Festival Junger Künstler Bayreuth
„Es entsteht eine neue Musik“

Die "Beimischung" orientalischer zu klassischen Instrumenten entfaltet beim Festival durchaus ihren Reiz.
Kultur
Speinshart
26.08.2016
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Am Anfang standen gewaltige Sprachprobleme: Inzwischen bereichert Amjad Sukr, Flüchtling aus Syrien, das Festival Junger Künstler musikalisch und organisatorisch. Bilder: hfz (2)

"Wir erkennen die Not", sagt Sissy Thammer, Intendantin des Festivals Junger Künstler Bayreuth. Unter dem Motto "Orient trifft Okzident" bindet sie Asylbewerber aus Syrien und dem Iran in das internationale Projekt ein.

Bayreuth/Speinshart. Das inzwischen 66. Festival mit mehr als 500 jungen Teilnehmern aus 30 Ländern - vorwiegend aus Osteuropa und Asien - geht am morgigen Donnerstag mit einem Abschlusskonzert in Bayreuth zu Ende. Vor drei Jahren lernte Sissy Thammer den aus Syrien geflohenen Musiklehrer Amjad Sukr kennen.

Seine damals hochschwangere Frau blieb bei der Flucht in einem jordanischen Lager zurück, weil sie die Strapazen langer Fußmärsche und die risikoreiche Reise über das Meer nicht auf sich nehmen konnte. "Der Anfang war mühsam", verschweigt die Intendantin die Probleme nicht. Vor allem die fehlenden Deutschkenntnisse Amjads wirkten als großes Hemmnis.

"Doch unter allen Migranten lernen die Künstler eine fremde Sprache am schnellsten", berichtet Thammer. Ziemlich rasch stieg Amjad Sukr in die Organisation und in der Folge in das Kulturmanagement des Festivals ein. Er betreut nicht nur die Künstler, sondern gibt inzwischen selber Konzerte mit seiner Band "Die Brücke", beispielsweise beim "Bayreuther Abend": zwischen der Bayernhymne und indischen Klängen. Insider und Musikkritiker empfinden eine derart bunte kulturelle Vielfalt ausgerechnet im streng "Wagnerianischen" Bayreuth als erfrischende Bereicherung.

"Vorreiter" für Umbrüche


Etwa auf dem Bayreuther Menzelplatz brachte der studierte syrische Musiklehrer beim Experiment "Lieferservice: Musik frei Haus" (einheimischen) deutschen Kindern das Spiel auf der Kistentrommel Cajón bei. Auch die "Beimischung" der arabischen Laute in die klassischen Konzertinstrumente entfaltete durchaus ihren Reiz. "Die Musik bricht dadurch auf", sagt Sissy Thammer. Sie erkennt gerade in den Künstlern eine Art "Vorreiter" für gesellschaftlich neue Entwicklungen und gar Umbrüche.

Insgesamt wirken bei dem Festival Junger Künstler neun - anerkannte - Flüchtlinge aus Syrien und dem Iran mit. Aus ihnen ragt Mohammed Fityan als Projektleiter heraus. Er spielte auf der arabischen "Flöte" namens Ney bereits bei den Berliner Philharmonikern, das als eines der weltbesten Orchester gilt.

"Hart, aber herzlich"


Teilnehmer interpretieren das Festival als "Schutzraum": "Hier wird eine Atmosphäre geschaffen, die Mut gibt: Sich nicht von der Unsicherheit übermannen lassen, sondern ihr zu trotzen. Die Erwartung und der Anspruch an alle sind hoch - und doch ist Scheitern erlaubt und wird aufgefangen. Wer diese Erfahrung gemacht hat, geht mit einer ordentlichen Portion Selbstbewusstsein der Berufswelt und dem Leben entgegen." Das Konzept des Festivals gilt als einzigartig: Praktikanten übernehmen Verantwortung in allen Bereichen der Organisation. Im gesamten August sind die Büros besetzt mit Studenten, Studienabgängern und Schülern, denen damit ein Sprungbrett für eine mögliche Karriere im Kulturbetrieb geöffnet wird.

Als "drehfreudiger Motor" und "temperamentvolle Seele" der Großveranstaltung bringt sich seit 30 Jahren Intendantin Sissy Thammer (61) ein; die gebürtige Oberpfälzerin stammt aus Winklarn. "Sie ist der Kopf des Festivals. Und sein Herz. Hart, aber herzlich könnte man ihren Führungsstil beschreiben, eine Leiterin der alten Schule, ein Unikat mit dem Herz auf der Zunge und am rechten Fleck", erzählt ein Teilnehmer unserer Zeitung.
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