Nicht nur Eltern leiden
Fachleute diskutieren über Hilfen von Kindern psychisch Kranker

Mediziner, Psychologen und Sozialpädagogen diskutierten über Hilfen für Kinder suchtkranker Eltern. Dazu hatte die Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft Nordoberpfalz um Vorsitzenden Thomas Fehr (Dritter von rechts) ins Bezirksklinikum Wöllershof eingeladen. Bild: sbü
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Störnstein
22.10.2016
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Wöllershof. Viele reden über psychische Erkrankungen und Süchte von Erwachsenen. Doch was ist mit ihren Kindern? Diese Frage beleuchtete eine Fachtagung im Bezirksklinikum Wöllershof.

"14 Prozent unserer Patienten geben an, mit einem Kind unter einem Dach zu leben," sagte Ärztlicher Direktor Dr. Heribert Fleischmann zum Hintergrund. Da gelte es, die Weitergabe von Problemen an die nächste Generation unbedingt zu verhindern. Essstörungen, Hyperaktivität, Defizite in den schulischen Leistungen oder andere sichtbare Auffälligkeiten könnten darauf hindeuten, dass sich die Krankheit des Erwachsenen auch auf das Kind auswirkt.

Dass allerdings Kinder psychisch- oder suchtkranker Eltern nicht von vornherein auch als krank gelten müssen, darauf machte Oberarzt Hans Kiefl von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Weiden aufmerksam. Eine genetische Begründung für psychische Erkrankungen sei oftmals ein Vorurteil. Allerdings entscheide die Genetik, "wie empfindlich Individuen gegenüber psychischen Belastungen sind". Teilweise fühle sich auch die Psychiatrie jedoch für Kinder der psychisch Kranken nicht zuständig.

In Deutschland gebe es 2,6 Millionen Kinder mit mindestens einem suchtkranken Elternteil, rechnete Psychologin Nicole Schreiber vor. Die hätten eine deutlich höhere psychosoziale Belastung und ihr Risiko, selbst zu erkranken, sei zwei bis viermal so groß wie im Durchschnitt. Bei Suchtkranken sei das Risiko sogar siebenmal größer. "Ein Drittel der Kinder suchtkranker Eltern wird im Erwachsenenalter ebenfalls stofflich abhängig", bilanzierte Schreiber.

Über Krankheit sprechen


Dagegen böten Faktoren wie stabile Familienbeziehungen, Zusammenhalt, eine gute Paarbeziehung der Eltern und angemessenes Erziehungsverhalten Schutz. Suchtkranke würden allerdings die Bedürfnisse der Kinder wenig wahrnehmen, sich überfordert fühlen und die Kinder als schwierig empfinden. So entstünden Probleme von Söhnen und Töchtern, die sich als Schuldgefühle, Isolierung, Scham und Ängste niederschlagen. Um zu helfen, empfahl die Psychologin, Kinder über die Erkrankung der Eltern aufzuklären. Dazu gab es eine Liste mit Kinderbüchern zum Thema.

Schwerpunkt der Podiumsdiskussion war schwerpunktmäßig die Versorgung der Betroffenen in der Region, insbesondere die Frage nach ausreichenden Unterstützungsmöglichkeiten. Probleme bereite vor allem in der Vernetzung der zahlreichen beteiligten Stellen. Bei vielen Kostenträgern seien kaum Kapazitäten für die zwingend erforderlichen Kooperationen und Netzwerke vorhanden. Eine Arbeitsgruppe unter dem Dach der psychosoziale Arbeitsgemeinschaft (PSAG) soll sich deshalb demnächst diesem Thema widmen.

Ein Drittel der Kinder suchtkranker Eltern wird im Erwachsenenalter ebenfalls stofflich abhängig.Nicole Schreiber, Diplom-Psychologin
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