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Arbeitsvermittler und Therapeuten erarbeiten gemeinsame Strategien zur Wiedereingliederung psychisch Kranker in das Berufs- und Arbeitsleben

Bezirksklinikum und Arbeitsverwaltung wollen bei der beruflichen Integration von psychisch Kranken künftig enger zusammenarbeiten. In Wöllershof trafen sie sich zur Tagung. Dabei waren (von links) Dr. Benedikt Schreiner, Leiter der Bezirkssozialverwaltung, Dr. Heribert Fleischmann, Ärztlicher Direktor des Bezirksklinikums Wöllershof, Diplom-Sozialpädagogin Dr. Elke Hellwig, Diplom-Psychologin Anna Magin, der Vorsitzende der Arbeitsagentur Weiden, Thomas Würdinger, und Bezirkstagspräsident Franz Löffler. Bi
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Störnstein
27.04.2016
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Arbeitslose sind überdurchschnittlich von psychischen Erkrankungen betroffen. Soll die Wiedereingliederung in Arbeitsmarkt und Gesellschaft gelingen, müssen Arbeitsvermittler und Therapeuten mehr voneinander wissen

Wöllershof. Erstmalig trafen sich alle Arbeitsvermittler der Weidener Arbeitsagentur sowie der Jobcenter Weiden-Neustadt und Tirschenreuth in großer Runde mit Therapeuten und Klinikmitarbeitern des Bezirkskrankenhauses Wöllershof, um gemeinsame Strategien zur Wiedereingliederung psychisch Kranker in das Berufs- und Arbeitsleben zu entwickeln. Zur Tagung im Bezirksklinikum hatte die Bezirkssozialverwaltung eingeladen. Deren Leiter Dr. Benedikt Schreiner moderierte die Veranstaltung.

Bezirkstagspräsident Franz Löffler erinnerte an die demografische Entwicklung: "Der Arbeitsmarkt braucht jeden Einzelnen, aber keine Arbeit zu haben macht noch mehr krank." Die Ausgangssituation für die Aufgaben, die Arbeitsverwaltung und Therapeuten erledigen müsse, formulierte Ärztlicher Direktor Dr. Heribert Fleischmann in zwei Hauptreferaten. "22 Prozent der Berufstätigen haben eine psychische Erkrankung", zitierte er aus repräsentativen Untersuchungen. Unter den Empfängern von Arbeitslosengeld 1 liege dieser Prozentsatz bei 28,5 Prozent, unter Hartz-IV-Empfängern sogar bei 36,7 Prozent. Mit zahlreichen weiteren Statistiken untermauerte Fleischmann die Zunahme psychischer Erkrankungen. So sei zwischen 2000 und 2013 der Anteil psychischer Erkrankungen an allen Arbeitsunfähigkeitsfällen von 3,3 auf 4,9 Prozent gestiegen. Die "durchschnittliche Krankschreibungszeit" sei bei psychischen Erkrankungen in diesem Zeitraum von 26 auf 34 Tage angewachsen.

Viele Ursachen


"2000 Betroffene kommen in jedem Quartal in die Ambulanz des Bezirksklinikums zur Behandlung." Aus Angst vor Stigmatisierung würden viele Menschen psychische Krankheiten leugnen. Oftmals würden diese auch nicht erkannt.

Fleischmann beschrieb eine lange Liste von Ursachen für die Zunahme psychischer Erkrankungen. "Wir haben immer mehr atypische Arbeitsverhältnisse wie Befristungen und Zeitarbeit, die sehr viel Flexibilität verlangen." So komme es oft zur "Diskontinuität der Erwerbsbiographie". Auch Zeitmanagement, Arbeitsverdichtung und die vielen Überwachungsmöglichkeiten empfänden viele als eine zu große Belastung. Immer weniger Menschen könnten ihre Lebensperspektive auf ihre Arbeit aufbauen. Therapien dürften nicht "die Menschen trainieren, dass sie sich immer mehr den schlechter werdenden Arbeitsverhältnissen anpassen".

Dennoch sagte Fleischmann: "Auch Arbeit kann Gesundheitsprozesse fördern." Der Weg in die Psychiatrie würde oft über somatische Erkrankungen führen. Der Klinikleiter stellte die wichtigsten Grundsätze und Verfahren in der Klinik und in den Therapien vor. Menschen sollten in "möglichst normaler Umgebung behandelt werden". Stichworte waren auch Privatheit, Rückzugsräume und Reizabschirmung, aber auch Anregung und "Verantwortung so früh wie möglich zurückgeben".

Ein wichtiger Ansatz für die Wiedereingliederung auf dem Arbeitsmarkt sei "zuerst trainieren, dann platzieren". An Frühverrentungen für 3 bis 6 Stunden möchte niemand ran, wusste Fleischmann. 50,7 Prozent aller Anträge auf Vollverrentung lehne der Rentenversicherungsträger ab. Damit war das Thema auch an der Nahtstelle zwischen Arbeitsverwaltung und Therapeuten angekommen. Von der Agentur kam der Hinweis auf die in der globalisierten Produktionswelt existierenden Arbeitsbedingungen und auf die Notwendigkeit eines zweiten Arbeitsmarktes für psychisch Kranke.

Weitere Referate


Abgerundet wurde die Tagung durch Referate über Einrichtungen und Fördermöglichkeiten für psychisch Erkrankte. Diplom-Psychologin Anna Magin stellte alle Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben vor. Über beruflich orientierte Rehabilitation und ihre nachweisbaren Erfolge im stationären Bereich sprach Diplom-Sozialpädagogin Dr. Elke Hellwig.
Die durchschnittliche Krankschreibungszeit ist bei psychischen Erkrankungen zwischen 2010 und 2013 von 26 auf 34 Tage angewachsen.Ärztlicher Direktor Dr. Heribert Fleischmann
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