Der Speinsharter Konvent gewährt Einblick
Unter Brüdern

Chorherren im Chorgestühl: Die Fratres Korbinian König (links) und Johannes Bosco Ernstberger beim Gebet. Bilder: wüw
Kultur
Speinshart
04.11.2016
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Seit 1713 gibt es den barocken Klosterbau, seit 1995 läuft die Sanierung der Anlagem an der Fassade ist sie bereits abgeschlossen.
 
Benedikt in der Klosterbibliothek. Das Gemälde zeigt Wissenschaftler des Prämonstratenser-Ordens. Als der Auerbacher Johann Michael Wild es 1773 schuf, bestand der Plan, die Decke in den zweiten Bibliotheksraum darunter zu durchbrechen. Dies unterblieb, deshalb wirkt die Malerei so nah.
 
Der Klostergang mit dem beeindruckend dreidimensionalen Fußbodenmuster. Die Tür mündet direkt in die Klosterkirche.
 
Johannes in seinem künftigen Zimmer. Nach Abschluss der Sanierung wird er dort auch über ein Bad verfügen. Derzeit muss er noch über den Gang.

Das Kloster Speinshart will Zentrum der Kultur und des Glaubens in der Region sein. Aber wie leben die Chorherren? Der Konvent gewährt Einblick.

Freitag kurz nach Mittag wird es still im Kloster wie in der Alten Pinakothek kurz vor Kassenöffnung. Auf den Gängen - hoch und breit wie die Münchner U-Bahn am Marienplatz - hallt der Klang der eigenen Schritte von den Wänden zurück, von denen Äbte und Ordensleute aus Ölportraits herab auf den Besucher blicken. Während der Woche sorgen seit mehr als 20 Jahren Bauarbeiter für Lärm, Staub und Leben. Dass sie bald nicht nur fürs Wochenende verschwinden, ist absehbar, die Wände sind weiß wie frische Bettwäsche, die Malereien kräftig-bunt. Staubschutzwände trennen nur mehr wenige Räume als Arbeitsplatz für die Handwerker ab

Im Refektorium - dem Esszimmer - sitzt Pater Benedikt Röder bei einer Tasse Kaffee. Dass es im Kloster ruhig ist, habe nichts mit schweigenden Mönchen zu tun, die im Gebet versunken auf ihren Zellen sitzen, sagt er in seiner Pause. Der Konvent ist klein, Mönche gibt es gar keine. Seit der Gründung im Jahr 1145 leben Prämonstratenser hier. "Mönche verbringen ihr Leben innerhalb der Klostermauern", erklärt der 40-Jährige. Prämonstratenser sind Priester, die in Gemeinschaft leben, ihre Aufgabe aber in der Seelsorge bei den Menschen finden. Benedikt Röder weiß, dass sein Namensvetter, der Prior, den Ausdruck nicht mag, er nutzt ihn dennoch: Zumindest so etwas Ähnliches "wie eine Priester-WG" sei der Konvent.

Sein Chef, Pater Benedikt Schuster, schüttelt tatsächlich den Kopf. Schon die Regeln des heiligen Augustinus geben der Gemeinschaft mehr Sinn und Regelmäßigkeit als einer Wohngemeinschaft. Sonst stimmt der 62-jährige Zwei-Meter-Mann mit Rauschebart zu: "Jeder hat eine Aufgabe draußen im Leben, die er für sich erledigt". Deshalb ist es ruhig auf den Gängen: Die Konventsmitglieder sind draußen bei den Menschen.

Benedikt Röder ist Pfarrer in Kirchenthumbach, dorthin wird er nach seiner Mittagspause wieder aufbrechen. Am Abend steht eine Sitzung der Kirchenverwaltung an, es geht um die Sanierung des Pfarrheims. "Das kann bis Mitternacht dauern", sagt er. Die Klosterpfarrei Speinshart mit Filiale Vorbach und Expositur Oberbibrach leitet der 47-jährige Pater Adrian Kugler. Dazu kommt Schlammersdorf, das eine Pfarreiengemeinschaft mit Speinshart verbindet. Der Prior und Pater Andreas Hamberger helfen dort bei Seelsorge und Gottesdiensten. Ihre Hauptaufgabe liegt im Kloster: Benedikt ist Archivar und Bibliothekar, Andreas Geschäftsführer oder in Kirchensprache: Provisor. Zum Konvent gehören außerdem die Fratres Johannes Bosco Ernstberger und Korbinian König. Der 31-jährige Johannes schließt seine Ausbildung mit dem Pastoralpraktikum in Weiden ab, kommenden Juni macht ihn die Priesterweihe vom Frater zum Pater, Anfang Dezember empfängt er in Cham die Diakonenweihe.

Für den 23-jährigen Korbinian ist der Weg noch etwas länger, er studiert Theologie und lebt während der Woche im Regensburger Priesterseminar. Als Senior komplettiert Pater Hermann Josef Wolf den Konvent. Der 87-Jährige erweist sich im Gespräch als beweglich, die Beine zwingen ihn aber in den Rollstuhl, im wenig barrierefreien Kloster eine Einschränkung. Zu den Mahlzeiten kommt er aber immer ins Refektorium, die gemeinsamen Momente sind selten und den Chorherren wertvoll.

Gemeinschaft im Gebet


Der Konvent erfährt die Gemeinschaft vor allem im Stundengebet, das an die Mahlzeiten gekoppelt ist. Zur Laudes am Morgen, bei der Mittagshore und der Vesper am Abend sitzen die Konventmitglieder im Chorgestühl und rühmen im Wechselgesang Gottes Werke mit den Psalmen des Alten Testaments. Sie hören Schriftworte und verharren in Stille. Ihr dampfender Atem steigt in der ungeheizten Klosterkirche Maria Immaculata nach oben, wie sie es sich von ihrem Gebet wünschen. Oft genug wird der Chorgesang zum Duett oder fällt aus, denn die Arbeit geht vor. "Dann betet jeder sein Stundengebet für sich, wenn es die Zeit zulässt", erklärt Pater Andreas.

Benedikt Röder gesteht, dass es oft schwerfällt, einen Mittelweg zu finden. Als Pfarrer gehöre er in seine Pfarrei, deshalb wohne er auch in Kirchenthumbach. Gleichzeitig soll der Kontakt zur Gemeinschaft halten. "Ich versuche, zum Mittagessen im Kloster zu sein." Auch zu Laudes und Frühstück fährt er die acht Kilometer so oft es geht. Dass die Prämonstratenser ein Herz für Langschläfer beweisen, komme ihm entgegen. Das Morgengebet um 7.30 Uhr sei für einen Orden relativ spät. Dies sei aber der Lebenswirklichkeit geschuldet. "Nicht selten dauern Sitzungen bis Mitternacht. Auf Dauer würde ich es nicht durchhalten, vor 5 Uhr aufzustehen, wie es in Mönchsklöstern üblich ist."

Besonders wichtig ist der Gemeinschaft die Konventmesse am Montag. Am freien Tag für Pfarrer beten die Chorherren als geschlossene Gesellschaft in der Klosterkapelle. Danach sitzen sie in der Rekreation dem Klosterwohnzimmer. Nach der Tagesschau werde das Fernsehgerät ausgemacht. "Das Gespräch ist uns wichtig", sagt Benedikt Röder. Der Ton dabei ist locker, das zeigt sich auch bei den Mahlzeiten. Die Gemeinschaft prägt seit jeher eine feste Hierarchie, die sich in der Sitzordnung zeigt. Die Gespräche führen die Chorherren auf Augenhöhe.

Auf Dauer würde ich es nicht durchhalten, vor 5 Uhr aufzustehen, wie es in Mönchsklöstern üblich ist.Pater Benedikt Röder

Offen gesteht Benedikt Röder, dass das Verhältnis nicht zu allen Mitbrüdern gleich ist. "Es ist wie in der Familie, den Bruder kann man sich nicht aussuchen." Mit dem einen sei das Verhältnis enger als mit dem anderen, Meinungsverschiedenheiten kommen vor. Unterschiedliche Meinungen gebe es etwa zur Bedeutung des Habits. Die alteingesessenen Speinsharter tragen das dreiteilige weiße Gewand beinahe immer. Als der Abt von Tepl 1921 Chorherren zur Wiederbesiedlung nach Speinshart entsandte, gab er ihnen die Anweisung "Semper habit" - immer im Habit - mit auf den Weg. "Es ist wichtig für uns, Präsenz zu zeigen", begründet Prior Benedikt, weshalb er sich noch heute daran hält.

Benedikt Röder, Andreas und Adrian stammen aus der Abtei Windberg und verstärken den Konvent als Aushilfen seit einigen Jahren. Aus Niederbayern haben sie eine legerere Einstellung mitgebracht. Schon wegen seiner weißen Farbe ist der Habit im Alltag unpraktisch. Sie tragen ihn zu besonderen Anlässen. Die beiden jungen Speinsharter haben das übernommen, auch wenn's dem Prior wenig gefällt. "Manchmal kommt ein Hinweis", sagt Korbinian. Meist belässt es der Obere bei der Ermahnung, die Entscheidung überlässt er jedem selbst.

Es ist wichtig für uns, Präsenz zu zeigen.Pater Benedikt Schuster

Auch bei heikleren Themen zeigen sich die Chorherren liberal. Prior Benedikt berichtet etwa ganz offen vom Schrecken, den der Missbrauchsskandal "in unserer Firma" ausgelöst habe, besonders als persönlich bekannte Priester betroffen waren. Sogar Selbstzweifel haben ihn geplagt. "Als Religionslehrer und Pfarrer habe ich hin und wieder Ministranten in den Arm genommen." Er habe bei Psychologen nachgefragt, ob er damit schon zu weit gegangen ist. "Ich war erleichtert, dass eine Umarmung für ein weinendes Kind nichts mit Missbrauch zu tun hat."

Der Trailer zum Speinshart-Film "Frucht und Erbe":

Ein schwieriges Thema


Still werden die Chorherren nur bei einem Thema: dem Austritt von Pater Lukas Prosch kurz nach dessen ewiger Profess und Priesterweihe im Vorjahr. "Das war schmerzhaft. Mehr muss man nicht sagen", bemerkt der Prior kurz. Schmerzhaft war der Austritt kirchenrechtlich, noch mehr aus pragmatischer Sicht. Jahrzehntelang trat niemand dem Konvent bei, lebensfähig ist er heute nur wegen der Windberger Verstärkung. Vor allem Adrian und Benedikt Röder bringen dem Kloster Geld. Weil sie Besitzlosigkeit gelobt haben, fällt das Pfarrergehalt des Bistums Regensburg dem Konvent zu, damit unterhält er das Kloster. Den Patres bleiben 300 Euro Verfügungsgeld im Monat. Davon müssen sie auch Kleidung kaufen, den restlichen Lebensunterhalt bestreitet der Konvent. Benedikt Roeder findet das nicht dramatisch. "Ich kenne Familienväter, die gut verdienen, aber nach Abzug aller Kosten weniger Geld für sich haben."

Mit wenig Geld muss auch Pater Andreas auskommen, wenn auch in größerem Stil. 2017 feiert er zwei Jubiläen: 75. Geburtstag und zehn Jahre als Provisor Herr über die Finanzen des Klosters. Es ist kein Geheimnis, dass vor allem er dafür gesorgt hat, dass im nächsten Jahr noch eine größere Feier ansteht. Im Oktober soll ein Festakt die Sanierung feierlich abschließen. Andreas hat die Gründung der Internationale Begegnungsstätte begleitet und führt deren Geschäfte. Ohne den Verein der Freunde des Klosters wäre der Betrieb aber nicht möglich. "Mit Bildung verdient man kein Geld", sagt der Pater. Dem Kloster bleiben deshalb vor allem die Gehälter. "Ein Pfarrer verdient wie ein Oberstudienrat. Jeder kann sich ausrechnen, was uns zur Verfügung steht."

Um so größer ist Andreas' Leistung, die Sanierung zu organisieren. Inzwischen plant er bereits das nächste Projekt. Um in der Begegnungsstätte auch mehrtägige Veranstaltungen zu ermöglichen, braucht sie mehr Übernachtungsmöglichkeiten, erklärt der Bayerwaldler, der in seiner Freizeit gerne die ZDF-Heute-Show schaut. Ein Bettenhaus soll 30 neue Zimmer schaffen. Zunächst müssen Pläne dafür her, "die Förderstellen wollen wissen, wofür sie Geld geben".

Während Pater Andreas die baulichen Zukunft plant, arbeitet die menschliche Zukunft an der eigenen Ausbildung. Korbinian und Johannes Bosco sind Hoffnungsträger, und sie wissen es: "Von Druck möchte ich nicht sprechen, aber man spürt die Erwartungshaltung", sagt Johannes. Wie Korbinian ist ihm die Identifikation mit dem Kloster anzumerken. Sie sind nicht nur die jüngsten, sondern auch die einzigen Oberpfälzer im Konvent. Besonders Korbinian wuchs als Oberbibracher im Schatten der Speinsharter Kirchtürme auf. Als Kind evangelisch getauft, brachte ihm die Oma den katholischen Glauben näher. "Sie war Mesnerin in Oberbibrach." Mit 16 wechselte er das Bekenntnis.

Fest verwurzelt


Heute übernimmt er selbst Mesnerdienste, spielt Orgel, ist Mitglied in neun Vereinen. Vor kurzem legte er das erste Leistungsabzeichen bei der Feuerwehr ab. Dass die Art ankommt, zeigt ein Spaziergang über den Klosterhof. Weit kommt man mit den Fratres nicht, jeder Passant bleibt für ein Gespräch stehen. Die Alten zeigen keine Scheu vor der Jugend, die Jungen nicht vorm Habit. Auch der Pater Prior setzt Hoffnung auf die beiden: "Wir sind nicht über dem Berg, aber mit ihnen sieht es wieder besser aus."

HintergrundAus Prémontré nach Speinshart: Im Jahr 1120 gründete der spätere Bischof von Magdeburg, Norbert von Xanten, im französischen Prémontré den Orden. Vom Gründungsort übernehmen die Prämonstratenser ihren Namen. Sie gelten als Regularkanonikern, die in Gemeinschaft mit Ordensgelübde leben, sie sind Chorherren aber keine Mönche. Die Prämonstratenser folgen den Augustinusregeln, die unter anderem Armut, Enthaltsamkeit und Gehorsams vorschreiben. Heute gibt es rund 100 Klöster und Niederlassungen auf allen Kontinenten. Das Kürzel des Ordens ist OPraem.

Bald 900 Jahre Klostergeschichte: Seit 1145 leben Ordensleute an der Stelle, an der heute die Klosteranlage steht. Adelvolk von Reifenberg, Gemahlin Richenza und seine Brüder Reinhold und Eberhard von Reifenberg stifteten das Kloster und statteten es mit Gütern aus. Eine Urkunde aus dem Jahr 1181 belegt erstmals die Anwesenheit von Prämonstratensern. Im Jahr 1459 wird das Stift zur Abtei erhoben.

Nach der Blüte folgt mit der Reformation der Niedergang. 1556 führt Kurfürst Ottheinrich in der Oberpfalz die lutherische Lehre ein. Dies hat Folgen für die Abtei. Das Kloster verfällt, wird zum Staatsgut. Erst 1661 kehren Prämonstratenser aus dem Kloster Steingaden nach Speinshart zurück, das im Barock ausgebaut wird und eine neue Blütezeit erlebt. Diese endet mit der Säkularisierung im Jahr 1803. Seither sind die ehemaligen Wirtschaftsgebäude im Klosterhof privatisiert. Das Kloster mit der Kirche kauft der Orden erst im Jahr 1921 zurück. Das böhmische Kloster Tepl kann sich dies leisten, weil ihm die berühmten Marienbader Quellen gehören. Bis heute unterhält das Kloster enge Beziehungen nach Tepl.

Speinshartensia für Historiker: Mehr über die Geschichte des Klosters bietet die Schriftenreihe Speinshartensia. Im Verlag Bodner sind bislang drei Bände erschienen: "Beiträge zur Geschichte der Prämonstratenserabtei Speinshart", "850 Jahre Prämonstratenserabtei Speinshart" und in diesem Jahr die "Annales Speinshartenses - die Jahrbücher der Prämonstratenserabtei Speinshart 1661 - 1770".


Ein Wochenende durfte der Autor mit den Chorherren leben. Er nahm an Gebeten und Mahlzeiten teil und nutzte die Gelegenheit zu Gesprächen.

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