Apothekerin Helma Koch spricht im Seidel-Saal über 1000 Jahre Pharmazie-Geschichte
Weise Frauen auf Scheiterhaufen

Freizeit
Sulzbach-Rosenberg
28.01.2016
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Bader, weise Frauen, Quacksalber, Schamanen und Krankheiten, die als Strafe Gottes angesehen wurden - Menschen im Mittelalter hatten es nicht leicht, wenn sie medizinische Hilfe gebraucht haben. Ihre Medikamente bestanden aus Pflanzen, die in einem "Hexenkessel" vermischt wurden und entweder zur Heilung oder zum Tod führten. Da fragt die Apothekerin von heute mit Recht: Kann man da von einer guten alten Zeit reden?

Es hätte ein trockenes Thema sein können. Doch Apothekerin Helma Koch spickte ihren Vortrag über "1000 Jahre Pharmazie-Geschichte" mit so viel Informationen, Geschichten und auch Bildern, dass ihre kleine Zuhörerschar einen ebenso lehrreichen wie unterhaltsamen Abend erlebte. Es war der erste in der Veranstaltungsreihe "Gesundheit und Geschichte", mit dem das Museum Alte-Hof-Apotheke in den Seidel-Saal eingeladen hatte.

Mit Einzug des Islam


"Pharmazie-Geschichte ist Teil unserer Kulturgeschichte". Koch zeigte auf, dass die Heilkunde in Europa eigentlich erst mit dem Einzug des Islam beginnt: "Die unterschiedlichen Kulturen und Glaubensrichtungen wurden nicht bekämpft, sondern befruchteten sich gegenseitig". Für das Christentum war Heilkunde für Seele und Körper gleichermaßen zuständig. In den Klöstern wurden Bedürftige aufgenommen und gepflegt, Kenntnisse vermischten sich, es entwickelten sich Hospitäler und Klostergärten, in denen Arzneipflanzen angebaut wurden.

Giftige Pflanzen


Auch im Sulzbacher Schloss, so die Rednerin, gab es im 8. bis 9. Jahrhundert einen Arzneipflanzgarten, ein Vorgänger der Hofapotheke. Dort handelte es sich um stark wirksame, giftige Pflanzen, nach heutigem Verständnis um Drogen, die ganz selbstverständlich angewendet wurden.

Als Droge Nummer eins bezeichnete Koch in dieser Zeit das Bilsenkraut, das bis zur Einführung des Reinheitsgebotes im 16. Jahrhundert dem Bier beigemischt wurde, die Namen Pils und Pilsen zeugen noch heute davon. Aber auch andere Giftpflanzen wie Eisenhut, Nieswurz, Hanf oder Brechnuss, ferner Organe und Exkremente von Tieren, Mineralien und Metalle wurden zu Rezepturen verarbeitet. "Aber auch heute", so die Apothekerin, "verwendet die Pharma-Industrie Pflanzen wie vor 1000 Jahren: Anis, Fenchel, Koriander, Lavendel, Minze, Majoran und viele andere." Das geheime Wissen um Pflanzen und ihre Wirksamkeit brachte im 13. Jahrhundert weise Frauen auf den Scheiterhaufen, die Krankheit galt als eine Strafe Gottes, das Medizinstudium umfasste die Fächer Theologie und Philosophie, die Ausübung des Arztberufes war klerikal überwacht. Auch noch 100 Jahre später durfte ein Arzt erst tätig werden nach abgelegter Beichte des Kranken und Beisein eines Pfarrers.

Ab 13. Jahrhundert


Helma Koch zeigte auf, dass der lange Weg der Pharmazie einerseits gekennzeichnet war von erstaunlichem Wissen, aber auch von Aberglauben, Irrwegen und der Angst der Kirche vor dem Machtverlust. Ab dem 13. Jahrhundert sei aus dem Gewürz-und Kräuterhändler der Apothekerberuf entstanden, "so auch hier die Rats-Apotheke aus einem Kramladen über dem Lochgefängnis".

Die weitere Entwicklung bis heute stellte sie im Zeitraffer dar: Mit Paracelsus habe um 1500 der Schritt weg von einem 2000 Jahre währenden System begonnen, weg vom Aberglauben, hin zum vernunftgemäßen, naturwissenschaftlichen Denken, Das biochemische Verständnis und neue Medikamente wie das Chinin hätten die Apothekenlabors zu Forschungsstätten gemacht, die im 18. Jahrhundert von Universitäten übernommen wurden.

Der Arzneischatz habe sich grundlegend gewandelt, zwei Drittel der gebräuchlichen Medikamente seien nicht mehr verwendet worden. Die Apotheker-Ausbildung wurde angeglichen, auch gering Verdienende hätten sich einen Arztbesuch und Medikamente leisten können, die neuen, inzwischen auch synthetisch hergestellten Arzneimittel hätten eine zuvor nie gekannte Wirksamkeit.

Mehr als in 2000 Jahren vorher"Seit dem 2.Weltkrieg hat sich auf dem Gebiet der Pharmazie mehr getan als in 2000 Jahren vorher", stellte Helma Koch fest. Sie habe ihr Examen 1970 gemacht, das damals Gelernte könne sie heute vergessen. Auch in der Apotheke in der Fröschau, die sie von 1997 bis 2008 geleitet habe, sei sie nach rund sieben Jahren Ruhestand nicht mehr auf dem Laufenden. Wie es weitergehen werde? Sie sieht heute wieder einen Umbruch:. "Die Pharma-Industrie forscht gezielt nach Medikamenten, die nicht den Körper betreffen, sondern das, was den Körper krank macht." Eine Lanze bricht sie für die Schulmedizin: "Sie ist unser heutiges medizinisches Wissen inklusive der Pflanzenheilkunde mit chemisch abgewandelten Pflanzeninhaltsstoffen." (hka)
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