Literarischer Reiseführer über böhmisches Bäderdreieck vorgestellt
Mit Marx in den Karlsbader Sprudel

Stellten in Speinshart den Literarischen Reiseführer "Böhmisches Bäderdreieck" vor: (v.l.)Václac Petrbok, Tanja Krombach, Roswitha Schieb sowie Thomas Englberger (Leiter der Internationalen Begegnungsstätte).
Kultur
Speinshart
29.06.2016
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Das böhmische Bäderdreieck Karlsbad-Marienbad-Franzensbad ist nicht nur heute ein lohnendes Ziel für Ausflüge. Auch Johann Wolfgang von Goethe wusste Karlsbad schon zu schätzen – nachzulesen in einem „Literarischen Reiseführer“, der am Dienstag in der Internationalen Begegnungsstätte Kloster Speinshart vorgestellt wird.

Wer kurt, der braucht Humor. So lässt sich Mark Twains Essay aus dem Jahr 1892 zusammenfassen, in dem er über seinen Aufenthalt in Marienbad berichtet. „Sie versuchen, alles zu kurieren: Gicht, Rheuma, Magerkeit, Fettleibigkeit, Auszehrung und den ganzen Rest“, schreibt er in seinem Reisebericht, den er „Eine österreichische Gesundheitsfabrik“ nennt. Mit vielen satirischen Seitenhieben umreißt er, was zu einer richtigen Gichtbehandlung gehört – frühes Aufstehen, Betrachten von Tee, Schlammwälzen, Dinge essen, die man nicht mag, frühes Schlafengehen. „Am nächsten Tag beginnt alles wieder von neuem. Ich sehe keinen Vorteil darin im Vergleich zur Gicht“, stellt Twain abschließend fest.

Dies und noch viel mehr erfährt der Leser in dem neu erschienen Literarischen Reiseführer „Böhmisches Bäderdreieck Karlsbad-Marienbad-Franzensbad“. Appetit auf das 350-Seiten-Buch machen in der Internationalen Begegnungsstätte Kloster Speinshart die beiden Autoren Roswitha Schieb und Václac Petrbok sowie Tanja Krombach vom Deutschen Kulturforum östliches Europa als Herausgeber des Werkes. „Kein anderes Bild fast einen Kurort treffender als die Theatermetapher“, stellt Schieb fest. Dort bilden dann Kursäle, repräsentative Hotels und Promenaden die Bühne, die Kurgäste fungieren als Schauspieler und Publikum, das gleichbleibende Stück sei die vitale Erneuerung des Kurgastes durch die Kraft der Heilquellen. „Tatsächlich eignet Kurbädern der Charakter eines Theaters, eines Weltmodells im Miniaturformat“, so Schieb.

Gegliedert ist das Buch in drei umfassende und ausführliche Spaziergänge durch die jeweiligen Kurorte, in denen Goethe und Kafka, Karl Marx und Arthur Schnitzler, Sigmund Freud und Marie von Ebner-Eschenbach zu Wort kommen, aber auch Vertreter der tschechischen Literatur wie Jan Neruda oder Božena Němcová. Auf den Spaziergängen begegnen dem Leser wiederholt verschiedene Motive, die die Besonderheiten der böhmischen Bäder und der Kursituation ausmachen. „Immer wieder wird aber auch die Illusion der behaglichen, weltabgewandten Abgeschlossenheit durchbrochen“, betont Schieb und verweist darauf, dass in Bädern durchaus auch Politik betrieben wurde. Sie erinnert an die Charakterisierung von Karl
sbad als „Schachbrett Europas“ durch den Vormärz-Dichter Heinrich Laube.
Deutlich machen soll das Buch auch, wie die Bäder nach dem Zweiten Weltkrieg zum Teil verfielen, zum Teil aber auch künstlerische Treffpunkte wurden. „Die Spaziergänge verknüpfen die Fülle berühmter und auch unbekannterer literarischer Äußerungen mit der Topographie und weisen zugleich über den lokalen Bezug hinaus“, so Schieb.

Schieb, Roswitha: Literarischer Reiseführer Böhmisches Bäderdreieck. Unter Mitarbeit von Tanja Krombach und Václav Petrbok, Potsdamer Bibliothek östliches Europa – Kulturreisen, Potsdam 2016, 19,80 Euro, ISBN 978-3-936168-59-4
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