Dominik Gorczyca bastelt filigrane Kunstwerke aus Karton
Der Papierflüsterer vom Loderhof

Dominik Gorczyca mit dem Rad einer Lokomotive. Das Eisenbahn-Modell hat er sich für die nächsten Jahre vorgenommen.
Freizeit
Sulzbach-Rosenberg
29.01.2016
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Nach einem halben Jahr drehen sich an dem Lanz-Bulldog endlich die Räder. Dominik Gorczyca hat das Modell aus Papier gebastelt. Sogar die Buchstaben und die Schrauben hat er extra ausgeschnitten und auf die Motorhaube geklebt. "In Polen ist das Basteln von Papier-Spielzeug ein Volkssport", sagt der 36-Jährige, der seit fünf Jahren am Loderhof wohnt. Bilder: Hartl (5)

Er braucht scheinbar nur ein bisschen herumzutasten und schon biegt sich der Zellstoff unter seinen Fingern zu einem filigranen Kunstwerk. Dominik Gorczyca bastelt Fahrzeuge aus Papier. Und formt jedes Schräubchen einzeln.

Er kennt sie alle: die dicken und die dünnen, die biegsamen und die starren. Wenn ein Stück Papier auf dem Tisch vor Dominik Gorczyca liegt, dann sieht er darin bereits das, was daraus einmal werden könnte: ein Kotflügel vielleicht oder eine Radspeiche, ein Scheinwerfer oder ein Lenkrad.

Als Landschaftsgärtner


Der 36-jährige Pole, der seit fünf Jahren im Sulzbach-Rosenberger Stadtteil Loderhof wohnt, bastelt Spielzeug aus Papier. Im vergangenen Sommer hat er angefangen, einen Lanz-Bulldog nachzubauen. Nach gut sechs Monaten ist er nun fast fertig. "Das ist eine Jahresaufgabe", sagt der Papier-Virtuose, der aus der Nähe von Danzig stammt und hier als Landschaftsgärtner arbeitet.

Dominik Gorczyca ist viel allein in seinem Wohnblock am Stadtrand. Mit dem Basteln vertreibt er sich nicht nur die Zeit. Er holt ein Stück Polen an den Loderhof. Denn schon als Kind hat er seine ersten Rennwagen, Lokomotiven und Segelflieger aus Papier gebastelt. "Bei uns zu Hause ist das ein Volkssport", erzählt er. In seiner Heimat sei ein ganzer Industriezweig entstanden, der papierene Bastelbögen und die dazu passenden Klebstoffe vertreibt.

An diesem Winterabend schneidet er mit einem Skalpell die Streifen aus einem Karton, die er für das Schutzblech über dem großen Hinterreifen braucht. Die Schnitte sitzen millimetergenau. Über eines der Papierstücke streicht er vorsichtig den Kleber, von dem er sich kurz zuvor einen Tropfen auf die Fingerspitze gesetzt hat. "Der muss wasserlöslich sein", sagt Dominik. Der Wasser-Leim sorgt zwar dafür, dass das Papier Wellen wirft. "Aber dafür macht er keine Flecken."

"In einer anderen Welt"


Für den Lanz-Bulldog hat er zwar einen Bauplan. Lieber vertraut er aber auf die Fotos, die er in einem Museum gemacht hat. "Der echte Traktor hat da unten am Blech noch ein paar Nieten. Die werde ich da noch draufsetzen." Die Nieten stanzt er mit einer Nadel aus dem Papier - lauter kleine Punkte, kaum einen Millimeter groß.

Dominik hat einen Werkzeugkoffer. Statt Hammer und Beißzange hält er darin Pinzetten parat, Stäbchen aus Holz, Pinsel und eine ganzes Magazin von Pigment-Tuben. Die richtige Bemalung sorgt ja erst dafür, dass das Schutzblech aus Karton glänzt wie Metall und der papierene Reifen aussieht wie aus Gummi. "Wenn ich bastle, dann bin ich in einer anderen Welt", erzählt der 36-Jährige. "Das ist so, wie wenn andere zum Angeln gehen." Oder nach einem langen Auslandsaufenthalt nach Hause fahren. Dominik stellt das fast fertige Traktor-Modell auf die vier Räder, schiebt es hin und her, um zu sehen, ob die Lenkung funktioniert. In Gedanken tuckert er auf dem Lanz-Bulldog zu seiner Familie nach Danzig.

KartonmodellbauDer Kartonmodellbau hat längst europaweit seine Anhänger gefunden. Auch in Deutschland haben sich mittlerweile Firmen auf die Herstellung und den Vertrieb von Bastelbögen spezialisiert. Vorlagen zum Ausschneiden und Zusammenkleben gibt es nicht nur für Fahrzeuge, sondern auch für Ritterburgen, Königsschlösser, Kirchen und Kathedralen. Im Internet existieren mehrere Foren, in denen sich die Bastler austauschen oder auch nach Ersatzteilen suchen, wenn sie mal mit dem Skalpell abgerutscht sind.

Der Bogen für das Modell der Stiftskirche Stuttgart im Maßstab 1:250 ist für 7,90 Euro zu haben. Wer Schloss Neuschwanstein nachbauen will, muss 49,90 Euro berappen. "Früher war das mit den Vorlagen eine Katastrophe", erinnert sich Dominik Gorczyca an seine Kindheit. Die Drucke waren teilweise so schlecht, dass die Bastelarbeit keinen Spaß mehr machte. "Seit das per Computer hergestellt wird, ist das alles kein Problem mehr." Der Sulzbach-Rosenberger pflegt sogar persönlichen Kontakt zu den Urhebern seiner Modell-Vorlagen. "Wenn ein Teil verloren geht, dann stellen die auch schon mal die Datei zur Verfügung. Dann hab ich ein unerschöpfliches Ersatzteillager." (upl)
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