Sea-Eye-Gründer spricht in Steinberg
"Feuerwehr" im Mittelmeer

Michael Buschheuer zeigte die Flüchtlingsströme der vergangenen Jahre auf. Sein Vortrag ging unter die Haut. Videos von Einsätzen taten ihr Übriges. Bild: Held
Vermischtes
Steinberg am See
06.09.2016
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Michael Buschheuer spricht sachlich, objektiv, leise, ohne das Lamento oder die Aufgeregtheit engagierter Betroffener. Was er sagt, macht aber betroffen. Und er vergleicht Sea-Eye mit der Feuerwehr.

Als "Feuerwehr" bezeichnet der Regensburger die von ihm ins Leben gerufene Organisation deshalb, weil die Ehrenamtlichen im Mittelmeer Leben retten (wir berichteten). Sie verfolgen kein politisches Interesse, sind keine Aktivisten, die sich in der Flüchtlingsfrage oder Asylpolitik mit Botschaften zu Wort melden. Die Botschaft des Regensburger Vereins heißt: "Menschen vor dem Ertrinken retten." Dieses Credo wiederholt Buschheuer bei seinem Vortrag in der Segelschule Gradl am Steinberger See mehrmals.

Vergleichbar der Feuerwehrleute, die einen lebensgefährlich Verletzten, vielleicht noch mit reichlich Alkohol im Blut, aus einem Autowrack befreien, fragen die Seenotretter von Sea-Eye nicht nach dem Weshalb und Wofür. Sie wollen nicht, dass "Leute vor unserer Haustür ersaufen. Wenn Sie jemanden aus dem Steinberger See fischen, fragen Sie auch nicht, ober er eine Wohnung hat. Sie helfen, weil er nicht mehr lange schwimmt." Und "wenn hier 20 Leute gefährdet sind, denken sie auch nicht darüber nach, ob das Krankenhaus aufnahmefähig ist".

Nicht erlauben


Auch die ihm oft und ebenso in Steinberg am See gestellte Frage, ob die Seenotrettung nicht Flucht provoziere, kontert Buschheuer: Zum einen gebe es eine Untersuchung der Universität Leiden, dass dem nicht so sei. "Vermutlich besteht die Gefahr nicht, aber wenn sie besteht, würde ich es trotzdem tun. Wir können es uns nicht erlauben, strategisch Menschen ertrinken zu lassen. Wir lassen Diabetiker auch nicht im Stich, bloß weil vielleicht der Umgang mit Zucker dann laxer wird."

200.000 Flüchtlinge wurden heuer bereits gezählt, informiert der Seenotretter. 3000 Tote ebenfalls. Über die Dunkleziffer will er nicht einmal spekulieren. Bei Nordwind beispielsweise kämen die Leichen nie in Europa an. Die meisten Schlauchboote werden im Sommer auf die hoffnungslose Überfahrt geschickt, denn es gibt nicht einmal genug Sprit, um die europäische Küste zu erreichen. "Alle diese Schiffe sind per se ein Seenotfall, überfüllt mit unerfahrenen Passagieren. Ein ausgebildeter Bootsführer würde sich sofort ins Gefängnis manövrieren."

Die See-Eye fährt den Ersteinsatz. Es schickt ein Schlauchboot zu dem Flüchtlingsschiff, verteilt Rettungswesten, Wasser und Sonnenschutz. Um das Schiff zu stabilisieren, werden Flüchtlinge manchmal auf Rettungsinseln umgelagert. Die Leute seien oft in einem schlechten Zustand, seit Monaten auf der Flucht. Sie würden nachts durchs flache Meer zu den Schlauchbooten getrieben, mit unzureichenden Wasservorräten und tagsüber ohne Schutz der gleißenden Sonne bei Temperaturen deutlich über 40 Grad ausgesetzt, lässt Buschheuer die Zuhörer wissen.

Geopfert


Er erzählt von der allerersten Sichtung der Sea-Eye-Crew. Ein Schlauchboot mit 60 Frauen und einigen Kindern an Bord. Die Helfer dachten zunächst die Schleuser seien "gnädig gewesen". Doch das war nicht der Fall, die männlichen Passagiere waren zugunsten der Frauen und Kinder von Bord und in den sicheren Tod gegangen. "Wenn Leute mitbekommen, wie es vor Ort ist, haben sie eine andere Sicht auf die Lage." Für bedrückende Szenen sorgt Buschheuer mit mehreren Videos.

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Wenn Sie jemanden aus dem Steinberger See fischen, fragen Sie auch nicht, ober er eine Wohnung hat. Sie helfen, weil er nicht mehr lange schwimmt.Sea-Eye-Gründer Michael Buschheuer


Sea-EyeDer Verein Sea-Eye wurde auf Initiative des Regensburgers Michael Buschheuer am 28. August 2015 gegründet. Mittlerweile zählt der Seenotrettungsverein 250 ehrenamtlich Aktive jeden Alters und aus allen Berufsgruppen. Die Crew auf der Sea-Eye besteht aus acht Personen: Kapiät, Maschinist, Schlauchboot-Führer, Funker und vier weitere Mitglieder. Die Besatzung zahlt die Flüge nach La Valletta (Malta), dem Heimathafen, selbst. Der Einsatz 2016 wird Buschheuer zufolge dennoch 250 000 Euro kosten.

Inzwischen verfügt die Organisation auch über das Schnellboot "Speedy", das in der Nähe von Djerba (Tunesien) liegt und schneller reagieren kann, aber weniger dabei hat als die Sea-Eye (700 Rettungswesten und Rettungsinseln für 500 Menschen). Der Verein ist weiterhin auf Helfer und Spenden angewiesen. Ebenso steht Michael Buschheuer für Vorträge in beliebiger Länge an Schulen, bei Vereinen und Organisationen bereit. Kontakt: Telefon 0170 / 709 7464 oder E-Mail info@sea-eye.org. Spendenkonto: IBAN DE60 7509 0000 0000 0798 98. (ihl)

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Weitere Informationen:

www.sea-eye.org
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