Klassiker in neuem Gewand: Das Quartett Passo Avanti begeistert in der Klosterkirche Speinshart
Wenn Verdi den Blues hat und Brahms swingt

Eine Symbiose zwischen Klassik und Jazz in der barocken Klosterkirche: Das Quartett Passo Avanti sorgte für ein kurzweiliges Konzertereignis. Bild: Reitz
Kultur
Speinshart
06.07.2015
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Seit 1979 engagiert sich der Verein der Freunde und Förderer des Klosters für den Erhalt des barocken Klosters. Das Festkonzert zum diesjährigen Speinsharttag präsentierte eine Symbiose von Klassik und Jazz in der Klosterkirche.

Das Programm liest sich wie eine herkömmliche Ankündigung zu einem klassischen Konzert: Kompositionen von Händel, Brahms, Mozart, Bach, Verdi oder Strauß sind aufgelistet. Aber schon der erste Blick auf die Instrumente verrät, dass es sich hier nicht um eine gewöhnliche Quartettbesetzung handeln kann. Zwischen Geige, Cello und Klarinette hat sich eine Elektrogitarre mit Verstärker und diversen Effektpedalen "verirrt".

Klassik und Jazz treffen aufeinander und gehen schon bald eine Symbiose ein, wie man sie in dieser Form wohl noch nie gehört hat. Die vier Musiker sind in beiden Musikgattungen zu Hause und fühlen sich sichtlich wohl. Da steht eine astreine Artikulation, wie sie in der Klassik üblich ist, neben expressionistischen Ausdrucksmitteln und persönlicher Klanggestaltung, da werden perkussive Elemente und elektronische Verfremdungen wie selbstverständlich eingebaut.

Alle vier Musiker sind auch herausragende Virtuosen, die sich am Richard-Strauss-Konservatorium in München kennengelernt haben und ihre Leidenschaft für den Jazz gemeinsam haben.

Alexander von Hagke überzeugt durch perfekte Tongebung auf Klarinette, Bassklarinette und Querflöte. Mit atemberaubender Virtuosität werden auch schwierigste Passagen souverän gemeistert. Seine eigene Komposition "Skane" kann im Umfeld der großen klassischen Themen bestehen. Sie erinnert in klangmalerischer Weise an Schweden und könnte den Soundtrack zu einem Film hergeben. Auch die Arrangements zu den bekannten Klassikern stammen aus der Feder von Hagkes, wobei jedoch Improvisation und individuelle Freiheiten einen breiten Raum einnehmen.

Violinist Sergey Didorenko studierte am Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium und verfügt über eine enorme Bandbreite von Ausdrucksmöglichkeiten, mal mit klassischer Intonation, dann mit feurigem "Gypsy-Swing" oder mit perkussivem Einsatz von Bogen und Korpus.

Eugen Bazijan, der gebürtige Ukrainer am Cello, zeigt sich ebenfalls als wandlungsfähiger Künstler. Mal als einfühlsamer Interpret von Melodien, die unter die Haut gehen, mal als swingender "Walking Bass", über dem ausgiebig improvisiert werden kann. Er setzt Akzente, wechselt Klangfarben und Stimmungen und setzt sein Instrument auch mal perkussiv ein.

Gitarrist Alex Jung schließlich kann seine Affinität zum Jazz nicht verleugnen. Er spielt eine von Kenny Burrell und Jim Hall beeinflusste Elektrogitarre und benutzt ein Plektrum. Dabei passt sein Klang hervorragend zur Klarinette oder Flöte, sein Akkordspiel bereichert den Gruppenklang und erinnert an den Cool-Jazz der amerikanischen Westküste.

Dynamik und Kontraste prägen die Musik von Passo Avanti. Da endet eine Opernarie im swingenden Jazz, der Radetzky-Marsch kokettiert mit Samba, Bachs "Musette" mündet im Fusion-Sound mit verzerrter Gitarre, Mozart verbindet sich mit argentinischem Tango, Verdi hat den Blues, Brahms mutiert zum Gypsy-Swing. All das wechselt mit atemberaubender Geschwindigkeit, kein Stück gleicht dem anderen. Frühere Versuche, Jazz und Klassik zu verbinden, endeten oft in Langeweile. Man denke nur an Jacques Loussiers "Play Bach"-Versionen der 1960er Jahre oder an so manche Aufnahme des "Modern Jazz Quartet", wo den Melodien lediglich ein swingender Rhythmus unterlegt wurde.

Passo Avanti hingegen überzeugt durch seine wohltuende Mischung von Bekanntem und "Unerhörtem", durch den Kontrast von technischer Perfektion und Mut zum Spontanen, durch Respektlosigkeit gegenüber herkömmlichen Musikstilen und antiquiertem Schubladendenken.
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