Frankens bester Ost-Import

Anita Koch vor der Fahne ihres Heimatlands. Für den speziellen chinesischen Mix aus Kapitalismus und Kommunismus kann sie sich bis heute nicht recht begeistern.
Lokales
Speichersdorf
05.05.2015
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Wer glaubt, dass Flüchtlinge Deutschland belasten, der sollte die Geschichte von Anita Kopp lesen - und lernen, wie schnell die Belastung zur Bereicherung wird.

Jian-Ping Zhang? Nie gehört. Dabei ist die Frau nicht nur in Speichersdorf beinahe schon ein Promi, aber unter ihrem deutschen Namen. Anita Kopp ist Hauswirtschafterin der Katholischen Pfarrgemeinde und von Pfarrer Sven Grillmeier. Sie ist im Frauenbund aktiv, gibt Kochkurse, ist Dolmetscherin, Sprachlehrerin, Referentin, Reiseberaterin, Tai-Ji-Lehrerin - und hat dabei immer ein Lächeln auf den Lippen. Doch das war nicht immer so. Die heute 50-Jährige hat in ihrem Leben auch viele tränenreiche Momente erlebt.

Am 2. April 1965 kam Jian-Ping Zhang in Taiyuan, 600 Kilometer westlich von Peking, zur Welt. Ihre Eltern hatten nur drei Mädchen. Und "nur" ist in diesem Fall tatsächlich abwertend gemeint. "Auf solche Familien wird verächtlich herabgeschaut." Eine Familie ohne Stammhalter gelte einfach nichts, berichtet sie. Mit elf Jahre verlor sie ihre Mutter. Sie starb im Alter von 37 Jahren an Tuberkulose. Mit ihren Schwestern wuchs das Mädchen bei den Großeltern auf, denn auch der Vater war krank und konnte die Familie nicht mehr versorgen. Das Geld reichte nicht zum Leben, geschweige denn für Arzneimittel.

1984 wandte sich die verzweifelte 19-jährige Jian-Ping Zhang an Dr. Simon Shih. Ihr Onkel war Jahre zuvor aus China geflohen. Nach der Priesterweihe hatte ihn der Staatsapparat mit Repressalien gedroht. Inzwischen war er Priester in der Pfarrei Thurndorf. Die Verzweiflung des Mädchens war so groß, dass sie einen Brief an den ihr völlig unbekannten Verwandten schrieb. Der zeigte tatsächlich Bereitschaft, sie als Haushälterin anzustellen, unter drei Bedingungen: "Ich durfte nicht verheiratet oder verlobt sein und auch keinen Freund haben." Von allem war sie weit entfernt, kurz zuvor hatte sie sich der Zwangsverheiratung widersetzt, was ihren sozialen Status noch weiter nach unten gedrückt habe.

Zwei Jahre Papierkram

Noch einmal zwei Jahren musste das Mädchen warten, bis der Papierkram erledigt war. Am 10. September 1986, mit 21 Jahren, betrat sie deutschen Boden: "Ich wusste nicht, was mich erwartet." Von Deutschland hatte sie nur in der Schule gehört - wenig Gutes. Schließlich folgte der Unterricht streng der kommunistischen Ideologie. Ihrem Onkel verdankt sie auch ihren deutschen Vornamen. Getauft ist Jian-Ping auf den Namen Anna. Ihr Onkel war der Meinung, das sei ein Name für alte Leute. "Im Spanischen bedeutet Anita kleine Anna." So wurde aus Anna-Jian-Ping Anita-Jian-Ping.

Fünf glückliche Jahre führte Anita ihrem Onkel Dr. Simon Shi, dem Pfarrer von Thurndorf und Neuzirkendorf, den Haushalt. Als er am 5. November 1991 im Alter von 69 Jahren starb, schien das Glück schon wieder vorbei. Sie stand mit 26 Jahren allein in der Fremde. In ihrem Reisepass war vermerkt, dass ihre Aufenthaltsgenehmigung direkt an ihre Arbeit im Haushalt von Pfarrer Shih gebunden war. Die Abschiebung drohte. Das Landratsamt erteilte ihr eine sechsmonatige Duldung. Wenn sie einen neuen Geistlichen findet, dürfe sie in dessen Haushalt bleiben. Rosenthal-Chefsekretärin Walburga Seidel aus Pressath sorgte für ein nächstes kleines Wunder. Sie stellte den Kontakt zu Pfarrer Johann Schön her.

Der hatte gerade die Pfarrei Kirchenpingarten übernommen und suchte eine Haushälterin. "Pfarrer Schön hat mich aus Nächstenliebe aufgenommen. Er wusste ja nicht, ob ich überhaupt etwas kann." Auch Walburga Seidel ist Anita Kopp immer noch dankbar. "Sie hat Pfarrer Schön regelrecht angefleht, er müsse mich nehmen, weil ich niemand habe und sonst nach China zurück müsse." Ohne lange zu fragen, stellte Pfarrer Schön die junge Frau an. "Pfarrer Schön hat sich ohne Forderung auf mich eingelassen." Es habe nicht mehr als fünf Minuten gedauert. Anita Kopp hat immer noch Tränen in den Augen, wenn sie von diesen fünf Minuten erzählt, die ihr endgültig ein Leben ohne Not und Angst sicherten. Am 1. Februar 1992 zog sie nach Kirchenpingarten. Von 1992 bis 2006 führte sie den Haushalt.

Seit 1996 verheiratet

Seit 1996 ist sie mit Otmar Kopp verheiratet. Mit ihm und den Kindern Veronika, Teresa und Sebastian wurde das Glück komplett. In Speichersdorf lebt sie seit 14. September 1996. Dort führte sie den Haushalt für Andreas Hörbe (2006-2009) und seither für Sven Grillmeier. "Wenn dir das Leben Zitronen gibt, mach Limonade draus", lautet Anita Kopps Motto, an das sie sich nun schon seit 50 Jahren hält.
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