Forscher lassen Stulln altern

Eine genaue fotogrammetrische Aufnahme und Analyse des innen unverputzten Westgiebels soll helfen, das Alter der Kirche zu bestimmen. Bilder: hfz (2)
Lokales
Stulln
06.03.2015
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Ist Stulln schon viel älter als bisher angenommen? Anhaltspunkte dafür gibt es. Eine baugeschichtliche Erforschung der Stephanuskirche soll nun deren Alter ermitteln.

1174 - in diesem Jahr wird Stulln in einer Urkunde des Bamberger Bischofs erstmals erwähnt. Doch möglicherweise gibt es ein Bauwerk, das viel älter ist: die Stephanuskirche an der Hauptstraße, von den Stullnern liebevoll die "alte Kirche" genannt. Eine baugeschichtliche Untersuchung, mit der Bürgermeister Hans Prechtl kürzlich den Archäologen Dr. Mathias Hensch beauftragte, soll das wahre Alter der Kirche bestimmen.

In den vergangenen zwei Jahren haben Bürgermeister Prechtl und Ortsheimatpfleger Hans Klar in etlichen Gesprächen mit Hensch und dem Landesamt für Denkmalpflege wertvolle Informationen zusammengetragen. Einiges, das Generationen von Schülern im Heimatkundeunterricht gelernt haben, muss neu geschrieben werden. So ist der Name "Stulln" nicht aus dem Wort "Stollen" und dem Bergbau abgeleitet, denn Stulln ist älter. Und auch die frühere Annahme, dass zuerst der Turm als Wehrturm stand und an diesen später die Kirche angebaut wurde, trifft nicht zu.

Sitz oder Richterstuhl

Dem Namen liegt althochdeutsch "Stuhl, Sitz, Richterstuhl" zugrunde. Der Ort hat damit eine interessante Parallele zu Penk, das zum Markt Nittendorf im westlichen Landkreis Regensburg gehört. "Penk" steht für "Richterbank", meint also dasselbe wie "Stulln", und die Kirche St. Leonhard sieht der Stullner verblüffend ähnlich. Die Penker Kirche wurde in den letzten Jahren von Hensch professionell mit bemerkenswerten Ergebnissen untersucht. In Stulln ist jetzt ähnliches angedacht.

Kirchensaal älter

Bei der Stephanuskirche handelt es sich um eine Chorturmkirche. Der mächtige Turm wurde im 15. Jahrhundert an den sehr viel älteren Kirchensaal (Langhaus) angebaut. Dessen Alter und der ursprüngliche Chorabschluss sind bislang unbekannt. Das Erscheinungsbild, die Proportionen und bautechnische Details des kleinen Saals deuten darauf hin, dass der Bau ein ähnlich hohes Alter besitzen könnte wie die Penker Kirche, die auf das 8. oder 9. Jahrhundert datiert wird. Die in der Denkmalliste des Landesamtes für Denkmalpflege getroffene Einordnung der alten Stullner Kirche als "spätromanisch" ist mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht richtig.

Vor wenigen Tagen begann die erste Projektphase zur Erforschung des Alters und der Baugeschichte der Stephanuskirche. Da der Westgiebel, der direkt an der Straße liegt, als ältestes Gebäudeteil gilt und zudem im oberen Bereich innen unverputzt ist, wurde diese Wandfläche näher unter die Lupe genommen. Deutlich lassen sich noch heute verschiedene Bauabläufe erkennen. Der Westgiebel wurde vor Jahrhunderten um 80 Zentimeter erhöht und auch die Kirchentür wohl erst später an diese Stelle gesetzt. Die Granitsteine, die den Eingang umfassen, sind jüngeren Datums.

"Stulln birgt noch Geheimnisse", ist sich Bürgermeister Prechtl sicher. Der Name "Richterstuhl" könnte auf einen administrativen Mittelpunkt schließen lassen, der vielleicht sogar mit dem noch nicht erforschten Burgstall auf dem Mühlberg östlich des Ortes in Verbindung steht. Bei der Beprobung wurde nach häufig in mittelalterlichen Mörteln zu findenden Holzkohlepartikeln gesucht - ergebnislos. Diese Tatsache spricht für eine sehr sorgfältige Aufbereitung des Kalkmörtels.

Zur Freude der Beteiligten traten Holz- und Strohreste zu Tage, die beim Mischen des Mörtels bzw. bei der Aufmauerung der Giebelwände im Mörtel eingeschlossen wurden. Nach der Dokumentation der Lage dieser organischen Bestandteile wurden insgesamt sechs Proben für eine Radiokarbon-Untersuchung gezogen. Dabei ist sicher, dass nicht alle Proben zur vermeintlich ältesten Bauphase des Giebels gehören. Auch ein Umbau, der wahrscheinlich mit dem Bau des Turms im 15. Jahrhundert einherging, kann dann genauer datiert werden. Die Proben werden nun nach Miami geschickt. "Wir warten gespannt auf die Ergebnisse", zeigt sich Hensch interessiert. In einer zweiten Projektphase wird das Forscherteam weiteren konkreten Fragen zur Baugeschichte des Kirchleins nachgehen können, sofern das Geld dafür zur Verfügung steht. "Wir hoffen auf den Denkmalschutz", gibt sich Prechtl erwartungsvoll. Und auch die Katholische Kirchenstiftung als Eigentümerin der Stephanuskirche steuert einen Teil dazu bei.
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