Ein "umwerfendes" Vergnügen
„Kegeln als Freizeitvergnügen in Geschichte und Gegenwart“: Vortrag beim Dreikönigstreffen des früheren Speinsharter Burschenvereins

In der Nordoberpfalz mit ihrer ausgeprägten Wirtshauskultur hat sich auch das Kegeln einen festen Platz im sozialen Leben erobert. Die Geschichte des beliebten Volkssports zeichnete der Vorbacher Historiker Lorenz Burger beim Dreikönigstreffen des ehemaligen Burschenvereins Speinshart nach. Bild: bjp
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Speinshart
08.01.2016
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"Alle Neune", "Gut Holz", "eine ruhige Kugel schieben" oder die "Königspartie": Diese Redewendungen aus dem Kegelsport sind Allgemeingut. Und das kommt nicht von ungefähr.

Süßenweiher/Speinshart. Seit man im Mittelalter begann, unter freiem Himmel schlecht gerundete Kugeln über holprige Sand- oder Erdbahnen in Richtung hölzerner Stäbe kullern zu lassen, ist viel passiert: Das Kegeln hat sich auch in der Nordoberpfalz zu einer der beliebtesten Volkssportarten gemausert.

"Jede Gaststätte, die etwas auf sich hielt, hatte ihre Kegelbahn", hielt Lorenz Burger in seinem Vortrag über "Kegeln als Freizeitvergnügen in Geschichte und Gegenwart" beim Dreikönigstreffen des früheren Speinsharter Burschenvereins im Gasthof "Waldeslust" in Süßenweiher fest.

Glücks- und Wettspiel


Die Anfänge des Kegelsports datierte der aus Vorbach stammende Regionalhistoriker auf das 13. Jahrhundert, als im niederrheinischen Xanten eine "Kegelgilde" entstanden sei. Von Deutschland aus habe sich das "umwerfende" Freizeitvergnügen im Laufe der Jahrhunderte über die ganze Welt verbreitet. Das mittelalterliche und frühneuzeitliche Kegeln sei allerdings weniger ein Sport denn ein Glücks- und Wettspiel gewesen: "Das lag schon an den unzulänglichen, weil unebenen Bahnen, die ein gezieltes Rollen der Kugeln erschwerten."

Weil die Menschen beträchtliche Spieleinsätze vertaten und sich häufig nicht einmal um Gottesdienstzeiten kümmerten, hätten Obrigkeit und Kirche reglementierend eingegriffen: Sie begrenzten die Spieleinsätze und verboten das Kegeln für bestimmte Zeiten oder ächteten es sogar grundsätzlich. "Immerhin galt Glücksspiel einst als Sünde", erläuterte der Referent.

"Die Gesundheit fördernd"


Mit der zunehmenden Wertschätzung des Sports als auch obrigkeitlich begrüßter Leibesertüchtigung habe das Kegelschieben im 19. Jahrhundert diese "Anrüchigkeit" endgültig verloren, wusste Lorenz Burger. Den Sinneswandel dokumentiere beispielsweise der amtsärztliche "Physikatsbericht" für den Landgerichtsbezirk Eschenbach von 1860, worin "Kegelspiel und Eisschießen" als "die Gesundheit fördernd" gelobt und als gesunde Alternative zum "die Körper übermäßig erhitzenden" Tanzen empfohlen worden seien.

Durch klare Regeln und den Bau überdachter Holzbahnen sowie die Gründung von Kegelvereinen habe sich das einst verpönte Hobby zu einer professionalisierten Sportart vervollkommnet. Seine Beliebtheit habe es sich nicht zuletzt deshalb bewahrt, weil die Kegelbahnen in der Regel zu Wirtshäusern gehörten, die elementare Bezugspunkte des sozialen Lebens in einer noch wenig "mobilen" Gesellschaft gewesen seien: "Dort traf man sich, tauschte Nachrichten aus und ließ den oft beschwerlichen Alltag hinter sich - auch und gerade beim Kegeln."

Das 20. Jahrhundert habe diesen Sport freilich zurückgedrängt: "Als Volkssportart gewann zunächst der Radsport an Bedeutung. Nach dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere nach dem 'Wunder von Bern' 1954 schossen die Fußballvereine wie Pilze aus dem Boden, und die immer vielseitigeren Angebote zur Freizeitgestaltung taten ein Übriges." Die Neugründung des Speinsharter SKC Klosterkegler im Jahr 2007, der aus der 1979 gegründeten Kegelsparte des FC Tremmersdorf-Speinshart hervorging, zeige aber, dass das Kegeln nach wie vor nicht aus der Region wegzudenken sei.

Vereine "oft verdeckt politisiert"Seinen Vortrag über das Kegeln in der Nordoberpfalz für die "Altburschen" des früheren Burschenvereins Speinshart und zahlreiche weitere geschichtsinteressierte Gäste "würzte" Historiker Lorenz Burger mit anschaulichen sozialgeschichtlichen Schlaglichtern. So beschrieb der jetzt in Straubing freiberuflich tätige Vorbacher - früher wissenschaftlicher Mitarbeiter am Freilandmuseum Neusath-Perschen - das 19. Jahrhundert als "Blütezeit der Vereine".

Dies habe auch mit der politischen Aufbruchstimmung im Gefolge der Französischen Revolution zusammengehangen, erklärte er dem rund 30-köpfigen Publikum: "Die Bürger, Bauern und Handwerker wünschten sich mehr politisches Mitspracherecht, doch die vom Adel bestimmte Staatsordnung brach nur sehr langsam auf."

Die Gründung von Vereinen habe der Bevölkerung allerdings Wege eröffnet, sich geltend zu machen: "Auch Vereine mit einem an sich unpolitischen Zweck waren oft verdeckt politisiert." Dies habe insbesondere für die Männergesangvereine gegolten. Wirtschaftliche und politische Bedeutung hätten auch die Darlehenskassenvereine als bürgerlich-bäuerliche Solidargemeinschaften entfaltet.

Als lokalgeschichtliche Reminiszenz erwähnte Lorenz Burger den 1934 gegründeten "Kegelklub Oberbibrach", der den Zweiten Weltkrieg aber nicht überdauert habe. Das Kegelbahngebäude habe jedoch die Schützengesellschaft Oberbibrach als Schießstand und ab 1976 der neu gegründete Motorradclub als Vereinsheim weitergenutzt: "Daran zeigt sich auch ein Wandel in Vereinswesen und Freizeitgestaltung."

In der regen Diskussion, die sich an den Vortrag anschloss, erinnerten Zuhörer an die einst vielbesuchte Kegelbahn beim "Kellerhaus", die während des Zweiten Weltkriegs von einquartierten Soldaten "verheizt" worden sei. Laut Pater Benedikt Schuster reicht die Geschichte dieser Anlage bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurück. (bjp)


Lange TraditionSeit mehr als 30 Jahren treffen sich die "Ehemaligen" des katholischen Burschenvereins Speinshart, der in den 1960er Jahren zusammen mit der Jungfrauenkongregation in der Katholischen Landjugend aufging, alljährlich am Dreikönigstag in Süßenweiher. Fester Programmpunkt ist dabei stets ein öffentlicher regionalkundlicher Vortrag.

Die "Alumni" knüpfen damit zugleich an die von dem unvergessenen letzten geistlichen Leiter des Burschenvereins, Pater Gottfried Reiber, angebotenen Gesprächsabende, Vorträge und Exkursionen an. 2014 haben Pater Benedikt Schuster als Prior, Bibliothekar und Archivar des Klosters sowie die Speinsharter Sektion des Heimatvereins Eschenbach die Organisation des Dreikönigstreffens übernommen. (bjp)
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