Ein Dorf wie die Uno

Die 79-jährige Shenja Dewald (von links) lebt seit Jahren in Speichersdorf. Mit Sozialpädagogin Dolores Longares-Bäumler versuchte sie, Hartmut Koschyk zu erklären, weshalb das Zusammenleben in der Gemeinde so gut funktioniert. Bild: Fuchs
Lokales
Speichersdorf
13.12.2014
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Auf der Suche nach Anregungen kam Hartmut Koschyk nach Speichersdorf. Der Integrationsbeauftragte der Bundesregierung wollte wissen, weshalb hier verschiedene Kulturen so gut harmonieren.

In Sachen Integrationsleistung gilt die Gemeinde als vorbildlich. Für den Bundesbeauftragten für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten Hartmut Koschyk ein Grund, sich vor Ort über das Geheimnis gelungener Integration zu informieren. Die Sozialraumteam-Vertreter Christian Porsch und Dolores Longares-Bäumler gewährten gerne Einblick. Ukrainer, Kasachen, Weißrussen, Italiener, Amerikaner oder Deutsche: Alle sind Speichersdorfer. Etwa jeder fünfte der knapp 6000 Gemeindebürger hat Migrationshintergrund. "Mittlerweile haben wir 26 Nationen. Es ist uns gelungen, eine Willkommenskultur zu schaffen", sagte Porsch.

1992 hatte die Gemeinde mit dem Bau von sechs Aussiedlerhäusern in der Neustädter Straße begonnen. Im Jahr zuvor war ein Schwung Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion angekommen. "Die Freude war nicht gerade riesengroß", erinnerte sich Sozialpädagogin Dolores Longares-Bäumler. Nach einem schrecklichen Mordfall unter Russlanddeutschen im Jahr 2003 drohte die Stimmung zu kippen. Heute gebe es kaum mehr Probleme

Alle Beteiligten haben sehr gute Arbeit geleistet, betonte zweite Bürgermeisterin Simone Walter. Es gibt regelmäßige Feste der Kulturen, eine interkulturelle Kochgruppe und noch viel mehr Gelegenheiten, bei denen sich die Kulturen begegnen und kennenlernen können. Mit Unterstützung des Bundes sei vor zehn Jahren der Jugend- und Integrationstreff entstanden. Drei Betreuer kümmern sich dort um die Jugend. Eine davon ist Larissa Maier, die vor Jahren selbst als Aussiedlerin nach Speichersdorf kam. "Wir haben an drei Tagen in der Woche geöffnet", sagt sie. Billard, Kicker, Musik hören, Basteln, Hausaufgabenbetreuung, Feiern oder einfach nur rumhängen, das alles sei im ehemaligen Kindergarten an der Hauptstraße möglich. Inzwischen nutzen auch viele deutschstämmige Jugendliche das Angebot.

Für die Zukunft sei ein "Geschichtsbuch" geplant, das die Biografien einiger Speichersdorfer festhält. Dazu zählt auch Shenja Dewald. Die 79-Jährige schildet dabei ihren Umzug von Omsk nach Oberfranken. Für sie sei es ein großes Geschenk, mit ihrer Familie - dazu gehören 24 Enkel und 18 Urenkel - hier sein zu dürfen. Ähnliches berichtete Alexandra Maier aus Kirgisien, die seit 1992 in Speichersdorf lebt. "Wir sind hier angekommen", sind sich beide Frauen einig. "Speichersdorf steht für gelungene Integration", fasste Koschyk zusammen. Das liege am festen Willen der Entscheidungsträger im Ort und dem bürgerschaftlichen Engagement. Beispielhaft seien aber auch die Arbeit der Caritas und der Kirchen.
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