Hände reichen, Grenzen streichen

Heute vor genau 25 Jahren: Am 3. Januar 1990 kam es zu einem ersten Treffen am Übergang Schwarzach. Der damalige Landtagsabgeordnete Otto Zeitler reichte einem tschechischen Grenzbeamten die Hand. Dies geschah über einen sogenannten "spanischen Reiter" und damit über eine Sperranlage hinweg. Der Eiserne Vorhang war damit auch im Landkreis Schwandorf endgültig beseitigt. Archiv-Bild: hfz
Lokales
Stadlern
03.01.2015
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Sie nannten diese Grenze den Eisernen Vorhang. Eine unsägliche Demarkationslinie, an der Menschen ihr Leben ließen, als sie die Freiheit suchten. Heute vor genau 25 Jahren war damit auch im Landkreis endgültig Schluss. Am über viele Jahrzehnte hinweg geschlossenen Übergang Schwarzach bei Stadlern traten Oberpfälzer und Tschechen aufeinander zu und reichten sich die Hand.

Ein Donnerstag. Das Jahr 1990 war gerade erst drei Tage alt. Oft hatten sich an dem Grenzübergang Schwarzach Menschen eingefunden, um hinüber ins Böhmische zu blicken. Hinüber in Richtung Rybnik. Manche stammten aus dem Dorf, das auf Deutsch "Waier" hieß. Doch diese paar Kilometer waren für sie nicht zu nehmen. Dafür hatte ein verbrecherisches Regime auf tschechoslowakischer Seite gesorgt. Rybnik: Scheinbar weiter entfernt als die Erde vom Mond.

Und dann kam dieser Tag. Heute vor 25 Jahren. Mit einer Entwicklung, die dafür sorgte, dass vielen Tränen in den Augen standen. Kurz zuvor, am 23. Dezember 1989, hatten der deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher und sein tschechoslowakischer Amtskollege Jiri Dienstbier im nicht weit entfernten Waidhaus den Grenzzaun durchtrennt und damit eine Aktion von weltweit registrierter Bedeutung vollbracht. Der Nabburger Landtagsabgeordnete Otto Zeitler (CSU) war anwesend und traf einen hohen Vertreter der deutschen Finanzverwaltung. "Ich habe ihn gefragt", erinnert sich Zeitler heute, "ob er Kontakte nach drüben hat." Der Mann antwortete mit einem schlichten "Ja" und bot seine Fürsprache an. Eine spontane Vermittlung, die am 3. Januar 1990 in die Begegnung bei Schwarzach münden sollte.

Dort trafen Leute aufeinander, die sich über sogenannte "spanische Reiter" hinweg die Hände reichten. Aus Richtung Rybnik kamen uniformierte tschechoslowakische Beamte, von Schwarzach her traten ihnen Oberpfälzer entgegen. Kommunalpolitiker wie etwa Otto Zeitler, die Kreisräte Dr. Ludolf von Beckedorff und Michael Ebnet. Beim Händedruck war die schwarze Zeit für Schwarzach überwunden. "Endlich", wie Zeitler im Gedächtnis behielt. Bis heute weiß er, dass man später an diesem historischen Tag gemeinsam im Restaurantbetrieb des nahen Skizentrums Reichenstein "ein paar Gläser hob." Die Leute von jenseits der Grenze waren dabei.

Jene Normalität, die man heute bei den deutsch-tschechischen Beziehungen kennt, war damit noch lange nicht eingekehrt. Fünf Jahre vergingen, ehe es am Morgen des 1. Januar 1995 zu einem weiteren Meilenstein kam. Der damalige bayerische Innenminister Dr. Günther Beckstein hatte nur wenige Stunden zuvor die Freigabe von neun grenzüberschreitenden Wanderwegen zwischen Bayern und Tschechien angekündigt.

Schlagbaum fällt

Becksteins Faxmitteilung erreichte auch den NT-Redakteur Fred Hutzler in Oberviechtach. Hutzler schickte sie dem Zeitungsmitarbeiter Scharnagl aus Schönsee und vermerkte handschriftlich: "Lieber Konrad. Mach' hieraus etwas für die erste Ausgabe im neuen Jahr." Scharnagl entsprach dieser Bitte und fand sich im Morgengrauen des 1. Januar am Übergang Schwarzach ein. Dort sollte sich dann, vor nun fast genau 20 Jahren, erneut etwas für die Geschichtsbücher zutragen.

In der NT-Ausgabe vom 4. Januar 1995 kann man nachlesen: "Noch vor Sonnenaufgang trafen sich am Neujahrstag an dem am Ortsrand von Schwarzach gelegenen Schlagbaum eine stattliche Zahl von Gemeinde- und Behördenvertretern zu einem historischen Moment." Genau um 8 Uhr, Schnee fiel in dichten Flocken, hob sich der Schlagbaum erstmals nach einem halben Jahrhundert, wurde der Übergang für Fußgänger und Radfahrer geöffnet.

Auch das ist dem Abgeordneten und Staatssekretär a. D. Otto Zeitler tief ins Gedächtnis eingegraben. Er weiß noch, dass die Bürgermeister Josef Strnad aus Rybnik (Waier) und Vaclav Jilek aus Pobezovice (Ronsperg) da waren, dass der Stadlerner Bürgermeister Günther Holler eine Ansprache hielt. Mit in der Runde standen der stellvertretende Landrat Dr. Ludolf von Beckedorff, der Schönseer Bürgermeister Hans Eibauer, Bezirksrat Josef Spichtinger, der Waidhauser Grenzpolizeichef Franz Dimper, der Schönseeer Polizeistationsleiter Josef Zehent und der Schwandorfer Kreisbrandrat Siegfried Hammerer.

"Ich habe ab dann alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Feuerwehren zueinander zu bringen", erinnert sich Hammerer heute. Mit Erfolg: Jahre später fand an diesem Grenzübergang eine Großübung statt, die bis nach Prag und München für Beachtung sorgte.

Nahtloser Übergang

Das Motto dieses 1. Januar 1995 lautete: "Hände reichen - Grenzen streichen". Jetzt, zwei Jahrzehnte später, lässt sich bilanzieren: Die Hände sind gereicht, die unsägliche Grenze längst gestrichen. Der Oberpfälzer Wald geht nahtlos in den Böhmerwald über. Zäune, Stacheldraht, bewaffnete und schießbereite Grenzposten auf der damaligen tschechoslowakischen Seite sind nur noch in den Geschichtsbüchern und in den Alpträumen derer vorhanden, die den Weg in den Freiheit suchten. In den Annalen stehen auch Namen wie Gustav Husak und Vaclav Havel, Hans-Dietrich Genscher und Jiri Dienstbier. Das, was in Schwarzach geschah, sind eher Marginalien und Begebenheiten am Rande. Wichtig aber für alle, die damals noch nicht geboren waren und das geeinte Europa im Jahr 2015 als ganz selbstverständlich betrachten.
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