Installation vor dem Hochaltar
Provokation der Fantasie

Mit ungewöhnlichen Klängen und Geräuschen untermalte Michal Rataj aus Prag mit seiner "Missa abstracta" den Beginn der Installation.
Kultur
Speinshart
29.03.2016
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Patrik Hábl.

Die Kirchenbesucher reiben sich die Augen. Seit Karsamstag verhüllt eine Leinwand große Teile des Hochaltars der Klosterkirche Speinshart. Die Fastenzeit ist doch vorbei! Abt Hermann Josef Kugler klärt auf: Der Administrator des Klosters nennt die spektakuläre Installation des tschechischen Künstlers Patrik Hábl eine Einladung zur Spurensuche im Leben der Menschen.

Vorgestellt wurde die ungewöhnliche Kunstinstallation in der Osternacht mit einer Licht- und Klangmeditation. Mit einem Perspektivenwechsel Neues erschließen und sichtbar machen: dieser Aufgabe hat sich Patrik Hábl in Speinshart gestellt. Nur durch einen Spalt öffnet sich der Blick zum barocken Hochaltar. Der visuelle Einschnitt will zeitgenössische Kunst und Barock zusammenbringen. Gleichzeitig macht Hábl die Kirchenbesucher neugierig. Zum genauer Hinschauen, um etwas Neues zu entdecken, ermuntert er die Betrachter. Und doch ist dieses Neue hinter aller Zerrissenheit so vertraut. Die Gläubigen sehen Maria mit dem Kind auf dem Arm. Ein einladendes Bild - nur im neuen Kontext.

Die große Altarverhüllung begleitet in der Nacht von Karsamstag auf Ostersonntag der Prager Michal Rataj. Der Musiker untermalt die Eröffnung mit seiner "Missa abstracta". Faszinierende Klänge und Geräusche nehmen die Besucher als mystische Elemente wahr. Der Komponist hat sie jahrelang in verschiedenen Kirchen Europas gesammelt. Ein ungewöhnlicher Zugang zu Ostern. Ergänzt wird das Klanggewitter von einem Lichterzauber. Die Meditation beginnt mit zurückhaltendem Kerzenschein und endet im gleißenden Licht österlicher Vorfreude.

Im Zentrum steht die Installation von Patrik Hábl. Seit Aschermittwoch verhüllte Hábl den Seitenaltar in der Nepomuk-Kapelle der Klosterkirche. Nun begeht er nach der 40-tägigen Fastenzeit und dem damit verbundenen Verhüllen von Kruzifixen und Altarbildern neue Wege. Die monumentale Leinwand verwehrt während der 50 Tage von Ostern bis Pfingsten den Blick auf den Hochaltar der Kirche. Der Künstler bringt in leuchtenden Farben nicht nur abstrakte Muster auf sein Werk, sondern projiziert dorthin auch die Gedanken und Fantasien der Betrachter, die in den zerrissenen Bildern fragend nach Antworten suchen.

Realitätsnah interpretiert Thomas Englberger, Leiter der Internationalen Begegnungsstätte, die Installation als "Augenfasten". Provokation von außen sei notwendig, damit wieder klar werde, über welchen Schatz die Klosterkirche verfüge, sagt er. Sein "Augenfasten" vereinigt Englberger in Blickführung auf die Hauptachse der Kirche. Der Spalt von 70 Zentimetern eröffnet den Blick zu den wichtigsten Elementen des Hochalters. Mit Tabernakel, Maria, den Engeln bis hinauf zur Uhr kann sich der Betrachter bewusst machen, was das Zentrum der Kirche ist. Patrik Hábls Reduktion auf das Wesentliche ist für Thomas Englberger keine Kritik am barocken Bildprogramm, sondern Ergänzung.

Hábl greift mit seiner "zerrissenen Leinwand" Gedanken über Jesu Tod und dem zerrissenen Vorhang im Jerusalemer Tempel auf. Inspiriert werde er von Gold und Weiß als Farben der Festtage. Die Leinwand habe er, auf abstrakte Weise gestaltet um die Betrachter zu provozieren. So darf jeder mit etwas Fantasie die Welt und das Leben mit neuen Augen sehen. Im Blickpunkt

Dialog der KunstSpeinshart. (do) Patrik Hábl, der an der Akademie für Kunst, Architektur und Design in Prag studierte, hat in Tschechien bereits mit einigen Kunstaktionen im sakralen Raum auf sich aufmerksam gemacht. Sein Werk wurde mit dem Waldes-Preis und dem Europol Art Award ausgezeichnet. In Tschechien war er unter den ersten Personen, die für die "Persönlichkeit des Jahres 2013 für herausragende künstlerische Leistung" nominiert wurden.

Trotz der Monumentalität seiner Arbeit in Speinshart gehe es dem Künstler um einen gefühlvollen Eingriff, der nicht provozieren, sondern die Menschen zum Innehalten und Nachdenken anregen soll. Hábl wolle Menschen gleich welchen Glaubens und welcher Herkunft berühren. Die oftmals bildgesättigten und übersättigten Kirchgänger würden sein Werk vielleicht als Provokation betrachten. Aber die barocken Bilderwelten vor 300 Jahren waren es auch einmal.

Patrik Hábls Installation "Screen Tearing" oder aber "Zerrissene Leinwand" ist in der Klosterkirche bis zu Pfingsten zu bestaunen. Hábl sagt zu seinem Werk: "Ich denke, durch neue Kunst kann der Mensch auch alte Kunst kennenlernen und umgekehrt". Diesen Dialog sucht der Künstler mit der Annäherung an sakrale Kunst. Erfüllung findet er vor dem Meisterwerk des Hochbarock in Speinshart. Am Pfingstmontag, 16. Mai, gibt es eine Podiumsdiskussion zum Thema "Kunst und Kirche". Mit dabei ist auch Patrik Hábl.

Zum Speinsharter "Screen Tearing" gibt es auch ein aufwändig gestaltetes Begleitheft in Deutsch und Tschechisch mit Textbeiträgen von Abt Hermann Josef Kugler, Installationsleiter Thomas Englberger und von Eva Capková mit Gedanken zu "Spuren der Wahrheit suchen und finden".
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