet, weiß sie: Solange so etwa Erfolg hat, kann mir nichts passieren!"), sie stellt fest, dass trotz Edward Snowden die Überwachung als Teil der Kultur akzeptiert wird und verkneift sich auch kritische Worte zum Islamismus mit dem Appell an die Zuschauerinnen nicht: "Sterben Sie nicht als Jungfrau, da oben warten Terroristen auf Sie!"

Keine Gnade finden bei der Ostdeutschen die Radikalen von Pegida, die jetzt in den Flüchtlingen nur Abkassierer sehen, aber wahrscheinlich vor 25 Jahren selbst mehrmals das "Begrüßungsgeld" im Westen abgeholt haben. Sehr gelungen und tiefsinnig gerät auch der mephistophelische Dialog zwischen Teufel und Kanzlerin, in der Satan um die Seele Merkels bettelt - aber scheitert.

Zum Schluss des Programms kommt Solga endlich zum Grund, warum sie die Kanzlerin überhaupt nach Speichersdorf geschickt habe: Die Gemeinde sei nämlich ganz außergewöhnlich und deswegen auch ausgewählt worden - als atomares Endlager. "Das ist doch ein Grund zum Strahlen", meint Solga.
Weitere Beiträge zu den Themen: Cem Özdemir (171)Februar 2015 (7876)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.