Volkstrauertag: Pfarrer ruft zu Friedfertigkeit, Toleranz und "Praktiziertem Mitgefühl" auf
Vergebung hat keine Obergrenze

Einem Rückfall in überwunden geglaubte Denkmuster erteilte Bürgermeister Albert Nickl bei der Gedenkfeier am Volkstrauertag eine Absage. Die Ehrenwache der Vereine wurde diesmal um Soldaten der zweiten Batterie des Weidener Artilleriebataillons 131 verstärkt, für das die Gemeinde die Patenschaft übernommen hat. Bild: bjp
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Speinshart
15.11.2016
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Sich gegen einen Rückfall in überwunden geglaubte Denkmuster wehren und neu auf den Friedens- und Versöhnungswillen der frühen Nachkriegsjahre besinnen: Diese Mahnung zog sich als roter Faden durch den Speinsharter Gedenkakt zum Volkstrauertag. "Wir waren schon einmal weiter als heute", konstatierte Pater Adrian Kugler.

Der Geistliche verwies in seiner Predigt darauf, wie nach 1945 "ehemalige Kriegsgegner gemeinsam ein friedliches Europa aufbauten". Damals sei man entschlossen gewesen, dem Teufelskreis zu entrinnen, der darin bestehe, dass "Gewalt nur neue Gewalt erzeugt". Inzwischen griffen hierzulande und in vielen anderen Ländern aufs Neue "geistige Brandstiftung", Abschottungstendenzen und nationalistische "Kampfrhetorik" um sich. "Was 1933 bei uns geschah, kann immer wieder geschehen", lautete Kuglers mahnendes Fazit.

Rhetorische "Abrüstung"


Umso notwendiger sei es, dass sich Christen für eine geistige und rhetorische "Abrüstung" stark machten, die dem Populismus Friedfertigkeit, Toleranz und "praktiziertes Mitgefühl" entgegensetze. Jesus weise den Weg, indem er nicht Schuld, sondern Friedensliebe und Vergebung in den Mittelpunkt seiner Botschaft stelle: "eine Vergebung, die keine Obergrenze kennt". Auf Mut und Entschlossenheit komme es an, um "das 21. Jahrhundert zu einem Jahrhundert des Dialogs" zu machen, erklärte Pater Adrian und zitierte einen Ausspruch Mahatma Gandhis: "Wir müssen selbst die Veränderung sein, die wir in der Welt zu sehen wünschen."

Für Max Wagner traf indes eher ein Wort Erich Kästners auf Geschichte und Gegenwart zu: "Die Menschen werden nicht gescheiter." Was nach 1945 zunächst unvorstellbar angemutet habe, sei eingetreten: Wiederum hätten Krieg, Unterdrückung und ethnische Säuberungen Millionen von Opfern gefordert, Menschenrechte würden mit Füßen getreten.

Der Vorsitzende der Soldatenkameradschaft Speinshart blickte auch auf einen Besuch des Soldatenfriedhofs im elsässischen Bad Niederbronn zurück, wo 15 472 Gefallene des Zweiten Weltkriegs ruhen, darunter ein Speinsharter: "Wenn man durch die gepflegten Grabreihen geht und bemerkt, dass manche der Gefallenen erst 17 Jahre alt waren, kommt der Gedanke auf: Warum?"

"Erinnerung und Mahnung"


Nicht ohne Bitterkeit fiel auch Bürgermeister Albert Nickls Einschätzung der aktuellen Lage aus. Selbst die "Wiege der modernen Demokratie", die USA, gebe "Anlass zur Sorge, weil wir nicht wissen, wohin ihr Weg führt". In manchen Ländern gehörten "Krieg und Gewalt zum Alltag", in Europa "laufen immer mehr Menschen Parteien hinterher, die es mit Grundrechten, Menschenwürde und Freiheit nicht so ernst meinen". Um "Hassparolen" den Nährboden zu nehmen, sei der Volkstrauertag wichtiger denn je: "Er ist Erinnerung und Mahnung, dass sich Geschichte und Unrecht nicht wiederholen dürfen."

Eine 71-jährige Friedenszeit und eine stabile Demokratie seien Grund genug, zufrieden und dankbar zu sein, sagte Nickl: selbst "wenn wir wissen, dass nicht alles perfekt ist". Frieden und Freiheit müssten "von jeder Generation neu erarbeitet werden und von innen heraus wachsen". Dazu gehöre, "nicht wegzuschauen, wenn Menschen ausgegrenzt oder misshandelt werden. Der Umgang mit Ausländern und Asylanten spiegelt wider, wie demokratisch wir wirklich sind." (Im Blickpunkt)
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