Alte Sulzbacher Thora-Rolle für ein Jahr in Sulzbach-Rosenberg
Die Rückkehr der Seele

Eine eigens angefertigte Vitrine mit darüber angebrachter Infotafel beherbergt die alte Sulzbacher Thora-Rolle nun für ein Jahr in der Synagoge.
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
18.04.2016
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Der Stadtbrand von 1822 und die SA-Schergen 1938 konnten einer der ältesten Thora-Rollen Bayerns nichts anhaben. Sie stammt aus der Sulzbacher Synagoge und kehrte dorthin am Sonntag zumindest für ein ganzes Jahr zurück. Obwohl sie zum Gebet aktuell nicht mehr genutzt werden kann, weckte Rabbiner Elias Dray eine neue Hoffnung.

Der jüdische Geistliche der Israelitischen Kultusgemeinde Amberg hatte die im Jahr 1792/93 in Sulzbach geschriebene Thora-Rolle in der Synagoge der Vilsstadt wiederentdeckt. Geplant war zunächst deren Restaurierung, aber Experten in Israel bezifferten die Kosten dafür auf rund 50 000 Euro, was nicht zu schultern gewesen wäre. Aber Dray deutete in seinen Erklärungen an, dass es jetzt doch Signale gebe, die eventuell eine Restaurierung der wertvollen Gebetsrolle finanziell absichern könnten. "Wir sollten die Hoffnung nicht aufgeben, dass sie wieder im Gottesdienst verwendet werden kann", so Dray voller Zuversicht.

Mit dem Jubiläum "350 Jahre jüdische Gemeinde Sulzbach" kam nun die Gelegenheit, die heiligste Schrift der Juden in der Herzogstadt auszustellen. Am Sonntag brachten sie Rabbiner Dray, Vorstandsmitglied Alexander Jolowitsch, Oberbürgermeister Michael Cerny und Bürgermeister Michael Göth von Amberg per Auto-Eskorte nach Sulzbach-Rosenberg zur Ausstellungseröffnung.

24 Meter lang


Dort stand neben der feierlichen Ablage der 24 Meter langen und 65 Zentimeter hohen Rolle in einer eigens angefertigten Vitrine mit ausführlichem Erläuterungstext der Festvortrag von Professor Dr. Michael Brenner über das jüdische Leben in der Oberpfalz im Mittelpunkt. Der gebürtige Weidener ist Lehrstuhlinhaber für jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

"Die Steine stehen noch, die Druckerei wie auch die Synagoge wurden vor der Zerstörung bewahrt. Es ist an der Zeit, die Synagoge wieder als einen würdigen Ort eines bedeutenden Teils der Sulzbacher Geschichte zu beleben. Diese Steine können gerade der jüngeren Bevölkerung, für die die jüdische Vergangenheit des Ortes nicht mehr präsent ist, einiges vermitteln." Mit dieser Passage aus Brenners Buch "Die Juden in der Oberpfalz" hieß Bürgermeister Michael Göth den erstmals in der restaurierten Synagoge weilenden Referenten willkommen.

Hohe Bedeutung


Auf lebendige Weise zeigte der Redner die vielfältigen Spuren jüdischen Lebens in unserem Regierungsbezirk auf. Er bezeichnete Sulzbach als einen Ort von überregionaler Bedeutung für die Juden. Er verwies auf die wichtige Rolle der hier ansässigen Druckereien, die lange Zeit die meisten hebräischen Bücher in deutschen Landen produzierten. Möglich machte dies alles Herzog Christian August als Schutzherr, der sich besonders für die Kabbala, die jüdische Mystik, interessierte.
In Sulzbach geschriebenAuf der Informationstafel in der Synagoge mit dem Text von Hebraist Dr. Ittai Tamari erfährt der Betrachter, dass die Thora-Rolle 1793 fertiggestellt wurde. Sie besteht aus 30 Tierhäuten, ist im Schriftstil Beit Joseph geschrieben und im Sulzbacher Gebetshaus geweiht. Wie es weiter heißt, ist die über 200 Jahre alte Schrift stummer Zeuge für ein intaktes jüdisches Leben in Sulzbach - zugleich aber auch für dessen Niedergang. Dieses wichtigste jüdische Kultusobjekt wurde vor Ort hergestellt, durch einen in der Gegend wirkenden Fachkundigen. Demnach konnte sich die bescheidene Sulzbacher jüdische Gemeinde einen Sofer - Schreiber der drei wichtigsten Textstücke des Judentums: Thora-Rolle, Mesusa (Segensspruch am Türpfosten) sowie Scheidebriefe - leisten. Zeremonien zur Einweihung einer Thora-Rolle erinnern an eine jüdische Hochzeit: Das Gesetz Gottes wird mit seinem Volk vermählt.

Die Ausstellung ist mittwochs und sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet, Gruppen auf Anfrage, 09661/87 768-21.

In der Einrichtung der Druckereien sah Brenner auch den Zuzug von jüdischen Druckern mit ihren Familien begründet. Diese brauchten Lehrer für ihre Kinder, Bedienstete, Metzger und Bäcker. Es entstand eine jüdische Gemeinde, die hier bis ins 20. Jahrhundert weiter existierte.

Symbol jüdischen Lebens


Zum Ende seiner an das ereignisreiche jüdische Leben in der Oberpfalz erinnernden Ausführungen fasste Professor Michael Brenner zusammen: "Mit der Einkehr einer Thora-Rolle enthält das lange entweihte Gemäuer dieser Synagoge sozusagen wieder seine Seele zurück - und diese Seele gehört nicht den Steinen, die uns umgeben, sondern den Menschen, die hier und in den Synagogen von Sulzbach und Sulzbürg, von Floß und Weiden, von Amberg und Regensburg jahrhundertelang gebetet haben."

Diese wertvolle Thora-Rolle sei auch Symbol dafür, dass das Ner Tamid - das ewige Licht jüdischen Lebens - auch in der Oberpfalz weiterhin brennt.

Wie ein Mensch - Angemerkt von Andreas Royer

Der 17. April 2016 wird künftig als ein weiteres geschichtsträchtiges Datum in der Herzogstadt genannt werden. Mit der Rückkehr der Thora-Rolle an den Ort ihrer Entstehung vor mehr als 200 Jahren schließt sich ein Kreis, der über die hohe Bedeutung jüdischen Lebens und jüdischer Kultur in unserer Region ein wichtiges Zeugnis ablegt.

Das heiligste Schriftstück der Israelitischen Kultusgemeinden ist in historischer Form und aus Sulzbach stammend in Amberg von Rabbiner Elias Dray wiederentdeckt worden. Es genießt bei den Juden ähnliche Wertschätzung wie ein Mensch - aus der Thora wird nicht nur gelesen, mit ihr wird getanzt und sie wird - rituell unbrauchbar - sogar auf einem Friedhof begraben.
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