Abend voll Musik und Lyrik in Speinshart gedenkt dem fränkischen Weltpoeten Friedrich Rückert
Welt mit Poesie versöhnen

Helene Frucht (Flügel) und Kirsten Obelgönner (Mezzosopran) tragen stimmungsvoll Liedvertonungen berühmter Komponisten vor. Bild: do
Kultur
Speinshart
06.10.2016
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Ein faszinierendes Abendrot schimmert durch die Kastenfenster des Musiksaales und bricht sich am prachtvollen Fresko und dem weinroten Wanddekor des barocken Gesamtkunstwerkes. Wie bestellt ist diese Szene. Speinshart gedenkt Friedrich Rückert. Dem Weltpoeten aus Franken. In einem literarisch-musikalischen Abend entdeckt die Internationale Begegnungsstätte Kloster Speinshart den Dichter mit Gedichten, Liedern und seiner Biografie ganz neu.

Politik trifft Liebe


"Die Liebe sprach, im geliebten Auge musst du das Licht dir suchen, nicht das Feuer." "Poesie ist Liebe", sagte Friedrich Rückert und denkt mit diesen Worten an Weltversöhnung. Der Sprachwissenschaftler war überzeugt: Menschen können einander nur verstehen, wenn sie sich mit Literatur und Kultur des jeweils anderen auseinandersetzen. Als Autor von politischen Gedichten und später von Liebeslyrik war der 1788 geborene Rückert einer der meist gelesenen Schriftsteller seiner Zeit.

"Lieblich sollen seine Klagen wallen", wünscht sich Rückert, der "heimatlos in der Fremde wandert" und fragt sich: "Ist die Liebe so verstrickt und ich bin so ungeschickt?" Am Ende steht die Feststellung, dass er der Welt abhanden gekommen ist. Der Sprachgelehrte versteht diese Zeilen aber nicht als Verlustanzeige, sondern als fast schon trotzige Behauptung eines Gewinns. Denn wenn die Welt so lange nichts von ihm vernommen habe, schreibt er, so sei er "wirklich gestorben und lebe nun allein im Himmel".

Auf welch sonderbare Weise er durch seine lyrischen Texte tatsächlich nachleben würde, hat Rückert sich wohl nicht vorstellen können. Die meisten seiner etwa 6 000 veröffentlichten Gedichte waren schon zu Lebzeiten vergessen. Erst knapp 40 Jahre nach seinem Tod am 31. Januar 1866 machte der Komponist Gustav Mahler Rückerts "Kindertotenlieder" posthum unsterblich. An diesen "Weltversöhner" erinnert in Speinshart Walter Gebhard. Der Bayreuther Professor lässt mit seiner Lesung den Lyriker mit all seinem Facetten als Persönlichkeit der Zeitgeschichte erscheinen. Eingeladen hat Thomas Englberger, Leiter der Internationalen Begegnungsstätte. "Denken Sie an den Zauber von damals", ermuntert er die Besucher zum Träumen.

Gebhard stellt in farbenreichen Erzählungen ein kurvenreiches Leben des Dichters vor. Für ihn ist Rückert einer der großen Dichter und Denker Deutschlands.

Rückert lernte nicht nur die zentralen europäischen Sprachen, sondern fühlte sich besonders von den orientalischen angezogen. Er galt als Sprachgenie und allseits bewunderter Vermittler zwischen Orient und Okzident. Gleichwohl wäre Friedrich Rückert heute vergessen, hätten sich nicht namhafte Komponisten wie Gustav Mahler, Robert Schumann, Franz Schubert, Clara Schumann, Peter Schindler, Max Reger und Johannes Brahms seiner Gedichte angenommen. Neben Goethe, Heine und Eichendorff zählt Rückert zu den am häufigsten vertonten Dichtern der deutschen Sprache. Liebe und Trauer, Leben und Tod, Natur und Geist, immer wieder werden die Gedichte Rückerts zu Lied-Kompositionen. Sprache und Musik finden in potenzionierter Form zusammen.

Märchenhafter Stoff


In Speinshart sind es Kirsten Obelgönner (Mezzosopran), Helene Frucht (Klavier) und Michael Hussla (Violoncello), die den Musiksaal mit den Gedicht-Vertonungen Rückerts in ein Wellental wogender Töne verwandeln. Innig und empfindungsreich ist die Vertonung des exotisch-märchenhaften Stoffs. "Liebst du um Schönheit" heißt es da und "Es ist gekommen in Sturm und Regen". Die Kompositionen von Clara Schumann bis Johannes Brahms "gestillte Sehnsucht" erinnern an den Lebensgrundsatz des Lyrikers: "Poesie ist Weltversöhnung."

In Schuberts "Sonate für Arpeggione, a-Moll" entdecken die Zuschauer die romantische Weitsicht des Sprachgelehrten. Die Themen Liebe, Freiheit, Frieden und Verständigung, Armut und Umweltzerstörung, die Rückert ein Leben lang begleitet haben, bewegen uns auch noch heute.
1 Kommentar
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Michael Lengsfeld aus Amberg in der Oberpfalz | 06.10.2016 | 11:39  
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