Vielseitiger Goethe

"Mein Goethe" fesselte am Freitagabend im Musiksaal des Klosters Speinshart eine begeisterte Hörerschaft. Lyrik und Gesang boten eine harmonische Einheit. Bild: do
Lokales
Speinshart
09.11.2015
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Über Goethe zu schreiben, scheint sich fast zu erübrigen, hat man doch seit der Schulzeit immer wieder von ihm gehört. Aber was weiß man tatsächlich, wenn man sich nicht etwas näher mit dem Dichterfürsten beschäftigt hat? "Mein Goethe" in Speinshart bot dazu höchst Amüsantes und Wissenswertes.

Ist einem der Bühnendichter näher als der Vater des Faust? Oder bedeutet einem der Schöpfer des jungen Werthers mehr als der Balladendichter? Ist es der Reisende, der Naturwissenschaftler, der Geheimrat oder der Staatsminister? Wie dem auch sei - zu viel Goethe kann es nicht geben. Wer sich mit ihm beschäftigt, wird immer wieder Neues entdecken.

Und das ganz bestimmt am Freitag im Musiksaal des Klosters Speinshart, als Schauspieler Hilmar Berndt vom Theater Trier Gedichte und Balladen des Schriftstellers vortrug und seine Kollegin Nadine Hoffmann in der Moderation das Leben und Wirken des vielseitigen Goethe beleuchtete. Nicht minder reizvoll war die musikalische Untermalung der Dichter-Lesung mit ausgewählten "Goethe-Liedern", interpretiert von Sopranistin Birgit Muzzolini (Bayreuth) und am Klavier begleitet von Walter Thurn (Eschenbach).

Die Universalität Goethes spiegelt sich, ebenso wie in seinem umfangreichen Gesamtwerk, in Formen- und Themenreichtum seiner Lyrik. Von den gefühlsbestimmten Gedichten seiner Sturm-und-Drang-Zeit bis zur philosophischen Gedankenlyrik des Alters (Über allen Gipfeln), von volksliednahen Formen "Früh, wenn Tal" oder des "Wanderers Nachtlied" über freie Rhythmen bis hin zur klassischen Strenge aus Faust spannte sich der Bogen des Goethe-"Festivals", das Berndt mit poetischer Breite vortrug. Dabei wurde deutlich, dass Goethe das Spannungsverhältnis zwischen Gedicht zur Liebesbegegnung suchte, die Leidenschaft des erotischen Erlebens und den Kontrast von Wonne und Schmerz in seinen Dichtungen auslebte.

Das Programm des Abends, das auf großes Zuhörerecho stieß, war indes auch auf die böhmische Nachbarschaft zugeschnitten. Auf vielen Reisen, die ihn unter anderem nach Karlsbad und Marienbad führten, lernte Goethe den besonderen Liebreiz dieser Landschaft und seiner Bevölkerung schätzen. Deshalb spiegelte sich im Vortrag auch die "Marienbader Elegie" wider. Nicht fehlen durften Gedichte über die Sehnsucht des Geheimrats auf das Helle und Diesseitige, etwa im frühen Gedicht "An den Mond". Selbst in "Wanderers Nachtlied" herrschte weder Todessehnsucht noch ein tragisches Gefühl der Endlichkeit vor. Vielmehr inszenierte der Dichterfürst eine versöhnliche Grundstimmung und zog Parallelen zum übergeordneten Kreislauf des Werdens und Vergehens, in den der Mensch eingebunden ist.

Mit der Gedichtauswahl des Rezitators einher gingen romantische Zwischenspiele. Für eine gefühl- und anspruchsvolle musikalische Begleitung sorgten zwei namhafte Künstler. Sopranistin Birgit Muzzolini und Walter Thurn am Klavier verzückten das berührte Publikum mit "Heideröslein", "Nur wer die Sehnsucht kennt" und "Meine Ruh ist hin", komponiert von Franz Schubert und "Das Veilchen" von Wolfgang Amadeus Mozart, jeweils nach Texten des Dichterfürsten. Referent Thomas Englberger und mit ihm eine beseelte Hörerschaft waren hin und weg. "Mein Goethe in der Oberpfalz" wurde zur zentralen Metapher.
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