Kleine Gemeinde setzt Akzente

Riesige Urkunden an der Wand, grüne Vorhänge, eine gelbe Stehlampe sowie ein alter Radio am Fensterbrett. Bürgermeister Gerald Reiter sitzt am Schreibtisch in der Gemeindekanzlei, die er allerdings nur selten nutzt - obwohl ihm das Ambiente durchaus gefällt. Bild: Portner
Lokales
Stadlern
16.07.2015
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Seit 15 Monaten ist Gerald Reiter (47) als ehrenamtlicher Bürgermeister in der Grenzgemeinde Stadlern tätig. Der Newcomer in der Kommunalpolitik freut sich über einen guten Start. Denn die Gemeinde ist schuldenfrei und so gibt es auch einen gewissen Spielraum für notwendige Investitionen.

Ebenso wie sein Amtsvorgänger Günther Holler ist auch Gerald Reiter 24 Stunden am Tag im Dienst. "Es gibt keine Sprechzeiten. Wer etwas will, der ruft halt an", sagt der im Frühjahr 2014 gewählte Bürgermeister beim Gespräch mit der NT-Lokalredaktion. Das sei durchaus in Ordnung. "Schließlich bin ich gewählt worden, um für die rund 520 Bürger der Gemeinde da zu sein!" Das Dienst-Büro hat er sich zu Hause eingerichtet.

Die Gemeindekanzlei im renovierungsbedürftigen Gebäude in der Hauptstraße nutzt Reiter nur für wenige Anlässe. Auch wenn ihm das Ambiente des alten Kanzleizimmers durchaus gefällt. Das markante Gebäude bietet jedoch auch der Dorfjugend Platz und im Garten sieht der Gemeinde-Chef die Möglichkeit, ein Bauhof-Gebäude zu erstellen.

Mehr Zeit "fürs Amt"

"Ich habe eine Nacht darüber geschlafen", erinnert sich Gerald Reiter daran, als er von Günther Holler auf die Kandidatur angesprochen wurde. Gattin Claudia und die 25-jährige Tochter seien von Anfang an dahinter gestanden. Reiter war zwölf Jahre freigestellter Betriebsratsvorsitzender bei der Münchner Medizin Mechanik (MMM), mit 250 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber der Gemeinde. Seit 2014 ist er dort wieder im Büro tätig. Auch die Arbeitzeit hat er von 40 auf 30 Wochenstunden zurückgefahren, um mehr Zeit für sein Ehrenamt zu haben. "Die Minusstunden wurden immer mehr", erinnert er sich an die ersten Monate nach Amtsantritt. Voll des Lobes berichtet er von der guten Zusammenarbeit im Gemeinderat. Von den neun Personen im Gremium sind sechs neu dabei - alle parteilos, denn seit etwa 30 Jahren gibt es nur eine Liste der Wählergemeinschaft FAG (Für den Aufbau der Gemeinde). Sehr gute Unterstützung erhält der Newcomer von Stellvertreter Tobias Eckl.

"Stadlern ist schuldenfrei", freut sich Reiter und führt als großes Plus die Gewerbesteuer der MMM an. Allerdings gibt es in den nächsten Jahren auch einiges anzupacken: Die Wasserversorgung sei uralt und auch die Kläranlage im Hauptort bestehe seit 25 Jahren (die Ortsteile Schwarzach, Charlottenthal und Waldhäuser haben eigene Anlagen). Auch Friedhof und Leichenhaus warten auf die Renovierung. Heimatverbundenheit, das ist auch ein Thema, welches Reiter anspricht. So habe die Gemeinde drei Wahrzeichen: MMM, Wallfahrtskirche und Burgruine Reichenstein. Letztere war über Jahrzehnte nicht touristisch nutzbar. Jetzt gab Gräfin Du Moulin Eckart "grünes Licht" und so laufen bereits die Planungen für die Sanierung der Ruine. Die Zufahrt soll heuer noch gebaut werden; die Fertigstellung der Maßnahme ist bis Frühjahr 2016 geplant.

Neues Gewerbegebiet

Sehr gute Verbindungen hat Reiter zu den tschechischen Nachbarbürgermeistern in Rybnik und Pobežovice: "Es gibt regelmäßige Treffen. Darauf kann man aufbauen!" Er freut sich aber auch über die Unterstützung der Verwaltungsgemeinschaft Schönsee und durch Altbürgermeister Günter Holler. Im Bauhof möchte er "mit der Zeit gehen" und - soweit möglich - in moderne Maschinen investieren. "Die drei Mitarbeiter sind gut ausgelastet", berichtet Reiter.

Der Gemeinderat hat das neue Gewerbegebiet Süd (8500 Quadratmeter) an der Straße nach Schwarzach ausgewiesen. "Die Hälfte steht noch zur Verfügung. Bewerber können sich gerne bei mir melden", betont der Bürgermeister, der auch auf freie Bauplätze im idyllisch gelegenen Bergdorf verweist. Stadlern sei zwar, ebenso wie viele Kommunen im Landkreis, von Leerständen und Wirtshaussterben betroffen - aber eine Entwicklung, die gegen den Trend läuft, mache Mut: "Viele junge Leute kehren nach Ausbildung oder Studium wieder zurück und nehmen die Fahrt zur Arbeitsstelle in Kauf." Einen Grund dafür sieht er in der funktionierenden Dorfgemeinschaft: "Die Gemeinde lebt mit den Vereinen!"

Ein weiterer Lichtblick: Eventuell kann im EFRE-Förderprogramm das Projekt "Sport- und Freizeitpark am Reichenstein mit Skilift, Sommerrodelbahn und Mountainbike-Strecke" verwirklicht werden. "Ich hoffe, dass wir uns in zwei Jahren im Bergcafé treffen können", sagt Gerald Reiter. Als Bürgermeister nimmt er die Herausforderungen des Amtes tatkräftig an und ist bestrebt, eigene Fußabdrücke zu hinterlassen - zum Wohl seines Heimatortes. "Wir sind zwar eine der kleinsten Gemeinden im Landkreis, aber die schönste", sagt er und meint dies in Anbetracht des Panorama-Ausblicks im "bayerischen Bethlehem" durchaus ernst.
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