Ein Philosoph und Lebensweiser

Aus nur zwei Metern Entfernung entstand dieses Foto Havels auf den Wagner- Festspielen. Doch die Referentin hatte nicht den Mut, ihn anzusprechen - darüber ärgert sie sich noch heute. Bild: hfz
Lokales
Speinshart
10.12.2014
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Als Kinder verbrachten sie viele Stunden auf einem Prager Spielplatz. Doch dann trennten sich ihre Wege und der Kontakt endete. Dennoch hat Kristina Jurosz-Landová das Leben des späteren Staatspräsidenten Václav Havel stets intensiv begleitet.

Sehr persönliche Einblicke in das Leben eines der wichtigsten Politiker Europas des ausgehenden 20. Jahrhunderts bekamen die rund 30 Gäste im Kloster Speinshart. Kristina Jurosz-Landová, 1936 in Prag geboren, schilderte ihre Erlebnisse mit dem tschechischen Staatsmann und Philosophen Václav Havel, dem sie als Kind äußerst nahestand.

Zusammen im Sandkasten

"Unsere Mütter haben sich regelmäßig mit uns auf dem Spielplatz getroffen", erzählte sie, und weiter: "Während sie sich über viele Dinge austauschten - was damals unter dem NS-Regime nicht selbstverständlich war - spielten wir im Sand und bauten Burgen." Ihre Familie zog weg, und der Kontakt zu den Havels endete. Wiedergesehen hat sie ihren früheren Spielgefährten erst viele Jahre später im Fernsehen: "Zunächst hielt ich es aber nicht für möglich, dass dieser junge Mann wirklich der Václav Havel von damals ist." Schließlich handle es sich um einen weit verbreiteten Namen in Tschechien. Doch der Student, der mit Gleichgesinnten gegen die kommunistische Obrigkeit protestierte, war tatsächlich der Sandkastenfreund.

Fortan verfolgte sie aufmerksam das Wirken Havels, der während der Herrschaft der kommunistischen Partei ein wichtiger Regimekritiker der Tschechoslowakei war und zu den Initiatoren der Charta 77 gehörte. Nach der Samtenen Revolution von 1989 übte Havel als Letzter das Amt des Staatspräsidenten der Tschechoslowakei aus. Von 1993 war er zehn Jahre der erste Präsident der Tschechischen Republik. Er gilt als einer der Wegbereiter der deutsch-tschechischen Aussöhnung und führte sein Land in die Europäische Union.

Doch nicht nur als Politiker bleibt Havel, ein bekennender Kunstliebhaber, in Erinnerung: "Er war ein Philosoph und Lebensweiser, der große Ansprüche an die Moral stellte und alles hinterfragte - zuerst fing er immer bei sich an", betonte die Referentin. Gut erinnert sie sich an ein Bild des Staatspräsidenten im Fernsehen, als er "eine viel zu kurze Hose" trug: "Sicher war er es nicht gewohnt, nach langer Haft auf sein Äußeres zu achten." Doch steckte darin eine noch größerer Symbolik: "Er, der große Denker, entwuchs nicht nur seinen Kleidern, sondern auch seinen Ämtern und der Mentalität der Menschen", bilanziert Jurosz-Landová.

Persönlich begegnet ist sie ihm nur noch einmal bei den Wagner-Festspielen in ihrer Wahlheimat Bayreuth. Der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker hatte ihn eingeladen: "Obwohl ich nur zwei Meter entfernt von ihm stand, habe ich mich nicht getraut, ihn anzusprechen. Dafür könnte ich mich noch heute ohrfeigen."
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