Insider aus der Politik

Mit detailliertem und profundem Insiderwissen über Václav Havel, den ehemaligen Präsidenten der Tschechischen und Slowakischen Föderativen Republik beziehungsweise ab 1993 der Tschechischen Republik, fesselte Miroslav Kunstát die gut 60 Besucher im Kloster Speinshart. Bild: edo
Lokales
Speinshart
17.02.2015
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Miroslav Kunstát war viele Jahre lang ein Begleiter des ehemaligen tschechischen Ministerpräsidenten Václav Havel. Im Kloster Speinshart gewährte er exklusive Einblicke .

Zusätzliche Stühle mussten für die rund 60 Besucher geholt werden, die zum Vortrag über den ehemaligen tschechischen Ministerpräsidenten Václav Havel ins Kloster Speinshart gekommen waren. Sogar Gäste aus der Landeshauptstadt reisten dafür extra an. Der Grund für den Ansturm war Miroslav Kunstát. Er ist Professor am Prager Institut für internationale Studien und langjähriger Begleiter Havels.

Kunstát, obwohl gesundheitlich angeschlagen, sprach eine Stunde lang über die politische Zeit der 1980er und 90er Jahre. "Havel wurde 1989 zum ersten Präsidenten der Tschechischen und Slowakischen Föderativen Republik - und das von einem überwiegend kommunistischen Parlament", betonte der Referent.

Außenpolitisch unerfahren

"Bei der Außenpolitik war er noch sehr unerfahren, aber genau darin lag vielleicht seine Stärke, weil er frei von Vorurteilen war." "Unser Staat hat keine politische Ideologie, wichtig sind die Achtung der Menschenrechte und die Ehrfurcht vor der menschlichen Würde", sagte Havel 1990 beispielsweise vor dem Europarat in Straßburg - für Kunstát ein Beleg der wohltuenden, befreiten Art des Politikers. Grundlage für Havels Wirken bildete die Charta 77, eine 1977 von ihm und anderen Dissidenten veröffentlichte Petition gegen die Verletzung der Menschenrechte. Das politische Verhältnis zwischen der Bundesrepublik und Tschechien war nach dem Fall des Eisernen Vorhangs (1989) durch ein intensives Verhältnis zwischen Havel und dem kürzlich verstorbenen, ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker geprägt. Beiden Politikern war ein gutes Verhältnis zwischen den Nachbarstaaten ein großes Anliegen. So führte Havels erster Auslandbesuch 1990 auch zunächst nach Berlin und anschließend nach München.

"Unmoralische Tat"

Dort verurteilte er die Vertreibung der Sudetendeutschen als "äußerst unmoralische Tat" und griff damit ein wichtiges Thema auf. Besondere Brisanz hatte diese Aussage, da nur wenige Wochen danach Wahlen in Tschechien anstanden, erklärte Kunstát. Havel hat es in der Heimat aber nicht geschadet. Im Gegenzug verurteilte von Weizsäcker in Prag bei einer Gedenkfeier an Auschwitz die Gräueltaten der Nationalsozialisten an den Tschechen.

Im Laufe der 1990er Jahre folgten weitere Verhandlungen über einen deutsch-tschechischen Nachbarschaftsvertrag, die Entschädigung von NS-Opfern und Heimatvertriebenen. 1995 lud Havel alle Sudetendeutschen und deren Nachkommen als "willkommene Gäste" ein. Ein Jahr später relativierte er die von vielen falsch verstandene Aussage und bezeichnete sie als "willkommene Landsleute". Derartiges Feingefühl prägte das gesamte Schaffen des 2011 Verstorbenen, der auch als Philosoph und Schriftsteller große Schaffenskreise zog.
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