Akt der Solidarität

Eine Diskussion, in der Anwesende ihre Erfahrungen mit dem Lastenausgleichsgesetz schilderten, gab es im Musiksaal des Klosters. Edith Wagner-Hufnagl (rechts neben dem Referenten der Begegnungsstätte, Thomas Englberger) vom Lastenausgleichsarchiv in Bayreuth referierte zuvor über die historische Entwicklung des Gesetzes, das Ende 2014 ausläuft. Bild: edo
Lokales
Speinshart
01.12.2014
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Am 31. Dezember läuft das das Lastenausgleichsgesetz (LAG) aus. 52 Jahre regelte es die Ausgleichszahlungen für Geschädigte des Zweiten Weltkriegs. Bei einem Gesprächsforum im Kloster Speinshart berichteten Betroffene über ihre Erfahrungen.

Wie kann gerechte Entschädigung aussehen, wenn man unverschuldet seinen Besitz verliert, wenn Fliegerbomben oder politische Entscheidungen Haus und Hof zerstören oder in fremden Besitz übergehen lassen? In Deutschland sollte ab 1952 das Lastenausgleichsgesetz diese Fragen beantworten, basierend auf dem Solidaritätsprinzip. Viele Zahlen präsentierte Edith Wagner-Hufnagl vom Lastenausgleichsarchiv Bayreuth im Musiksaal und gab zugleich zu bedenken: "Dahinter verbergen sich Millionen von Einzelschicksalen." (Hintergrund)

Neid und Tricksen

Als "außergewöhnliche Solidarleistung der Deutschen" bezeichnete Wagner-Hufnagel den Prozess, wenngleich es natürlich auch kritische Stimmen gab und die Empfänger nicht selten mit Neid und Missgunst betrachtet wurden. Reich sei durch die Entschädigungen niemand geworden, betonte die Referentin. Vielmehr seien die finanziellen Zuwendungen als Startkapital für einen Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg zu betrachten. Da es sich in den meisten Fällen ohnehin um relativ geringe Beträge handelte und diese zum Teil erst Jahre nach der Antragsstellung ausbezahlt wurden, war das Geld eher eine unerwartete Überraschung, wie einer der Gesprächsteilnehmer berichtete: "Mein Vater hat sich von etwa 400 Mark unseren ersten Fernseher gekauft."

Andere nutzten geschickt Lücken im System, um den Zahlungen zu entkommen: So waren Deutsche, die Flüchtlinge oder Vertriebene heirateten, von der Zahlungspflicht ausgenommen. "Da kam es schon einmal vor, dass das vorher abfällig betrachtete Flüchtlingsmädchen aus Ostpreußen plötzlich als gute Partie wahrgenommen wurde", berichtete einer der Anwesenden.

Grenzen zementiert

Thomas Englberger, der Referent der Begegnungsstätte Kloster Speinshart, wies darauf hin, dass mit den Zahlungen auch die Endgültigkeit der politischen Grenzen zementiert wurde. "Ja, uns war klar, dass es jetzt kein Zurück mehr in die alte Heimat gab", schilderte eine Betroffene. Hadern mit ihrem Schicksal mochte von den Anwesenden bzw. deren Nachkommen über ein halbes Jahrhundert später jedoch niemand.
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