Der Brasilianer und das rote Haus

Diese Aufnahme aus dem Jahre 1940 zeigt die Ortschaft Stadlern unter der Burgruine Reichenstein und dem Hochfelsmassiv mit der noch unbebauten Hutweide. Aufgrund seiner Lage bezeichnete es der Landarzt und Geschichtenschreiber Dr. Josef Herbeck als "Oberpfälzer Bethlehem". Archivbild: gl
Vermischtes
Stadlern
16.11.2016
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Das Wetter ist und war zu allen Zeiten ein willkommener Gesprächsstoff, ob es sich um immer wiederkehrende Kapriolen oder um Vorhersagen handelte, die früher auch von Scharlatanen begleitet wurden. Ein besonderes Ereignis aus dem Jahre 1775 schildert Dr. Josef Herbeck im Jahre 1905 in der Zeitschrift "Das Bayernland" (Oldenbourg-Verlag).

Herbeck wirkte in Schönsee bis zu seinem Tod am 3. August 1920 als Landarzt und vielseitiger Autor von Heimatgeschichten. In seiner mit vielen originellen Hinweisen über Land und Leute umrahmten Geschichte geht es um einen Herrn aus Amberg, der in einem villenartigen rotem Häuschen seine Ferien verbrachte. Dessen graues Haar, das nachlässig über den Rockkragen herabhing deutete auf ein Alter um die 60 hin.

In seinem schwarzen Rock hätte man ihn für einen Geistlichen halten können. Er bewegte sich gerne auf einsamen Wegen, erwiderte den Gruß kaum und wurde als Phantast verschrien, weil er sich in der Nacht oft mehrere Stunden auf der Terrasse aufhielt sowie Papierdrachen steigen ließ und mit metallischen Stangen Funken erzeugte. Deshalb wurde er auch als Zauberer und Hexenmeister bezeichnet.

Dieser Eindruck verstärkte sich noch, als sein Diener bei der Abwesenheit seines Herrn einige Stadlerner in das Studierzimmer führte und die Gerätschaften und Flüssigkeiten den einfältigen Betrachtern auch als Gegenstände zur Gestaltung des Wetters, einschließlich Blitz und Hagel, schilderte. Am Tag darauf, einem Sonntag, wurden diese Informationen nach der Kirche diskutiert und von einigen Wortführern als Hexerei dramatisiert. Einer davon nutzte sogar die Gelegenheit, eine erfundene Geschichte vorzutragen.

Schauerliche Geschichten


Als er einmal auf dem Heimweg von Schönsee nach Stadlern war, hörte er zwischen der Ochsenlohe und Dachsbau schauerliche Geräusche. Als er sich denen näherte, gewahrte er eine Schar wilder Tiere und ein Heer von Weibern und Männern mit gespenstischem Aussehen und Herrn aus dem roten Haus mitten unter ihnen. Nach einem Pfiff desselben verwandelten sich die Männer in Rosse und die Weiber erhielten Flügel; nach einem Schlag mit dem Zauberstab verschwand alles in einem Spalt. Der Erzähler sei angekleidet in seinem Bette wach geworden. Diese erfundene Geschichte wurde von der Bevölkerung aber mit Zusätzen im ganzen Ort verbreitet und dem angeblichen Hexenmeister wich man fortan furchtsam aus.

Als an einem Tag im August ein Botengänger, der wegen seinem Tabakkonsum der "Brasilianer" genannt wurde, auf seinem Weg nach Schönsee vom vermutlichen Zauberer bei wolkenlosem Himmel gewarnt wurde, rechtzeitig zurückzukehren, weil ein böses Gewitter kommen würde, wunderte er sich über den Hinweis. Doch auf dem Heimweg verdunkelte sich der Himmel mit Wolken, die mit Blitzen durchfurcht wurden. Es folgte ein Sturmwind, starker Regen und Hagel, der die Flur und Häuser beschädigte und die Feldfrüchte vernichtete.

Der "Brasilianer" erzählte von der unerklärlichen Warnung, worauf sich in der Bevölkerung die Meinung festigte, dass der Herr aus dem roten Haus die bösen Geister gerufen habe und die Schuld an den Schäden hat. Es formierte sich sogar eine Schar erbitterter Leute, die mit Drohrufen vor das rotgetünchte Haus zogen, um sich an dem vermeintlichen Zauberer mit dem Ruf "Tod dem Zauberer" zu rächen. Ein Hagel von Steinen sauste an die geschlossenen Läden der Fenster, bis sich die Haustüre öffnete und die Rasenden in das Haus stürmten und die Einrichtung verwüsteten. Kleider des Bewohners wurden angezündet.

In Pfarrhof geflüchtet


Dieser war aber über dem Keller durch einen unterirdischen Gang ins Nachbarhaus geflüchtet. Dessen Bewohner, ein befreundeter Bader, nahm den Flüchtling auf und begleitete ihn in Bauernkleider gehüllt nach Weiding, wo er im Pfarrhof Unterkunft fand. Der Pfarrer fuhr mit seinem Gast am Tag darauf nach Neunburg vorm Wald. Denn der Verfolgte war der Privatgelehrte der Physik, Baptist Beck aus Amberg, der seine in Stadlern in Experimenten gesammelten atmosphärischen Erfahrungen später veröffentlichte.

Er hatte einen sehr guten Ruf in Sachen Elektrizität über die Oberpfalz hinaus. Die Stadlerner hätten ihn beinahe als Zauberer verbrannt. Dies ist nur eine der Geschichten, die Dr. Josef Herbeck zu Papier brachte.
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